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Die Wahrheit · 1916-08-25 · Heft 23 (25.8.1916) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 23 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 23. Bileams in Segen wandeln. Die österreichischen Juden haben es nicht nötig, sich von ihren verlogenen Feinden fressen zu lasieu! R. L. Die Zukunft der Kleingemeinden. Herr Lehrer Katzenstein in Steele diskutiert in einer an die «Aüg. Zeitung d. Indent." gerichteten Zuschrift die Frage, auf welche Weise die zumeist prekäre finanzielle Lage der kleinen jüdischen Gemeinden einigermaßen gebessert werden könnte. Bei der Aehnltchkeit der diesbezüglichen Berhältnisie in Deutschland und Oesterreich-Ungarn wollen wir die in dem genannten Blatte gemachten Vorschläge nachstehend wiedergebe,i: Ueber die Zukunft unserer Kleingemeinden ist des öfteren in diesen Blättern die Rede gewesen. Immer wieder kamen diejenigen, die über diese Frage ihre Meinung ans-" sprachen, zu dem Ergebnis, daß die wirtschaftliche Lage der Kleingemeinden immer ungünstiger werde, weil der Zug zur Großstadt, gerade der Begüterten, den kleinen Gemeinden immer größere finanzielle Lasten ansbürde. Die Steuerzuschläge wachsen von Jahr zu Jahr: 150 bis 200 Prozent sind oft nötig, um die Ausgaben zu decken, die durchs Lehrerbesoldung und sonstige Knltusausgaben entstehen. Und doch gibt es einen Weg, auf dem diese Gemeinden zu einer Erleichterung ihrer finanziellen Lasten gelangen könnten, wenn nur rechtzeitig und ohne Säumen der Anfang gemacht würde. Das Heilmittel besteht in der Schaffung von Kapitalien, deren Zinsen zur Deckung der Gemeindeausgaben dienen können. In den meisten Fällen erheben die Gemeinden keine anderen Zuschläge als unbedingt zur Deckung der, Ausgaben notwendig sind. Gerade die begüterten Gemeinde- Vertreter, in bereit Macht die Festsetzung des Haushaltsplans liegt, halten den Steuersatz möglichst niedrig, einesteils ans falschem Egoismus, um sich größere Ausgaben zu ersparen, audernteils auch aus dem Gesichtspunkte, weil sie ja doch in nicht zu ferner Zeit den Zug der Großstadt mitmachen werde». Mit einem geringen Steuerznjchlag über die Bedürfnisse hinails wäre jedoch die Möglichkeit gegeben, einen Erneuerungssonds zu schaffen, der ans kleinen Anfängen, mehr und mehr wachsend, der Gemeinde später eine größere Erleichterung schaffen würde. Ein Kapital von 10.000 Mark bringt fa schon 500 Mark Zinsen, die im Haushaltsplan . einer Gemeinde eine große Rolle spielen. Diese Fonds ließen sich noch ergänzen durch die Zuiveudnug von Stiftungen, für welche die Gemeinde bestimmte Verpflichtungen zu übernehme» hätte. Ich denke zunächst a,l Gedächtnis- und Jahrzeitsstiftungen. Es wird in dieser Zeit fast für jede Gemeinde der Fall eintreten, in dem Eltern ihren! Heldensohne, der in fremder Erde rnht, in der Heimat eine dauernde Erinnerung schaffen wollen. Da ergibt sich die Gelegenheit, der Gemeinde eine Geldsumme zu schenken, deren Zinsen Gemeindezwecken dienen mit der Verpflichtung, alljährlich den Todestag durch Kaddifch und Seelengebet zu begehen. Ich halte eine solche Gemeinde stiftnng für richtiger, als wenn wildfremde Menschen die Kaddischstiftnng übernehmen, die zu dem Velftordenen oder seiner Familie in keiner Beziehung stehen. Es könnten etwa Bedenken aufranchen, was mit solchen Stiftungen ,m Falle der Auflösung der Gemeinde geschehen soll? Auch da ließe sich Vorsorge treffen, wenn die Bestimmung aufgenommen würde, daß in solchem Falle eine Nachbargemeinde oder irgendeine wohltätige Stiftung Erbin sein soll. Noch eine dritte Einnahmequelle würde den Kleingemeindeu erwachsen, wenn die Söhne oder Töchter, die der Heimat ans irgendwelchen Gründen den Rücken kehren, in ihren letzrwilligeu Verfügungen uiehr an den Barn denken würden, aus dem sie oder ihre Eltern dereinst, geschöpft haben. Kaum vergeht eine Sitzung der Repräsentanten (beispielsweise