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Die Wahrheit · 1916-09-22 · Heft 25 (22.9.1916) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 25 (22.9.1916)
Date
1916-09-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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L>eile 6 'Hl 25. Die Wahrheit L. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Wenn die Diplomaten der Entente, die seit vielen Jahren gefährliche, ans die Vernichtung der Monarchie und deS Deutschen Reiches zielende Pläne geschmiedet und seit Ausbruch des Weltkrieges unausgesetzt die Mittelmächte verleumdet und verdächtigt haben, glauben, daß die Welt, sich von ihnen täuschen läßt, täuschen sie sich gewaltig. Wie hat nur Kohelet gesagt: «Auch im Gedanken fluche dem Könige nicht, schilt im geheimsten Schlafgemach den Mächtigen nicht, denn der Flieger in der Lust kann die Rede weiterverbreiten, ein geflügeltes Tierchen das Wort ausbringen." Auf diese Verleumder und Kriegshetzer darf man in einem gewissen Sinne das Wort des Rabbi Jehuda Hauosi anweuden: „Denke an das, was über dir ist, &jiu roeh weosen schonaas, der Flieger, der alles überschaut und alles erfährt wechol maasecho besefer nichfcowim und alle deine ruchlosen Taten und Handlungen, deine Schlichs und Kniffe, deine Lügen und Jntriguen, deine Verleumdungen und Verdächtigungen werden in einem Buche verzeichnet, für ewige Zeiten festgenagelt, so daß sie noch die spätesten Geschlechter die Anstifter des Weltbrandes verabscheuen, verdammen, verwünschen und verurteilen werden. Die Weltgeschichte ist das Wettgericht. Dr. Er. Harmonie. Jedes Volk hat seine Merkmale, die den Inhalt des Zusammengehörigkeits gefühls bestimmen und dessen Wesen an den Tag legen. Diese Merkmale sind ursprünglich individuell, Attribute einer jeden einzelnen Person kommen aber zumeist znuN Ausdruck durch das Verfahren der Gesamtheit, durch die Handlungsweise des ganzen Volkes. Bei selbstständigen Völkern äußert sich das Zusammengehörigkeitsgefühl durch den Patriotismus, der das gaiize Volk, oder richtiger gesagt,die Bewohner eines gemeinsamen Landstriches - vereinigt und auch bewegt, selbst zum Schwerte zu greisen, infolge einer Verletzung dieses Gefühles. Bei nich'tselbstständigen Völkern ist der Nationalismus der Kitt, der alle verbindet und znsammenhält und tritt durch nationale Feste, Sprache usw. sichtbar hervor. Was aber verknüpft das Judentum? Man könnte sagen: Die Religion, um denjenigen entgegenzukommen, die das Judentum bloß als eine religiöse Genossenschaft betrachten. Allein es wäre eine Illusion mit Hinweis auf die Sabbate, Feiertage) Fasttage, Gebete, Zeremonien bei Festlichkeiten, die rein nationalen Charakters sind. Damit aber sei noch auch nicht behauptet, daß das Judentum bloß eine nationale Körperschaft bildet, da das Judentum doch auf religiöser Basis fußt. Es dürfte daher eher auf das Allbekannte hingewiesen werden, daß die jüdische Religion mit dem Mischen Nationalismus eng zusammengefügt und von demselben ganz durchdrungen ist, und auch umgekehrt, und sowohl das Eine als auch das Andere das Judentum zusammenfaßt und zu einem vollständigen Organismus verschmilzt. * Werfen wir einen Rückblick auf die letzte Zeit. Aufs Tapet kam das Thema über die Ostjuden. Es eröffnete sich eine Debatte. Zeitungsartikel wurden geschrieben, Broschüren verfaßt, Versammlungen abgehalten, Komitees gegründet, kurz es entstand ein Ostjudenproblem an dessen Lösung die . jüdische Oeffentlichkeit regen Anteil nahm. Es wurde hauptsächlich über die Gründung von jüdischen Schulen im Okkupationsgebiete viel disputiert. Im nationalistischen Pager führte es auch zu Kontroversen, man konnte sich -am Anfang ' nicht einigen, welcher der beiden Sprachen, der hebräischen oder der jiddischen, den Vorrang einzuräumen wäre. Es fanden - sich auch