Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1916-09-08 · Heft 24 (8.9.1916) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 24 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063828-3063852--10117-3077426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wahrheit Seite 5. s)tr. 24. und die Judenfrage kann nur in Verbindung mit der Agrarfrage gelöst werden. Außerdem wandern viele Juden ans. Von 1899 bis 1904 verließen 42.968 Inden Rumänien. Sie waren gezwungen, den Boden zu verlassen, den ihre Vater von kleinaNf kannten. Tausende mußten die Gräber ihrer Väter hinter sich lassen, ihre heiligsten Besitztümer, weil das Leben ihnen unerträglich gemacht wurde, weil sie wie Aussätzige gemieden wurden. waren ja mir Inden." Wie konnte es da anders kommen als daß dieses Land sich zu seinem russischen Vorbild schlug? Die Inden in Molen. Der „Frankfurter Zeitung" wird ans Warschau geschrieben: Anläßlich des Jahrestages der Einnahme Warschaus sprach sich auch die jüdische Presse über die seitdem eingelretenen Veränderungen ans. Das „Warschauer Tageblatt" hebt die Bedeutung des Tages für das Judentum in Polen in mehreren Artikeln hervor. Es verweist ans die Bedrückungen, die dieses von Rußland erfahren hat; im ersten Abschnitt des Weltkrieges war das Leben fite die Juden in Polen ganz unerträglich. Ueber.den Umschwung nach dem Einzug der Deutschen äußert sich das Blatt: Die jüdischen Zeitungen dursten wieder erscheinen und die Inden erhielten in diesem wichtigen Moment die Möglichkeit, ihre Angelegenheiten in ihrer Muttersprache zu behandeln. Der Geist Europas trat in Gegensatz znr asiatischen Tyrannei. Er zeigte sich auch sofort in dem Verhalten zu den polnischen und jüdischen Beziehungen. Zn einem guten Einvernehmen, wie dieses eigentlich unter Kindern eines Landes herrschen müßte, fehlt noch viel, aber trotz alledem ist eine Wendung zum Guten schon eingetreten. Es wurde der „Burgfriede" proklamiert, durch den die Hetzereien der russischen Lakaien unmöglich wurden. Sodann begann das Bürgerkomitee sich, ein wenig mehr für Juden zu interessieren. Die jüdische Gleichberechtigung, die die Inden bis dahin nur auf dem Papier besaßen, wurde praktisch durchgefnhrt. Die Besatzungsbehörden nahmen Inden als Beamte in verschiedenen Abteilungen an. Einige Juden erhielten auch bürgerliche Aemter in Einrichtungen, die von verschiedenen polnischen Komitees geleitet werden. Es triumphierte das fortschrittliche Prinzip, wonach Inden auch fähig sind, ein Amt zn bekleiden, ebenso wie Nichtjuden. Besondere Aufmerksamkeit fordern die neuen Sportverbände. Daß die Inden Gymnastik betreiben, war den Russen gar nicht recht, da sie es für die Vorbereitung einer „Revolution" hielten . . ., heute sind Scouts- und Turnvereine geschaffen, die Hunderte von Mitgliedern zählen. Das Kommando ans Hebräisch oder Jüdisch und der Geist der dort herrscht, stempelt diese Bewegung als jüdischnational. Eine ganz neue Zeit begann für die Juden uns knltnrellem Gebiet. Gleich die ersten Bekanntmachungen der Okknpätionsbehörden proklamierten vollkommene Gleichberechtigung der Inden und betonten die Notwendigkeit, daß der Religionsunterricht so zn ordnen sei, daß er die gläubige Bevölkerung befriedige. Was den Unterricht anbetrifft, so wurde am Anfang die deutsche Sprache vorgkschrieben; jedoch nach späteren Erläuterungen und in der Praxis unterrichtete man in Jiddisch. Wegen dieser Frage ist an die Okknpätionsbehörden ein Memorial eingereicht worden und die Erörterungen darüber berechtigen zu den besten Hoffnungen. Charakteristisch ist, daß in dem Gesuch die kleinbürgerlichen Schichten Hand in Hand mit den .Proletariern unter der Führung der jüdisch-sozialen Organisation gehen. Als den Inden die Schulbildung in ihrer Muttersprache zugänglich