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Die Wahrheit · 1916-08-25 · Heft 23 (25.8.1916) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 23 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23. Die Wahrheit Seite 5. Scherz anffassen zu müssen glaubten. Nun, was sagen Sie zu diesem Projekte? Ich meinerseits kan» mir nicht denken, daß Herr Sal. G., den ich seit jeher als achtbaren, sehr ernsten, intelligenten Mann kenne und schätze, sich erlaubt hätte, anläßlich einer solch wichtigen Angelegenheit Witze zu machen. Ich bitte Sie daher, mir gefälligst hierüber Aufschluß zu erteilen, denn in unserer Gemeinde gibt eS eben außer Herrn Sal. G. keinen Talmudgelehrten. Ich muß Ihnen offen gestehen, entgegnete ich Herrn Ph. R., daß mich die Episode, die- Sie mir soeben erzählten, sehr interessiert hat. Bezüglich der Lacher kann ich unr soviel sagen, daß sie sich blamiert und bewiesen haben, daß ihnen das jüdische Schrifttum eine tsrra ineognita ist. Der Antrag des Herrn Sal. G. verdient umsoweniger verlacht zu werden, als es tatsächlich Zeiten gegeben, da würdigen, wahrhaft frommen Frauen das Schächteramt anstandslos anverlrant wurde, ohne daß es an männlichen, streng religiösen Schochlim gemangelt hätte. Im sechzehnten Jahrhundert lebte in Italien ein aus einer französischen Gelehrtenfamilie entstammender äußerst frommer und gelehrter Rabbi, der allgemein als eine hervorragende rabbinische Autorität galt. Es war dies der hochangesehene R. Jsak b. Jmanuel de Latas. Seine Geburtsstadt war nämlich Latas in der Provence, einer Landschaft im Südosten von Frankreich, daher er den Namen de Latas trug. Seine Rechtsgutachten „Schaalot uteschuboth“, die sich als autographes Manuskript in der k. k. Hofbibliothek befinden und im Jahre 1860 von mir ediert wurden, zeugen von seiner eminenten Gelehrsamkeit und hohen religiösen Begeisterung. Der Umstand, daß er mit den angesehensten Rabbinern der damaligen Zeit, besonders mrk' dem in ganz Israel gefeierten Rabbi Joses Karo, dem Verfasser des „Bet Josef", in lebhafter Korrespondenz stand und zahlreiche Gemeinden in den wichtigstln religiösen Fragen sich bei ihm Rat holten, beweist zua Genüge, daß er, der nicht nur ein scharfsinniger Talmudist, sondern auch ein bedeutender Kabbalist und Keilner der Religionsphilosophie war, sich einer seltenen Popularität zu erfreuen hatte. Und dieser hochfromme Rabbi war es, der im Jahre 1556 in Mantua einem würdigen, streng religiösen Mädchen, wie einer achtbaren frommen Frau die Autorisation zur Bekleidung des Schächteramtes erteilte. In dem ihnen ausgestellten Zeugnisse (Kabolo) machte er zur Pflicht, die betreffenden Vorschriften anfangs zweimal täglich, nach einem viertel Jahre nur einmal täglich, nach einem Jahre nur einmal wöchentlich und während der ganzen Lebenszeit einmal monatlich zu wiederholen (Rechtsgytachten S. 139). Hieraus werden Sie wohl ersehen, daß das Projekt des Herrn Sal. G. nicht verhöhnt und verlacht, sondern beachtet und gewürdigt zu werden verdient. Ich gebe es wohl zu, daß eine derartige Reform in.der modernen Zeit als nicht aktuell erscheinen würde: allein (beschaas badechak) im Notfälle, besonders jetzt in der Granen erregenden Zeit des Weltbrandes, den raub- und habsüchtige Machthaber entzündet und ihn noch immer nicht löschen wollen, ist es angezeigt, eher einer würdigen, wahrhaft frommen Frau, als irgend einem fremden Schächter, von dessen aufrichtiger Religiosität man nicht überzeugt ist. das Schächteramt anzuvertrauen. Mit einem warmen Händedruck verabschiedete sich Herr Ph. R. von mir und sagte: „Ich bin Ihnen für den mir erteilten Aufschluß umsomehr zu Dank verpflichtet, als ich hiedurch in die angenehme Lage versetzt wurde, dem braven, gelehrten Herrn Sal. G. Genugtuung zu verschaffen. Wie sehr wird er sich freuen, wenn er hören wird, daß Sie seinen