außenstehende Elemente, die das ganze Sprachenprobtem in Abrede stellten, propouierten das Polnische und sprachen sowohl dem Hebräischen als auch dem Jiddischen jede ^istenzberechtiguug ab. Die jüdische Oeffentlichkeit wartete daher mit Spannung auf eine Aenßerung. seitens der jüdischen Glaubensgenossen. Es mußte doch zugegeben werden, daß man vor einer Tatsache stehe, mit der gerechnet werden muß und über welche man gleichgültig zur Tagesordnung nicht übergehen kann. Die. drei Millionen Juden bilden ein in sich geschlossenes Ganzes, haben" ihre eigenen Interessen und handeln nach eigenen Motiven. Es gibt unter ihnen europäisch gebildete Leute, allein ihre Zahl ist verhältnismäßig minimal. Das Gros bediente sich m den Aemtern der russischen und im Handel anch der polnischen Sprache, größtenteils in gebrochener nngrammatikalischer Form. In manchen Ortschaften bedienen sich die breiten Volksmassen im Verkehr mit der Nachbarbevölkernug einer Art rutheuischen Idioms. Ihre Umgangssprache ist ausschließlich Jiddisch. Das Verschulden an der Unkenntnis der Landessprachen lastet auf der russischen Bureankratie, die die Tore der öffentlichen Schulen vor den Juden geschlossen hat. Nichtsdestoweniger erfreuen sich die Juden doch eines ziemlich hohen Grades von Bildung, welche als ihr Privateigentum anzusehen sei. In den aus ihren eigenen Mitteln gegründeten und auf eigene Kosten erhaltenen Schulen haben sie sich ihre Bildung augeeiguel. Diese Schulen, auch „Chedorim" genannt, existieren in großer Zahl in Polen und werden von jüdischen Kindern aller Schichten zahlreich besucht. Dort lernen die Kinder, mit kleinen Unterbrechungen, den ganzen Tag die Bibel und studieren den Talmud, alles in jiddischer Ueberfetzung; schreiben hebräische Briefe, üben sich in Mathematik, schreiben anch Adressen in russischer, polnischer und manchmal in deutscher Sprache. Die letzterwähnten Kenntnisse eigneten sich die Kinder in autodidaktischer Weise an. Wenn der Rebbe (Lehrer), auf seine Hand gestützt, am Tische sein kurzes Nachmittagsschläfchen macht, lesen und schreiben die Kinder ans den Titelblättern der hebräischen Bücher oder aus Briefstellern; sie gehen anch dann zum „Schreiber", der ihnen, auch Mädchen, in der Schreib- und Leseknnst jiddischer und anderer Sprachen Elementarunterricht erteilt. Mädchen erhielten ihren Unterricht zumeist im Elternhause, wohin gewöhnlich eine Frau kommt und sie das Beten der Gebete in hebräischer und jiddischer Sprache lehrt. Eine Ausnahme bilden die großen Städte, wo . letztens auch moderne hebräische Schulen. vorhanden sind. Es ist daher begreiflich, weshalb die jiddische und hebräische Presse solche ansgedehnte Leserkreise aufweisen können. Und das ersehnte Wort ist gefallen, dazu vou maßgebender Seite. Herr Dr. Stern, Präsident der israelitischen Kultusgemeiude zn Wien, veröffentlichte einen Artikel zur Ostjudenfrage, in welchem er sich für die Errichtung jüdischer Volksschulen aussprach. Also sprach die Repräsentanz der jüdischen Religionsgenossenschaft! Es ist daher auf das psychologische Moment hinzuweisen, daß das Religiöse und Nationale im Judentum Hand in Hand gehen, und von welchem Standpunkte man immer auch ansginge, man zum selben Resultate gelangen müßte: Sie müssen harmonieren! Sch. S. I. Professor Moritz Friedman» Sndapest. Zu seinem 26 j ä h r i g e n Todestage. Ein Lebensbild. Dargestellt von Aron Frredmann, Kgl. Musikdirektor, Berlin. Wie Salomon Sulzer vor vielen Dezennien als erster und einziger Organisator des Kultus des gesamten Judentums auftrat, wie Lewandowski, Naumbourg, Weintraub, Deutsch u. a. Dezennien später für die Verherrlichung des jüdischen Gottesdienstes tätig waren, so hat auch Moritz Friedmann in seiner Gemeinde Pest und in seinem ungarischen Vater-

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