Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 26 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5. Die Wahrheit .Nr, 26, groß war, haß sie sie mit hem Ausgeben des eigenen Wesens .verwechselten-/ Von dem Zrrtume, durch die Vernachlässigung des jüdischen Wesens der allgemeinen Kultur teilhastig zu werden, konnten sie sich nicht mehr befreien. Dieses Jahrhundert der Entjudung ist zn einem großen Teile, überwunden worden. Vom Zionismus geht durch die ganze west- und mitteleuropäische Judenheit ein Zurückstuten und zum mindesten ein Zurücksehnen zum angestammten Jndentume, Junge Inden wollen ihre alte Kultur kennen lernen, die sie lieben um der Zukunft willen, die sie für das Judentum erträumen und die sie erkämpfen wollen. Aber es war viel leichter, vom alten Jndentume losznkommen, als zn ihm zurückzukehren. Es war viel bequemer, zu .vergessen und die Kinder nichts zn lehren, als es nunmehr sein wird, dem jüdischen Stamme in Deutschland die Kenntnisse vom Jndentume wiederzngeben. Da steht vor allem die Schule im Wege. Wir haben nun einmal den Schulzwang und empfinden dltrchaus den Segen dieser Einrichtung. Aber die Schule, in der wir unsere Kinder unterrichten lassen, ist keine jüdische. Wir haben, von kleinen Resten und noch kleineren Anfängen abgesehen, keine jüdischen Volksschulen, geschweige denn höhere jüdische Unterrichtsanstalten. Die Schulen sinh christlich-deutsche Lehranstalten, durchweht v.on christlich-deutschem Geiste. Das ist so ganz in der Ordnung. Denp die weitaus große Mehrheit des deutschen Staatsvolkes besieht aus deutschen Christen. Sie können beanspruchen, daß in den Schulen, in denen ihre Kinder unterrichtet^werden, der Geist herrscht, der der nationalen Geschichte entspricht. Indem aber diese Schule, ob Volksschule oder Gymnasium, die ganze Kraft des Knaben oder Mädchens beensprucht, läßt sie keine Zeit und Energie übrig für die Erlernung des historisch gewordenen Judentums. Und der kahle und magere jüdische Religionsunterricht, der da nebenher erteilt wird, und' der. von Eltern und Kindern als eine Mehrbelastung empfunden wird, kann gar zu wenig geben, zumal eine Kenntnis des Judentums ohne Verständnis der hebräischen Sprache stets nnr eine halbe sein wird. Zudem besteht das Judentum keineswegs aus irgendwelchen trockenen Glaubenslehren und auswendig gelernten Bibelversen, sondern ist der Ausdruck einer viertanseudjährigen Geisteskultnr und einer nationalen Geschichte, die ihresgleichen in der Weltgeschichte nicht hat. Diese in sich aufnehmen, dazu bedarf es mehr als eines kalten Religionsunterrichts. Das Judentum will gelernt, will gefühlt und will erlebt sein. Eine Zeitlang haben wir uns eingebildet, daß die Simnltanschnle unserer Jugend die Möglichkeit einer jüdischen Erziehung geben wird. Wir haben inzwischen eingesehen, .daß es in Wahrheit gar keine Simnltanschnle gibt. Dort wo die Mehrheit katholisch ist, wird die Schule einen katholischen Charakter, wo. sie evangelisch ist, einen protestantischen Geist haben. Jedenfalls ist sie immer christlich und Niemals jüdisch. Wollen wir wieder eine Jugend mit jüdischen Kenntnissen haben, wünschen wir, daß unser Nachwuchs mehr vom Jndentume weiß, um seine Ehre würdig wahren zn können, so müssen wir mit voller Absicht und in klarer Erkenntnis jüdische Schulen schaffen. Diese Schulen sollen keineswegs Schnlghettos sein, wie das Schlagwort lautet, mit dem man eine gute Sache totmacht, ohne über sie überhaupt nachzndeuken. Denn wir haben gar keine Absicht der Abschließung. Schnlghettos sind vielmehr dort vorhanden, wo jüdische Kinder unter der unbegründeten Feindschaft von Mitschülern zu leiden haben. Nnr in jüdischen Schulen kann der Sabbath beobachtet werden. Dieser nationale Ruhetag der Juden hat seine historische, Bedeutung. Er hat mehr zur Erhaltung des Judentums beigetragen, als alle theoretischen Erörterungen je vermöchten. Im jüdischen Religionsunterricht an einer christlichen Schule, auch wenn sie Simnltanschnle heißt, lernt das jüdische Kind, daß es als Feiertag den stebenten Tag beobachten soll. Aber dieselbe Schule