Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 25 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Lite 10. Die Wadrhen 25 auch ewige Kühe, Ziegen und Schafe gehörteil. Ein Kälbiein hüpfte von Zeit zu Zeil blockend und sorgre bannt für die Unterhaltung des flüchtenden Kindervolkes. Mehrere Reisende, die den 1 Uhr-Zug nach Franzensbad» benützten, kamen herbei, nm den ungewöhulicheu Anblick den di? groteske Gruppe bot, anzustaunen. Ein Franzensbader allbekannter Kurgast verschenkte seine Tagesration an Semmeln den FlüchtlingskiNdern. Eni bärtiger Greis erzählte, daß er und seine Leideusgenofseu au- Zborom und Zloczow au einem Sgbhat (12. August) flüchten mußten. Einigen Wenigen sei es auch geglückt, chr Vieh aus die Wanderschaft mitzimehmen. Ist' es nicht erstaunlich, mit welcher Ruhe diese Ärmen, von der Kriegsnvtam schwersten Betroffenen, ihr unglückselige- Verhängnis ohne Mneren auf sich nehmen? Armin Wllkowitsch (Eger). Literatur. Dekali Baam uni! Martin Buber. Zwei Gesliiuungsgeuoffeii. Und doch hat die Natur kanm schärfere Gegensätze schaffen können als diese zwei Schriftsteller. Wenn mau einen Aufsatz von A ch a d H a a m gelesen hat, so ist man geistig gehoben, belehrt, entzückt, wenn mau auch hie und da m>l seinen Ausführungen nicht ganz üdereittsiimmen mag. Mau hat seine Freude au dem hohen Flug seine- Geistes lind den kristallhellen Ausführungen feiner Gedanken. Ein großer Geist, ja ein Geist ersten Ranges spricht zu uns, und wir lauschen mit dankersülllem Herzen seinen Worten. Wie anders bei Martin Buber! Seine Ausdrucksweise ist so gekünstelt, seine Gedanken sind manchmal so verworren, daß man ordentlich Mühe hat, herauszufinden, was er eigentlich will. Ja, man hot große Mühe ihn zu verstehe», wenn man ihn überhaupt versteht! Ich wenigstens muß, wenn ich Buber gelesen habe, sehr oft ausrufen: „Mir wird von alledem so dumm, als ging mir em Mühlrad im Kops herum!" Schopenhauer könnte A ch a d H a a in und Martin Buber im Auge gehabt haben, als er folgende Worte schrieb: Schöne Menschen werden ihren Körper am liebsten gar nicht oder so wenig und so leicht als möglich verhüllen; häßliche hingegen durch die Kleidung und Schmuck sich aufhelse» wollen. Ebenso wird ein großer und vorzüglicher Geist streben, sich aus die einfachste, faßlichste, deutlichste Weise mitzuteilen. Schriftsteller hingegen, die sich keines sonderliche,l Wertes und Gehaltes ihrer Gedanken bewußt sind, bedienen sich eines schwierigen, krausen, verwickelten Periodenbaues, schleppen lauge, ungewöhnliche Worte zusammen, kleiden triviale Gedanken in dnukle Phrasen: wenn mau es liest, ist es, als sähe man einen ganz jämmerlichen, winzigen, schwindsüchtigen, mißgeschaffeneu Menschen in einem prächtigen, barbarischen, reichen, bunten Ornat daherschreiten." — <&etabe$u krankhaft bei Martin Buber ist seine Verherrlichung des Chaffidismus, die wir uns nur durch hereditäre Belastung erklären können. Den Gipfel des Unverstandes erreicht er, indem er Israel Baalschem, den Begründer des Chassidismus, mit keinem Geringeren als mit — Spinoza m einem Atem nennt! Bor mir liegen drei elegant ausgestattete Bücher aus dem Jüdischen Verlag: Zwei Bände Achad Haam, Am Scheidewege uud Martin Buber. Die jüdische Bewegung, gesammelte Aufsätze und Ansprachen 1900—1915. Achad Haam (----- Einer aus dem Volke — Ginzberg) schreibt hebräisch. Die meisterhaften Ueberi'etzllugeu haben besorgt: 1. Band Israel Friedl ä n d e r, 2. Band Dr. Harry Torczyner. Privatdozenr an der k. k. Universität Wien. Nicht nur der Stoff, Kritik des Herzlichen Zionismus, sondern namentlich die abgeklärte Weisheit und die heiße Liebe zmu jüdischen Volke, die aus jeder Zeile zu uns spricht, gestalten diese beiden Bände zu den genußreichsten Büchern, die wir kennen. Martin Bubers „Die jüdische Bewegung" bietet, wie schon auS dem Titel zu sehen, nichts Neues. Und doch wird es wohl vielen Verehrern Bubers willkommen sein, die zerstreuten Aufsätze jetzt l« eliiem eleganten Baude beisammen zu haben. Prof. Dr. K a h a n, Znaim. Feuilleton So ein Pech! Eine Begebenheit aus der Mitte deS vorigen Jahrhunderts uacherzählt von L. Rosenthal, Basel. (Schluß.) Ein