Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 26 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063828-3063854--10140-3077451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Nr. 26. Die Wahrheit näher zu gelangen. So soll dies Leben hier als eine „Vorhalle^ des ewigen Lebens gelten Und Tod und Vergänglichkeit unsere Tatkraft niemals lähmen, da wir wissen, daß wir nur Glieder der Kette sind, die wir in Vergangenheit und Zukunft verbinden. Durch den Gedanken an die Zukunft, die wir in unfern Kindern und Kindeskindern auch auf dieser Welt mukbeit, sollen wir jedwede Zaghaftigkeit und jede traurige Stimmung bannen und frohgemut, voll ungeschmälerten Gottvertrauens ausharreu bis ans Ende. Wie unser Erzvater gerne und willig Gott alles weihte, wie er selbst sein vielgeliebtes Kind als Opfer hingeben wollte, so wollen wir durch ungetrübten Opfersiun, durch unerschütterliche Zuversicht uns der großen Zeit wert erweisen. Die S ch o f r o s, die mächtigen Klänge und Stimmen, die Gott uns vernehmen und mahnen läßt, sollen uns läutern und von allen Schlacken, Leidenschaften und unlauteren Regungen befreien und lehren, daß ein reines Herz, ein lauterer Sinn und werktätige Menschenliebe dem Leben Inhalt und Weihe geben und neue Zeiten, neue Lebensabschnitte vorbereiten, gekrönt und geadelt von den Edelsteinen der tora, awoda und gemilus chasodim, der liefen, lautern Gotteslehre. Gotteserkenntnis und Werken reinster Nächstenliebe gegenüber Lebenden und Toten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Lebenden pflegen, stutzen, fördern, sie in Lieb' und Treu umgeben, der Toten Tugenden und Heldentum, Hingebung und Opfer durch werktätige Dankbarkeit würdig, das ist die neue Zeit, die Neues, Bestandfestes, für alle Nützliches und Heilsames in gemeinsamer Arbeit und gegenseitiger Uttierstützung schafft und erhält, die über die Stunde und den Tag hinaus uns anfrnfl, eingedenk zu bleiben der großen Zeit, die au uns vorüberzieht, der Helden, die Uebermenschliches vor uns Vollziehern, der Tapfern, die in den schwersten Leiden ansharren und für uns bluten und sterben!. Das sind die Erinnernngeii, die Gott uns zur Belehrung gibt, damit wir Ihn in allem und jedem erkenuen, lieben und Ihm Nachfolgen, seiner Lehre eingedenk und getreu. Manche behaupten, dieser entsetzliche Krieg habe den Glauben erschüttert Und der Religion Abbruch getan. Mit Nichten! Gerade das Gegenteil! Dies Völkerringeu bestätigt uns, daß ohne Gott, ohne Ehrfurcht vor Ihm. ohne Befolgung seiner Lehre die Menschen verwildern und zu allem fähig werden, daß die rohesten Instinkte ihn zu jeder Schandtat hinreißeu, daß Gottes Stimme, Gottes Wort ihm fremd geworden, da er der Gotteslehre nicht mehr eingedenk. Habgier, Neid, Rachsucht und alle andern Regungen haben unsere Feinde trotz aller iunern Gegensätze gegen uns vereint und die Stimme Gottes ist zeitweilig verhallt. Aber sie wird wieder sich vernehmbar machen und die Gewissen wecken, sie wird die Herzen und Geister wieder ganz erfüllen und der Schofarklaug des Gottesgerichtes die Welt aus ihrem Wahne wachrütteln und neu, ganz neu gestalten, das ist gewiß! Wie aber werden jene sich verantworten, die seit Jahren uns eingekreist, die Pläne zu unserer Vernichtung geschmiedet und die Stimme Gottes, des liebenden, mahnenden Himmelvaters in sich erstickt haben? Wir aber sehen aus dem bisherigen Verlaufe des Ringens die Wahrheit des Schriftwortes: „Gott ist mit mir. was kann ein Mensch mir tun!" Wir sehen und nehmen es täglich neu wahr, daß Gott die Völker lenkt, die- Mächtigen demütigt und die Schwachen stärkt! Darum weiter unverzagt und stark! Rabb. Prost L. Hirsch. Jüdische Crziehnng. Im ersten Hefte der soeben erschienenen „Nene n" Jüdischen Monatshefte", die wir an anderer Stelle unseres Blattes eingehend besprechen, behandelt Heinrich Löwe-Berlin das hochaktuelle Thema der jüdischen Erziehung in nachfolgender Abhandlung, die wir einerseits