in Berlin) in der nicht irgendwelche Stiftungen angenommen werden. In seltenen Fällen gedenken die Spender auch der einstigen Heimat, für welche geringere Summen wehr bedeuten, als für die Großgemeinde ein reiches Kapital. Sollten diese Ansführnngeu an irgendeiner Stelle dazu führen, ejner Gemeinde ihre Steuerlast zu erleichtern, so wäre ihr Zweck erfüllt. -—f Darf eine streng religiöse Kran -ns Kchachleramt bekleiden? Mein alter, sehr achtbarer Frerrnd, Herr Ph. R., der in einer kleinen ungarischen Gemeiirde wohnt, kam neulich nach Wien, um seine hier domizilierendeu Verwandten zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit unterließ er es nicht, auch mir einen Besuch abznstatten. Ich freute mich sehr, diesen treuen, aufrichtigen Freund endlich nach vielen Jahren wieder einmal sehen und mich nach seinem Befinden, wie nach den Verhältnissen seiner Gemeinde, in deren Mitte er seit fast drei Dezennien das Vorfteheramt würdevoll bekleidet, erkundigen zu können. — Wie Sie wissen — begann er feine Mitteilungen — ist unsere Gemeinde, die in den letzten Jahren durch den Umstand, daß mehrere ihrer wohlhabendsten Mitglieder in größere Städte, wo Handel und Industrie blühen, übersiedelteil, stark dezimiert wurde, nicht mehr in der Lage, mehr als einen Funktionär, der Schächter, Vorbeter und hebräischer Elementarlehrer sein mnß, zu erhalten. Daß man bei der Wahl derartiger Funktionäre — besonders, ' wenn die Gemeinde hauptsächlich auf eine billige Kraft reflektiert — sehr vorsichtig sein muß, um keinen Mißgriff zu machen, ist wohl selbstverständlich; wir jedoch dürften nicht allznwählerisch Vorgehen, mußten uns vielmehr stets begnügen, wenn wir übervanpt für diese drei Aemter auch nur eine bescheidene Kraft gefunden haben. Nun aber hat unser letzter Funktionär, wie tausend andere seinesgleichen, vor einiger Heit einrücken müssen, daher wir gezwungen sind, das Fleisch von der großen Nachbargemeinde, der es an Kultusbeamten und Domestiken nicht mangelt, besorgen zu lassen, was oft sehr umständlich ist. Für den hebräischen Elementarunterricht ist teilweise gesorgt, da die Väter sich entschlossen haben, ihren Kindern selber den hebräischen Unterricht zu erteilen; auch die Synagoge wird nicht vernachlässigt, da einige ältere Mitglieder, die anständig vorznbeten verstehen, sich erbötig erklärten, das Vorbeteramt abwechselnd zu versehen. Nur bezüglich der Schechita sind wir ratlos, denn woher sollen wir jetzt einen Schochet nehmen? Die jüngern Leute sind zumeist abwesend und einen alten Mann kann man doch nicht für die Schechita verwenden. Sie sehen also, daß ich noch auf meine alten Tage von Sorgen, wohl nicht von Nahrungs-, sondern von Gemeindesorgen sehr, in Anspruch genommen werde. Nun muß ich Ihnen noch eine nicht uninteressante Episode erzählen: Als vor kurzem in einer Vorstandssitzung über die Schächterangelegenheit debattiert wurde, erhob sich der alte Herr Sal. G., der in seiner Jugend, die Jeschiba besucht und sich nebenbei auch profanes Wissen augeeignet hatte, und . sagte: Meine Herren! Ich möchte, mir erlauben einen nicht unannehmbaren Antrag zn stellen: Bekanntlich werden jetzt in dieser stürmisch bewegten und aufgeregten Zeit hüben und drüben Frauen für verschiedene Aemter und Dienste als Ersatz für die auf dem Felde der Ehre für- Thron und Vaterland kämpfenden Männer verwendet. Nun wäre es nicht auch möglich, würdige f r o m m e Frauen, auf die man nicht das Wort „Noschiin .daaton Kalos“ anwenden kann — und wahrlich an edlen streng religiösen Frauen mangelt es auch heute nicht — mit den Vorschriften der Schechitavertraut zu machen, damit sie dann die eingerückten Schächter w.ä h r e n d der Kriegszeit vertreten könnten? 7 Fast die meisten Anwesenden in der Sitzung haben die Frage mit einem schallenden Gelächter beantwortet, da sie diesen ^sonderbaren Antrag als einen

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