gemacht wurde, ließen die Okkupation»- behörden eine genügende Zahl Lehrer gründlich ansbilden. Die Umerrichtsknrse, die durch den kaiserlich deutschen Polizeipräsidenten geschaffen wurden, haben auch für die Jttden großen Nutzen gehabt. Als Lektoren sind die besten Pädagogen nationaler und zionistischer Richtnug, die Unterricht im Jiddisch und Hebräisch erteilten, tätig. Der Erfolg ihrer Arbeit war, daß tausend gut vorbereitete Lehrer den Unterricht in den Schulen ausnehmen konnten, um unter der Masse jüdische und allgemeine Bildung zn verbreiten. Der letzte große Akt für Polen ist die Selbstverwaltung, die Warschau auf Grund von Wahlen erhallen hat. Hierbei waren die Inden nicht allein gleichberechtigt, sondern durch das proportionale System war ihnen dle Möglichkeit gegeben, ihr Recht wirklich anszunutzen, ohne befürchten zu müssen, durch die Mehrheit besiegt zn werden. Das Blatt bezeichnet dem entsprechend den 5. Augnst als einen wichtigen Wendepunkt; als jolcher müsse er in der Geschichte der polnischen Inden mit goldenen Lettern verzeichnet werden. Iarob H. Schiff. - Ueber den Rücktritt Jakob H. Schiffs aiis dem jüdisch-öffentlichen Leben bringt das „Hamb. Famitienbt." in der Nummer vom 24. August folgende beachtenswerte Aufklärnngeit: Jacob H. Schiff, einer der bedeutendsten Führer der amerikanischen Jndenheit, ein großzügiger Philanthrop, der stets mit fürstlicher Freigebigkeit seine reichen Mittel für jüdische Zwrcke zur Verfügung stellte und seine hervorragenden Geistesgaben ebenso wie seine einflußreichen Beziehnngeu im-Dienste jüdischer Interessen verwertete, hat letzthin feierlich erklärt, daß er seine öffentliche jüdische Tätigkeit für beendet ansehe, und daß er sich fernerhin daraus beschränken ivolle, Nlir Werke der Wohltätigkeit zn üben. Die Jndenheit der Gegenwvrt hat wahrlich nicht einen solchen Ueberfluß an weitblickenden und uneigennützigen Führern vom Maßstabe Schiffs, um den Rücktritt eines solchen anders als mit tiefstem Bedauern znr Kenntnis zu nehmen, um nicht die Pflicht zu fühlen, den Gründen nachzuforschen, welche zn diesem beklagenswerten Schritt führten. Die Schwierigkeiten und Verzögerungen unserer jetzigen Postverblndnngen mit den Vereinigten Staaten ermöglichen das für uns erst jetzt nach dem Eintreffen ausführlicher uild unparteiischer transatlantischer Berichte über diese Vorgänge. Bis dahin waren nur kurze, lückenhafte, ja offenbar einseitig gefärbte Berichte darüber nach Deutschland gelangt, die unserem Urteil Reserve auferlegten. Jetzt können wir auf Grund des eingetroffeuen authentischen Materials feststellen, daß Jacob Schiffs Entschluß eine Folge maßloser Angriffe war, welche gegen ihtl aus jüdischen, zionistisch-nationalistischen Kreisen, besonders wegen eines ihm unterschobenen oder im günstigsten Falle mißverständlich ausgefaßlen Ansspruchs über die Ostjuden gerichtet worden sind. Im Verlaufe der Kämpfe, welche unter den Inden der transatlantischen Republik über den Zusammentritt eines amerikanisch-jüdischen Kongresses geführt und über deren Verlauf unsere Leser in großen Zügen unterrichtet worden sind, hatte Schiff, der zu den Gegnern einer solchen Veranstaltung in jetziger Zeit gehörte, im Mai 1916 in öffentlicher Rede im „Central Jewish-Jnstimte" dagegen Stellung genommen. Dabei soll er nach der Darstellung seiner jüdischen Gegner gesagt haben, daß die Inden Polens lind Rußlands, nnl deren künftiger Lage sich der erwähnte jüdisch-amerikanische Kongreß beschäftigen soll, selbst schuld an den in der Vergangenheit über sie hereingebrochenen grausamen Verfolgungen seien, weil sie sich zu sehr in Sprache und Sitte von der nichtjüdischen Bevölkerung ihrer Wohnländer isoliert hätten. Mit einer Flnt von Angriffen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.