Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 28 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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! Redaktion imb Aduiinistratiou: | Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.888. Administration Aut. 47.654 K k. SKerr. Postsparkassa» 8check»Konto Zir. lvv.818. Inserate: Die viermal gesvaltene Ronvareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und Jnsertionsbeträge find in Wie» zahlbar und klagbar. 8«akhängige Jertfchnft für jüöische Bezugspreis: j Ganzjährig.K 15.— 1 Halbjährig.K 7.50; Interessen. Für KultnSbeamte: «anzjKhrig.K 10 — Hrscheint jeden Irreitag. Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark Motto: „Das Siegel Gotte» ist Wahrheit!“ 6 'Jfubil aber 10 FrcS. Mr. 28. Wien. 3. November HM6 Inh alt: An die geehrten Abonnenten in Ungarn. — „Jelech no haschem bekirbenu.“ — Die Ausgestaltung der israel. Relgionsgesellschaft. — Eine international-konfessionelle Arbeitssrage. — Der erste Jahrzeitstag nach Dr. Gustav Kohn. — Aus der Wiener KnltnSgemeinde. — Aphorismen. — Zur 125jährigen Jubelfeier der Berliner Siug-Akademie. — Verschiedene Nachrichten.— Oesterr.-ungar. Kantoren-. Verein. An die geehrten Abonnenten in Ungarn, Kroatien und Bosnien. Unsere geehrten Abonnenten in Ungarn, Kroatien und Bosnien machen wir aufmerksam, daß taut einer neuen Aerordnung der königt. ungarischen Uostdirektion aö 1. Jänner 1917 Abonnements auf unser Malt nach obgenannten Ländern ausschließlich bei den dortigen Uoftämtern angemetdet werden muffen. Die Uedaktion. „Jelech no haschem bekirbenu .. Irgend ein sürwitziger Denker behauptete, Rafael wäre ein ebenso großer Maler gewesen, wenn er ohne Hände geboren worden wäre. Ich will mich nicht in das psychologische Problem jenes Denkers vertiefen, wie ich es nicht täte, wenn jemand behaupten möchte, daß irgendeine berühmte Tänzerin eine solche auch gewesen wäre, wenn sie ohne Füße auf die Welt gekommen wäre. Diese Behauptung, die in der Logik petitio principii heißt, kommt mir in bcn Sinn, wenn man von dem jüdischen Volke verlangt, es solle ohne Hände malen oder ohne Füße tanzen. Die Inden, heißt es, besäßen keine eigene Kunst, keine eigene Kultur, mit einem Worte keinen jüdischen Stil, dagegen besitzen sie viele sittliche und gesellschaftliche Mängel n. dergl. Dar sagen nicht nur die Andersgläubigen, sondern auch unsere eigenen sogenannten „besseren" Glaubensgenossen, deren Ueberlegenheit in der superklugen „Bekrittelung" ihrer eigenen Glaubensgenossen besteht. Ob diese guten Leute recht oder unrecht haben, gehört in ein anderes Kapitel. Ich will nur betonen, daß man trotz der inneren Potenz ohne Hände nicht maleil und ohne Füße nicht tanzen kann... Wenn alle unsere genialen oder talentierten Söhne ihre Kräfte andern Völkern weihen; wenn unsere Halewys, MeyerbeerS, Mendelsohns, Gutzkows, Heines, Börnes, Saphirs, Auerbachs, Komperts, Ascolis, Munks, Fiorentinos, Lnzzatos, Stilligs, Traubes, Fränkels, Conheims, Spinozas, Lasfales, Goldschmidts, Beers und wie sie alle heißen mögen, die jüdischen Musiker, Maler, Dichter und Denker, Politiker, Schauspieler. Sprachforscher, Historiker, die Kunst, Literatur, Philosophie und die Sprache anderer Völker bereichern und fördern, während sie ihr eigenes Volk schnöde vernachlässigen, so wäre es kein Wunder, wenn dieses Volk elend und verkümmert dastünde. Alle, alle tragen sie ihre Geistesgaben. ihr Wissen und Können auf fremde Märkte, wovon sollen lv i r uns denn nähren? Wer könnte nicht eine immense Zahl von Inden aufzählen, die für andere Völker dichteren, komponierten, dachten llnd kämpften, somit zu deren Hebung, Ruhm und Wohlfahrt beitrugen und sich dann über die Leere in ihrem Volke beklagen? Zum Schmerze über die Treulosigkeit, den Verrat am eigenen Volke gesellt sich noch der Verdruß, daß sie es wagen zu verlangen, daß ein der Hände beraubter Mensch malen könne. Es erinnert an ein sinnreiches Moschel des berühmten Predigers aus Dubno, „Dubnoer Magid" genannt. Dieser Mann liebte es. manche unerklärliche Stellen der Brbel durch Beispiele in Form von sinnigen Anekdoten zu erläutern. Die Bibel, sagt er, erzählt uns. daß Moses zu Gott sagte: „Jelech no haschem bekirbenu, ki am. kesche oref hu, wesolachto laawonenu ulehatosenu unchaltonu." (Wandte, o Gott, unter uns, denn wir sind ein halsstarriges Volk und dn wirst uns unsere Sünden und Fehler vergeben usw.) Die Motivierung der Bitte, uns zu besuchen, ist so kurios, daß sie kein vernünftiger Mensch begreifen kann. Hat man es je gehört, daß ein gesitteter Mensch sich die Ehre eines Besuches auf diese Weise erbitte? Daß man sich als schlecht und sündhaft ausgibt? Wendet man nicht eher alles an. um sich als anständigsten Menschen auszugeben, "der des Besucher würdig ist? Da zieht uns das Moschel aus der Verlegenheit: Einst begegnete ein Städter, der zeitweilig in einem Dorfe zu schaffen hatte, einem Hausierer, der seine Waren den Dorfbewohnern feilbot. „Was suchst du hier?" frug der Städter den Hausierer. — „Zch suche Käufer," lautete die Antwort, „doch ich wandere hier schon zwei Tage umher, ohne auch nur einen einzigen Kauflustigen zu sinden". — Was für Waren führst du dem»?" forschte der Städter weiter. „Ich führe", sprach der Hausierer, „wie du siehst, goldene Ketten, Ringe, Armbänder, Perlen und andere Putzgegenstände." Da lachte der Städter hell auf, und sprach: „diese Sachen willst du hier in einem Dorfe an den Mann bringen? Wer soll sie dir abkaufen? Peter oder