zwingt das Kind an diesem dem Jndentume heiligen Sabbath zn arbeiten, und läßt eS an dem vom Christentum an seine Stelle gesetzten Sonntage ruhen. Der Geschichtsunterricht, der von christlichen Lehrern erteilt wird, wir immer davon ansgehen, daß das Judentum seit der Entstehung des Christentums eine überlebte Größe ist. Für sie hat das Judentum immer nur die Bedeutung einer Vorbereitung des Christentums und hat seinen Lebenszweck verfehlt, als es nicht christgläubig wurde. Auch die dem Christemume gegenüber uuglänbigen Christen sind von dieser Geschichtsauffassung durchaus abhängig. Denn vielmehr als der Religionsunterricht gibt der Unterricht in Geschichte und Literatur der Schule den Charakter einer christlichen Anstalt, und es ist kein Zufall, daß den wenigen an öffentlichen Schulen zugelassenen jüdischen Lehrern gerade der Unterricht in Geschichte und Deutsch vorenthalten wird. Das ist aber nur die negative Seite dieser ganzen Frage. Viel schwerer wiegt der Umstand, daß das jüdische Kind vom Jndentume, seinem Wachsen und Werden nichts lernt und nichts erfährt. Schon die Notwendigkeit des hebräischen Unterrichts sollte darauf Hinweisen, daß wir besonderer jüdischer Schulen bedürfen. Denn wenn man das Hebräische nicht von klein auf treibt, so wird man es nie so weit bringen, daß einem der Geist der Sprache vertrant wird, iil der Moses und die andern Propheten die Weisheit Israels niedergelegt haben und in der allein sich der jüdische Geist nnabhängig und selbststäitdig gibt. Aber viel wichtiger noch als der hebräische Unterricht wäre ein solcher m der Geschichte der jüdischen Nation und ihrer Literatur. Zwar kann auch der nnr ganz unmittelbar wirken, wenn er durch gute Kenntnisse im Hebräischen unterstützt wird. Unser ralmudisches Schrlftnm, die Weisheit unserer Rabbiner durch zwei Jahrtausende der Unterdrückung und der Sehnsucht nach einer nationalen Wiederherstellung ist nur soweit bekannt, als seit mindestens einem Jahrtausend dieser Talmud angeklagt, beschimpft, verbannt und verbrannt wird. Aber von der großen von der großen nationalen Kultur des Judentums, die hier niedergelegt M, haben in Deutschland nnr wenige Anserwählte eine Ahnung. Seit mehr als zwei Jahrtausenden ist ein hebräisches Gebetbuch durch den allgemeinen Gebrauch unseres Volkes geheiligt. Andere Nationen würden sich glücklich schätzen, so uralte nationale Werke zn besitzen, Bücher tiefster religiöser Erkenntnis und weichster Innigkeit. Wer schon nicht dazu die Natur hat, sich religiös zu betätigen, der muß wenigstens aus Gründen adelnden Alters das uralte Gebetbuch der Jlideu kennen, aus dem in mehr als zwei Jahrtansenden Väter und Söhne, Mütter und Töchter ihre heißen Gebete dreimal täglich zum Himmel sandten. Da ist das Religiöse, ganz abgesehen von dem wunderbaren nationalen Geiste, der durch das ganze Gebetbuch weht, schon durch das ehrwürdige Alter zn einem nationalen Schatze geworden. Wo aber soll das jüdische Kind dieses Gebetbuch kennen lernen, wenn nicht in einer jüdischen Schule? Rtlr in einer jüdischen Schule können die Geschichte und die Literatur des Judentums den genügenden Platz finden. Nur in einer jüdischen Schule wird der Geist auch des andern Unterrichts nicht von christlichem, sondern von jüdischem Geiste durchweht sein. Jetzt sind unsere Kinder in den öffentlichen Schulen durch die ererbte Feindschaft ihrer Mitschüler gegen Juden und Judentum vielfach in ein wahres Schulghetto eingeschlossen. Befreit daraus können sie nur werden, wenn die silbischen Gemeinden sich entschließen, jüdische Schulen einzurichten, Volkschulen, Realschule» und Gymnasien. Von jüdischen Schulen aus würde eine Erneuerung des jüdischen Geistes ausgehen. Soweit es sich um bestimmte Zwecke handelt, haben sich auch die deutschen Inden keineswegs gescheut, besondere jüdische Schulen zn gründen. So haben die landwirtschaftlichen und Gärtuerschulen, die verschiedentlich gegründet worden sind, eine vortreffliche Wirksamkeit entfaltet, ohne daß die erwarteten schädlichen Nebenwirkungen eingetreten wären. So werden sich auch die Besürchtigungen,