halbes Jahr war vergangen. Riekchen hieß jetzt Frau Stern und lebte glücklich und zufrieden mit Sally, der sie, wie man zu sagen pflegt, auf Händen trug. So war er auch heute gern bereit gewesen, Riekchen in die Residenz zu begleiten, wo abends im 'Theater ihre Lieblingsoper „Der Freischütz" gegeben wurde. - Schon mit dem Mittagszug fuhren sie fori.n -a der darauf folgende-sie nicht rechtzeitig geling nach dort gebracht haben' würde. ' Um die Zeit bis znm Beginn des -Theaters '-einigermaßen angenehm zu verbringen, gingen siezuerst-'in dar-elegän.teNesidenzkaffee, und als sie dort ans der HeitniigerssthW,'--vaß^Ute große Knnstansstellung die -alljährlich im Herbst'Pattfand, eröffnet war. beschlossen sie auch dorthin zu gehen. Das Gefallen an schönen Bildern steckte noch immer in beiden. Nür schenken wollten sie sich keine mehr! Bei dieser Gelegenheit können wir nicht umhin zu verraten, daß Sally feine ursprüngliche Absicht, nämlich Riekchen einen Brillamring zu schenken, ansgefnhrt hotte, wogegen diese sich mit einer wertvollen Kravattennadel revanchierte, die einen großen, von kleinen Diamanten eingefaßten Rubin zeigte. Da wußten sie doch, was sie sich gegenseitig verehrt hatten. Also in die Kttnstanssteünng. „Der geneigte Leser fängt an etwas zil merken", wie I. P. Hebel manchmal in seinen prächtigen volkstümlichen Erzählungen sagt. Doch möchten wir vorher noch ein kräftig Wörtlein über die Kunst von damals und heute verlauten lassen. Damals sah man ans den Ausstellungen meist gute, mit künstlerischem Empfinden, Sorgfalt und Fleiß gemalte Bilder. Gleichviel ob Landschaft, Historie, Genre, Portrait oder Stillebeu, — man suchte der Natur, der Wirklichkeit, so nahe als möglich zu kommen. Heute dagegen, — — die Ham schaudert einem ordentlich, wenn man den jubilierenden Wahnsinn sehen muß, der sich da an den Wänden breit macht. Biele dieser „modernen" Machwerke sehen ans, als hätten kleine Kinder sich mit Stift und Pinsel versucht. Stümperhaft, verzeichnet und verschmiert. Andere wieder sind über und über getüpfelt oder mit kleinen Quadraten, Dreiecken oder unregelmäßigen Polygonen netzartig überzogen. Was das bedeuten soll, — ich weiß es nicht. Um dieser Afterknnft ein kleidsames Mäntelchen nmzuhängen, hat man für sie die Namen „Futurismus" und „Kubismus" aufgebracht. Mit Vorliebe wird Häßliches gemalt. Halbnackte, dürre Weiber, bei denen man jede Rippe zählen kann, und deren Fleisch in grünlichen Tönen schildert, als ob es schon in Verwesung überginge, sind öfters Gegenstand der Darstellung. Ich übertreibe nichts wenn ich sage, daß ihre Haare öfters blitzblau, rubinrot, grasgrün oder mit allen diesen Farben zugleich gemalt sind. In den Landschaften gleichen die Bäume nicht selten Spinat» klumpen, die man zusanunengeballt und ans einen Stiel gesteckt hat. Von Baumschlag, der allerdings einen wirklichen Künstler erfordert, wenn er gut wiedergegebeu sein soll, keine Spur. Jeder gewöhnliche Anstreicher kann mit diesen Futuristen unbedenklich in Wettbewerb treten. Man sieht auch Bilder, wo die Farben zentimeterdick aufgetragen sind und die Wolken — diese zartesten aller Gebilde — wie mit der Mauerkelle daran geworfen erscheinen. Jeden Strich des, Pinsels (in jeder Beziehung) kann man da erkennen. Und erst das Kolorit. Grüner Himmel, blaue Vegetation, sowie sonstige Unnatur aller Art treten einem auf Schritt und Tritt entgegen. Die Konturen der Dinge sind dabei in vielen Fällen gänzlich falsch, verzerrt oder absichtlich übertrieben. Ich habe mich oft beim Betrachten dieser Art Kunstwerke gefragt, wie es nur möglich ist, daß das Publikum sich dergleichen bieten läßt? Aber wie es so geht ihm Leben, — alles suchet seine Anhänger und Verteidiger, auch wenn es sich um den größten Blödsinn handelt. Und nicht allein auß die Malerei beschränkt sich diese Depression der Kunst, nein auch Architektur und Kunsthandwerk — man denke mir an den „Jugendstil" — sind tief gesunken. Man wollte durch» aus etwas NeneS, noch nie Dqgewesenes schaffen, vergaß aber dabei, daß die harmonischen Gesetze der Knust Jahrtaniende alt sind nnd sich nicht von heute ans morgen ummodeln lassen.