Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 25 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Die Wahrheit. Seite 7. Alande den Gottesdienst musikalisch vielfach veredelt. Daher sei ihm folgendes Gedenkblatt zur 25. Wiederkehr seines Todestages gewidmet. Moritz Friedmann wurde am 7. März 1827 in Holicz in Ungarn, geboren. Seine damals ziemlich bemittelten Eltern ließen ihn in früher Jugend - im Talmud,-wozu er viel Neigung halte, unterrichten. Auch musikalische und stimmliche Anlagen zeigten sich schon bei dem Knaben, und er erregte durch „Schönsingen" allseitige Aufmerksamkeit. Deshalb wurde er schon als 12jähriger Jüngling und in Berücksichtigung seiner großen Frömmigkeit zum Vorbeten in der Synagoge zugelassen. Durch seinen zarten, sympathischen Sopran, durch feine liebliche Singweise und Koloratnrfertigkeit gewann er die Herzen der Hörer. Kaum 13 Jahre alt, verarmten seine Eltern, und Friedmann mußte mittellos in die Fremde ziehen, um das Talnutdstudium fortsetzen zu können. Ueberall wo er hinkam, erregten seine Sangesgabe und seine musterhafte Aufführung Bewunderung. In allen Gemeinden, deren Talmndschnlen er besuchte, wurde er zum Vorbeteu zugelassen, wodurch er sich feine Existenz erleichtern konnte. Der Eindruck, den der Chorgesang in der Pester Synagoge auf ihn machte, sowie der Gesang des berühmten Chasan Dowidl Brod, bestimmten den jungen Menschen zur energischen Verfolgung seiiles Vorhabens, Kantor zu werden. Der Ausspruch des Pester Oberkantors über seine Begabung : „Mein Kind, Stimme, Gehör, Gefühl, alles, was die Natur geben kann, besitzen Sie, nur Musik sollen Sie lernen." bestärkte ihn noch mehr in seiner Absicht. . Friedmann unternahm nun eine mehrmonatliche Reise, um bedeutende Kantoren zu hören und bildete sich dabei nnter unausgesetztem Fleiße zum Kantor, Musik- und Religionsiehrer ans. Er wählte alsdann Deutsch-Kreuz bei Oedetlbnrg zu seinem Domizil. Hier nahm sich seiner Kantor Rubin Goldmark, Vater des berühmten Komponisten Dr. Karl Goldmark, an und Friedmann betätigte sich in dieser Gemeinde volle 4 Jahre als Synagogensänger. II. Cantor und Lehrer. Er unterrichtete in zwei Schulen Knaben und Mädchen in hebräischer, deutscher und ungarischer Sprache. Er entledigte sich seines Amtes so gut, daß seine Leistungen sogar von der Oedenbnrger Comitatsbehörde durch eine Belobung ausgezeichnet wurden. Die unmittelbare Nähe der Stadt Oedenburg benutzte Friedmann zu seiner weitern Ausbildung, indem er dort pädagogischen und musikalischen Studien oblag. Im Jahre 1848 wurde er von der Oedenburger Gemeinde zum Kantor und Lehrer erwählt, und er verwaltete diese Aemter zur vollen Zufriedenheit seiner Behörde. Obgleich er materiell gut gestellt und allgemein beliebt, gab er, von höherem Streben nach Vervollkomnung beseelt, seine Stelle auf und ging nach Wien, lvo er ll/2 Seltne unter der Meruorschast Sulzers den musikalischen Teil des Cantorats, dabei aber auch die hebräische Literatur und die pädagogische Wissenschaft mit Liebe und Sorgfalt pflegte. Friedmann kam täglich in das Haus seines Gönners und hatte somit gute Gelegenheit, viel, sehr viel zu lernen. Im Jahre 1860 nahm Friedmann in Funfhaus, einer Wiener Vorstadt, eine kleine Stelle an. Hier war damals noch keine Gemeinde und man ging daran, einen Tempel und eine Schule ins Leben zu rufen. Es galt mm, ein braches Feld urbar zn machen. Dazu bedürfte es aber eines organisatorischen Talentes wie Friedmann. Dieser ging auch rüstig und mutig ans Werk, organisierte einen Chor, regelte die Liturgie und richtete einen würdigen Gottesdienst nach Art deS Wiener Tempels ein und lenkte die Aufmerksamkeit des großen Publikums auf sich. Jetzt handelte es sich um die Errichtung einer Religionsschnle von gemeindewegen. Friedmann ließ die Winkelschnlen polizeilich auflösen und er eröffnete nach großen Bemühungen eine Schule. Die erste öffentliche Prüfung in. der Schule, welcher