Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 27 (20.10.1916)
- Date
- 1916-10-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27. Die 'Wahrheit. Seite 7. die Russen, immer noch ließ, die feindliche Artillerie ihre todbringenden Geschosse in unsere Reihen fallen. Au den Transport der Verwundeten konnte nicht gedacht werden. Es waren ihrer zu viele, \ und außerdem lag die Gefahr nahe, daß alle Sanitätslente, wenn sie aufrecht schreitend das Feld abgesucht hätten, mit ihren Tragbahren den blind heransausenden Kugeln unwillkürlich zahlreiche Ziele geboten und die Zahl der Opfer nur noch vermehrt hätten> Am Hilfsplatz hinter der Front arbeitete seit Tagen unermüdlich der Bataillons'Chefarzt Dr. Moritz Inda, der die Charge eines Assistenzarztes in der Reserve bekleidete. Als man ihm meldete, daß die Verhältnisse imd das Ansmaß der vorhandenen Hilfsmittel es unmöglich machten, die Verwundeten zur Berbandstelle zu bringen, faßte er rasch einen Entschluß. Er ging mit Verbandzeug und allen unbedingt nötigen Utensilien, von einigen Getreuen gefolgt, selbst aufs Gefechtsfeld hinaus. Dort, inmitten der Sterbenden und Stöhnenden, der Getroffenen und Znsammengebrochenen übte er seinen Samariterdienst. Die Kugeln pfiffen, sausten durch die Luft und bohrten sich in die weiche Erde. Rings um ihn schlug es ein, und jeden Augenblick konnte auch für ihn die letzte Minute gekommen sein. Aber er arbeitete ruhig, sachlich, rasch weiter, er dachte gar nicht an die Gefahr, in der Fülle seiner Arbeit sah er sie nicht und wollte sie nicht sehen. Wie vielen Menschen er an jenem Tage das Leben gerettet hat, das weiß weder er, noch sonst jemand. Die Aufopferungsfähigkeiten Dr. Judas sind im Regiment bekannt. Ts dürfte sich wohl selten ereignen, daß ein Arzt Instrumente nnd Heilmittel ans eigenen Mitteln vom Hinterlaude sich beschaffen läßt, um seinen Patienten Linderung zu geben. Aber Dr. Juda tat es. Nicht nur aus Ambition,, sondern ans reinster Menschlichkeit. Das Gewimmer und Gestöhne der armen Soldaten, die von gräßlichen Wunden zerrissen hilflos vor ihm lagen, konnte sein Herz nicht gefühllos ertragen. Und so opferte er alles, seine Kraft und sein Gut, um wenigstens im höchsten Ausmaß seiner Möglichkeit Anteil am allgemeine» Vaterlandsdienste zu haben. Die Inden im rnsstschen Okkupationsgebiet. Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgenden Bericht: „Schon vor dem Durchbruche von Gorlice nnd Tarnow, der die in wenigen Wochen durchznführende Räumung des von den Russen besetzten Teils von Galizien erzwang, machte sich in der russischen fortschrittlichen Presse eine lebhafte Äewegllng gegen die Verwaltung des Okkupationsgebietes geltend, die dorthin die schlimmsten Mißbräuche der russischen -Bureänkratie übertragen hatte. Auch in englischen ZeitungeN bemerkte man den Widerhall dieser Klagen, die nur zu begründet waren. Die Räumung Galiziens entzog dann diesen Erörterungen den Boden der unmittelbaren politischen Aktualität, sie wurden aber noch einige Zeit fortgeführt. Gewiß ist es kein Zufall, daß nach der abermaligen Besetzung einiger Teile Ostgaliziens in diesem Sommer nicht mehr Graf Böbrinski, der in Lemberg als Statthalter des Zaren wirtschaftete, in sein früheres Amt eingesetzt wurde. Man schien in Petersburg entschlossen zu sein, die Mißstände der ersten Okkupation zu vermeiden, und die liberalen Blätter machten kein Hehl auS ihrer Befriedigung darüber, weil sie vor den westlichen Verbündeten Rnßtänds gern die Rolle des Kültnrträgekß spielen möchten. Wie es nun aber während der zweiten Besatzung in Galizien unter russischer Herrschaft aussieht, geht ans einem Bericht des russischen Semstwobundes hervür, besten Hilfswerk in größtem Stil organisiert ist und bessert amtliche Mitteilungen, die jede politische Polemik vermeiden, sich von jeher durch ftceuge Sachlichkeit ausgezeichnet haben. Wir entnehmen diesem