mit Rücksicht auf das allgemeine Interesse der behandelten Frage und nnhererfeits, um unseren Lesern enk Probe der literarischen Neuerscheinung zu bieten, im Nachstehenden wiedergeben: „Die jüdische Nation hat zu allen Zeiten auf die Frage der Erziehung ihres, Nachwuchses den allergrößten Wert gelegt. Als dem Volke sein ältestes Gesetz gegeben wurde, legte ihm der Gesetzgeber dabei dringend ans Herz: „Und du sollst es einschärfen deinem Sohne". Seit dieser Zeit gibt es eine unmittelbare Ueberliefernng von Vater auf Sohn, und auf ihr berühr zum großen Teile der fortdanernbe Bestand des Volkes und seiner Lehre. Das jüdische Volk war so sehr ein Volk des Unterrichts, daß es bereits zu einer Zeit die allgemeine Volksschule hatte, wo die heutigen führenden europäischen Völker überhaupt noch nicht unter dem Begriff von Kulturvölkern zn verstehen tvären. Und das ist so beim jüdischen Volke bis auf den heutigen Tag geblieben. Durch die Anlehnung des Judentums an die umgebenden Völker, die' in West- und Mitteleuropa in den beiden letztverflossenen Jahrhunderten vor sich gegangen ist, hat sich nun in diesen Läudergebieten der Jugendunterricht des jüdischen Nachwuchses von Grund ans geändert. Während bei den im Osten verbliebenen Stammesgenossen nach wie vor das Judentum im Mittelpunkte (il$r jüdischen Erziehung und Schulbildung steht, ist das Jndeulum iu der Erziehung der jüdischen Jugend des'Westens und auch in Deutschland nur ein Beiwerk neben dem allgemeinen Unterrichte, der für eine Ausbildung in jüdischen Fächern gar keine Zeit übrig läßt. . r Die Tendenz der Juden in Deutschland war im. 18. und 19. Jahrhundert dahin gerichtet, möglichst vom Judentume losznkommen. Die Höhe der allgemeinen Kultur glaubten sie dadurch am ehesten erklimmen zn können, daß sie sich von dem entfernten, was die Sitte und der Brauch ihrer Väter gewesen war. „Nur nicht jüdisch", war ihre teils zngestandene, teils ihnen selbst unbewußte Richtschnur. Sie bemaßen die Bildung als umgekehrt proportional zur Kenntnis vom alten JndentNme. Von dem seit uralter Zeit im jüdischen Stamme vorhanden gewesenen Drange uni» Zwange, zu lernen, blieb nur der Wissensdurst, der auf jede Weise befriedigt wurde, aber nnnmehr stets verbunden mit der sehr oft beivlißten Abkehr vom Jndentttme. Erst die. letzten zwanzig Jahre haben bei einem Teile der deutschen Inden eine Besserung gebracht. Im Gegensätze zn der früheren Entfernung vom Jndentnme trat der junge Zionismus mit der kategorischen Forderung der Rückkehr znm Jndentume auf. Seitdem hat die jüdische Bewegung, deren Ausgangspunkt der Zionismus, und die auch dann von ihm beeinflußt ist, wenn sie glaubt im Gegensätze zu ihm zn stehen und ihn bekämpfen zu müssen, weitere Kreise gezogen und ist.namentlich in die jüdische Jugend eingedrungen. Vor allem empsindet die akademische und kanstttännische Jugend, unter der der Zionismus natürlich die größte Anhängerschaft gefunden hat, mit großem Schmerze ihre Unkenntnis des Jndenlnms. Sie empfindet es als einen Mangel, ja geradezu als ein Unglück, daß sie von allein anderen mehr weiß, als von der eigenen Nation, daß ihr die Geschichte des eigenen Stammes zum allergrößten Teil unbekannt ist, und daß sie ihrer eigenen nationalen Sprache, in der ihr Stamm der Menschheit etne Bibel gegeben hat, fremd gegenübersteht. Die ihrer nationalen Eigenart sich bewußt gewordene jüdische Jugend empfindet es als eine Einbuße an sittlichen Werten, daß sie von Griechen und Römern, von England und Amerika mehr weiß, als von Jllden und Judentum, und daß ihre Kenntnisse vom eigenen Volkstnme in erster Linie ans judenseindlichen Äugriffen und antisemitischen Zeitungen herstammen. Sie hat gelernt, den Kampf für das Judentum als eine Ehrensache anzusehen, und versteht, daß die Achtung vor dem Jndentnme bei der Selbstachtung beginnen muß. Der Grundfehler der vergangenen Geschlechter war es, daß ihre Hingabe an die allgemeinen Ideale so