Alltrag vollkommen gerechtfertigt und hegrüudet gefunden. Friedländer. Kestgottesdienst und Kestfttznng der israelitischen Knltnsgemeinde. Am 18. August fanden anläßlich des Geburtstages unseres Kaisers in sämtlichen Synagogen Wiens Festgottesdienste statt. Der Hauptgottesdienst wurde um *^11 Uhr vormittags int großen Leopoldstädter-Tempel abgehatten. An demselben nahmen sämtliche in Wien weilenden Mitglieder deS Knltnsvorstandes, mit dem Präsidenten Dr. Alfred- Stern und dem Bize-Präsideuteu Dr. Leopold Kohn an der Spitze, sowie die gesamte Beamtenschaft unter Führung des Ersten Sekretärs kais. Rat Dr. Theodor Lieden und des Sekretärs Dr. Emil Adle r teil. In Vertretung des Ministeriums für Kultus und Unterricht war Seknonsrat Dr. Thaddäus Nittner, in Vertretung des Statthalters Statthalterei-Sekrelär Roderich von G ö tz, in Vertretung des Bürgermeisters Gemeinderat Dr. Oskar Hein, in Vertretung des Polizei-Präsidenten Polizeuat Dr. Heinrich B r a n d h u b e r von E l s ch f e l d erschienen. Die Bezirksvertretung Leopoldstadt war durch die Bezirksräte Bak, Dr. Brady und Haslinger vertreten. Ueberdies waren sämtliche dlenstfreieu Rabbiner und Lehrer, sowie Abordnungen verschiedener Vereine und Korporationen und zahlreiche Mitglieder der Wiener israel. Kultnsgemeiude anwesend. Die Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Max Grnnwald. die kamoralen Funktionen versah Oberkautor Morgenstern mit Chorbegleitnng unter Leitung des Chordirektors Professor Josef S u l z e r und der Dirigenteit H e i m a n u und Z e l l u i k. ' Anschließend au diesen Festgottesdienst fand im Zeremoniensaale des Leopoldstädter Tempels eine öffentliche Festsitzung des Kultusvorftandes, welche gleichfalls überaus zahlreich besucht war. statt. Hier hielt der Präsident Dr. Alfred . Stern die nachfolgende Festrede: „Geehrte Festversammtung! Zum drittenmale seit Ausbruch dieses mörderischen Krieges sind wir an dieser Stelle versammelt, um nach feierlichem Gottesdienste anläßlich des Geburtsfestes Seiner- Majestät unseres erhabenen Monarchen nach inbrünstigem Gebete für fein Wohl der Eingebung unseres Herzens folgend in öffentlicher feierlicher Festsitzung der Repräsentanten unserer Gemeinde Ausdruck zu geben unserer heißen Liebe, unserer unerschütterlichen Treue, unserer ehrfurchtsvollen Huldigung für unseren Kaiser und Herrn. Zwei Jahre lang hämmern von Haß und Neid erfüllte Feinde an dem festen Gefüge unsere- Vaterlandes. Seit zwei Jahren macht der nordische Koloß, dieser mörderische Erbfeind jeder Freiheit und jedes Rechtes, die blittigste» Anstrengungen, tu« sein Reich der Finsternis ins Uttgemessene zu erweitern, um das Licht der Freiheit, welches unsere heldenmütigen Truppen, vereiitt mit den ruhmreichen verbündeten Armeen in weite Gebiete des Zarenreiches getragen haben, abermals zu verscheuchen. Allen diesen Anstürmen einer Welt von Feinden hat die. Monarchie, haben die treuen Völker ttnseres erhabenen Kaisers unt todesverachtendem Heldenmut, mit opferfreudiger Selbstentäußernng Stand gehalten. In all dem wechselvollen, atembeklemmenden Auf und Nieder dieses zweijährigen Ringens mit unsere Existenz, um unsere Freiheit, um die Erlangung eines dauernden, ehrenvollen Friedens war unsere innige Liebe für die geheiligte Person unseres gütigen Kaisers der Quell, ans dem wir Opfermut, Begeisterung, Siegeswillen und Siegeszuversicht schöpfen. Es sind wenige Tage her, an der Schwelle des dritten Kriegsjahres, daß unser geliebter Kaiser wieder mit einer Kundgebung sich an seine Völker wendet: „Mein Herz", so heißt es in diesem Manifest, „Mein Herz teilt in väterlicher Bekümmernis mit jedem einzelnen meiner Getreuen die Sorge, die auf ihm lastet und die sie so standhaft ertragen, den Schmerz um die Gefallenen, die Angst tun die

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