Berichte folgende Einzelheiten üver die Lage der Juden im russischen Okknpakionsgebiete, ans denen auch scharfe Lichter auf die dort herrschenden allgemeinen Zustände fallen. Die materielle Lage der Inden hat sich sehr verschlechtert. Der Handel ist von jüdischen allmählich in andere Hände übergegaugen, die Steuerlasten sind bedrückend; vor allem aber hat das unbedingte Verbot der Bewegungsfreiheit, das die Inden verhindert, ihre Waren in Handelsstädten einznkallfen, den jüdischen Handel ruiniert. (Ans diesir Bemerkung geht hervor, daß die Verordnungen Bobrinikls, wonach kein galizischer Jude seinen Wohnort verlassen darf, noch jetzt in Kraft sind). Alle jüdischen Teehänier wurden geichlossen und die Eröffnung neuer verboten, wodurch ein bedeutender Gewerbezweig vernichtet wurde. Dre Lage der Handwerker ist jämmerlich. In einer Stadt verboten die Militärbehörden den Juden den Handel mit Brot, weil sie sich geweigert hatten, am Sabbat Handel zu treiben. Der Semstwobnnd nnterhält überall in Galizien Speisehallen. deren Leiter und Angestellte aber den Militärbehörden unterstehen. Da sie sich den Inden gegenüber offen feindlich verhalten, bleiben die Inden, auch wenn sie das Recht zur Benutzung dieser Wohlfahrtseinrichtungen hätten, ihnen fern. Die Speisehallen dürfen nämlich nur von der arbeitsunfähigen Bevölkerung benutzt werden. Tatsächlich wenden sich aber mtr solche Jltden an sie, die unmittelbar vor dem Verhungern stehen. Der Bericht fügt bei, daß gegenwärtig beabsichtigt fei (von wem. wird nicht gesägt), die Speisehallen ganz zu schließen nnd den notleidenden Greisen nnd Kindern dafür eine tägliche Geldunterstütznng von 15 bis 18 Kopeken zu gewähren. Die Inden werden zwar überall zur arbeitsfähigen Bevölkerung gezählt, die kerne Unterstützung erhält, tatsächlich sind sie aber von den meisten Arbeiten ausgeschlossen. Man zwingt sie. wie der Bericht bemerkt, nach wie vor ohne Rücksicht auf Alter, Stand und Gesundheit zn Arbeiten auf den Landstraßen, Eisenbahnen, znr Straßennnd Kloakenreinignng; aber diese Arbeiten werden irrcht bezahlt. Bei solchen Arbeiten, für die ein Lohn gewährt wird, lehnt man die maffenhaft sich anbietenden Judeli einfach ab. Der Semstwobnnd hat au einigen Orten Arbeitsstellen für Frauen errichtet, in.deuen auch Jüdinnen beschäftigt werden, doch droht wegen Mangels au Rohstoffen die Schließung der Werkstätten. Alle dem Semstwobnnd zngehenden Berichte bestätigen, daß die Juden keine Arbeit scheuen, um ihr Leben zu fristen. Der Bund ist aber „ans Gründen rein örtlicher Natur" (d. h. wegen des Antisemitismus der ansässigen polnischen und ukrainischen Bevölkerung) nicht in der Lage, den Inden Arbeit zn verschaffen. Der Senkstwobund hat in Galizien eine große Zahl sogenannter Konsnmgeschäfte zum billigen Verkaufe von Lebensmitteln errichtet; die Verwalter sind überall Polen oder Rnthenen. Die Inden sind größtenteils von der Benutzung dieser Einrichtung ausgeschlossen. Einige Verwalter weigerten sich überhaupt, an Jltden Waren zn verkaufen; andere verhinderten durch Schikanen, z. B. durch den Verkauf aller wichtigen Lebensmittel nur am Samstag, die Juden am Einkauf. All einigen Orten trafen auch die Behörden derartige Maßnahmeri: in Taruopol, wo der Semstwobnnd ein eigenes Konsumgeschäft für die Inden gegründet hatte, wurde es auf militärischen Befehl wieder geschlossen. Die eigentümliche Erscheinung, daß der Semstwobnnd gegen die Leiter seiner Hilfswerke in Galizien, also gegen seine eigenen Beamte,!, öffentlich Stellung nimmt, erklärt sich daraus, daß die Verwalter von der Militärbehörde angestellt werden und sich offenbar den Weisungen der Semstwo Vertreter einfach nicht fügen. Sie haben auch, wie der Bericht beklagt. gegen die Kinderheime des Semstwobundes, in dem überall christliche und jüdische Kinder mit gleicher Liebe gepflegt werden, Umtriebe angezettelt, um ihre Schließung zn erzwingen.