da- Rabbinat und der Wiener Gemeiudevo-rstand beiwohnten, hatte durch die glänzenden Erfolge so viel Aufsehen erregt, daß die Wiener Gemeinde auf Anraten ManheimerS beschloß, Fünfhaus als Filiale in ihre Verwaltung hineinzuziehen und Friedmann als Cantor und Religionslehrer anznstellen. Im Ermangelung eines eigenen Rabbiners bewährte sich Friedmann auch bei jeder feierlichen Veranlassung als guter Redner. Friedmaim amtierte 7 Jahre in Firnfhaus und - wurde von der ganzen Gemeinde - als der geistige Begründer des Gottesdienstes und der Schule verehrt. Zu seiner, Verheiratung mit einer Schwester des Komponisten Goldmark erhielt Friedmann vom Wiener Rabbinat den „Morenn"-Titel. Im Jahre 1857 wurde Friedmann ziun Kantor an dem neuen Tempel der Wiener Gemeinde in der Leopoldstadt, der der Vollendung bereits nahe war, gewählt. Er lehnte jedoch die Wahl ab und folgte einem Rufe nach Pest als Oberkantor, weil sich ihm dort ein größeres Arbeitsfeld bot. Ungern sah man Friedmann ans Füufhaus scheiden. Mannheimer und der Wiener Kultnsvorstand drückten ihm in einem Schreiben ihr Bedauern darüber ans und wünschten, daß „ihn der Segen des Himmels in seinen neuen großen Wirkungskreis geleiten möge." Bevor jedoch Friedmann sein Amt in Pest antrat, machte er eine lürkgere Reise, um den Kulms der große» Anslandsgemeinden kennen zn lernen. Sofort nach Uebernahme seines Amtes, am 13. Jänner 1858, richtete er ein großes, viel umfassendes Memorandum an den Gemeinde- Vorstand, worin er ans viele liturgische und musikalische Mängel hinwies und zugleich seine fachmännische Vorschläge zur Abstellung derselben, wie zur Einführung neuer Normen unterbreitete. Friedmanns Vorschläge wurden augenommeu und der Gottesdienst im Pester Tempel ist zur Berühmtheit geworden, so daß nicht nur die Gemeinden des Vaterlandes, sondern auch solche des Auslandes sich an Friedmann wandten, bald um Musikalien, bald um Normative, bald um fachmännischen Rat bittend. Friedmann entfaltete in Pest eine große kompositorische Tätigkeit. Seine „Israelitischen Tempelgesänge," ein Heft, das 23 Nummern enthält, und als Gesangbuch in den meisten israelitischen Gemeiitden Ungarns eingeführt ist. hat 2 Auflagen erlebt. Zn den Feierlichkeiten aus Anlaß der Wiederherstellung der ungarischen Verfassung, zu der Krönung des apostolischen Königs, zn der Emanzipation der ungarischen Juden, zur silbernen Hochzeit Sr. Majestät Franz Josef I., zur Vermählung des Kronprinzen Rudolf und andere» Veranlasiungen, gab Friedmann stets passende Kompositionen heraus und den Erlös aus denselben wandte er stets Humauitätsvereinen zn. Ren und originell ist Friedmann in der Bearbeitung und Verwertung jüdischer Gesangsweisen, indem er in Rhythluits und Form streng musikalisch bleibt, dabei aber den jüdischen Typus? beibeyült. Nach dem Ausspruch Llßts bektluden die Friedmann'schen Kompofitio»teu „in melodischer und harmonischer Beziehung viel Erfindungsgabe, musikalische Gewandtheit und geläuterten Geschmack." Friedmann beschränkte sich nie ans seinen obligaten Pflichtkreis, seine Schöpfungen fand man überall, wo ein Zusammenhang mit Kultus war. Er schuf Formen und Kompositionen für Tranfeierlichkelten, fi«-- Einweihung von Sifre Thora, für den Seder beim Hanbwerkerverein, wo er 20 Jahre am ersten Sederabend die Funktion verrichtete. Seine Kompositionen wurden seitens Ihrer Majestäten der Annahme gewürdigt, und das Königspaar geruhte wiederholt Friedmann die Allerhöchste Anerkennltng ansdrücken zu lassen. Friedmanns Wirken als Vorsteher vieler Hnmauilätsvereiue läßt sich am Vesten durch die Tatsache charakterisieren, daß er Ehrenmitglied von 20 verschiedenen jüdischen mti nichtjüdischen, wissenschaftlichen, gewerblichen und wohltätigen Vereinen war. Besonders sei seine Tätigkeit als Vizepräsident des ungarischen israet. Laudeslehrerveretns, dem er Summen, die nach Tausenden zählten, einbrachte, hier hervorgehoben.