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Die Wahrheit · 1916-08-11 · Heft 22 (11.8.1916) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 22 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 22. Prozeß mit ihm gehabt, deu er — Onkel Simon — in allen Instanzen verloren hatte. Jetzt war die Gelegenheit -a, sich dafür „narlkem" zn sein. Aber Tannenbaum war nicht so leicht ans dem Konzept zu bringen. „50 Taler" sagte er kalt. „60" — Onkel Simon. „80" -— nbertrumpfte>ihn der andere und nahm eine Prise aus seiner silbernen antiken Schnupftabaksdose. Kommst du mir so, alter Halunke, will ich dir noch ganz anders kommen, dachte sich Onkel Billion und ries: „120 Taler!" Wenn er aber geglaubt hatte, damit seinen Gegner nun endgültig ans dem Felde geschlagen zu haben, so täuschte er sich gewaltig, denn ganz gelassen und njit größter Seelenruhe sagte dieser: „150 Taler!" Der dicke Getreidehändler bekam nun selber einen Schrecken und einen ganz roten Kopf. Aber zurücktreten — niemals. Ging es doch nicht aus seiner Tasche; — und „koste es was es wolle" hatte ja Niekchen gesagt. Tgnnenbanms Gedankengang war der gleiche, nur mit dem Unterschiede, daß er im Interesse seines Auftraggebers nicht über 450 Taler zn gehen gedachte. Eigentlich hätte er nicht mehr wie 400 bieten dürfen, aber schlimmstenfalls konnte er ja das Bild selbst behalten, denn er witterte instinktiv, daß es von hohem.Knustwert war. Die fette Stimme Kluckhuhns riß ihn ans seinen Betrachtungen. „150 Taler sind geboten! Wer bietet mehr?" „Ich!" sprudelte Onkel Simon zornig hervor und schlug mit der Faust so kräftig oitf den Tisch, daß das Tmtensaß des Notars erschreckt in'die Höhe hüpfte und ein dicker Klecks sein Nktenhefl besudelte. „Ich gebe —." „Erlauben Sie 'mal", unterbrach ihn da ein dürrer Herr mit langem weißen Haar und einer goldnen Brille, indem er ihn etwas beiseite schob und zn dem Ausrufer gewendet sagte: „Einen Augenblick, — ich will nur das Bild ein wenig näher besehen. Sie gestatten es doch, Herr Notar?" Jener nickte zustimmend, und nachdem der fremde Herrfein Gesicht ganz in die Nähe des heißnmstrittenen Kaufobjekres gebracht hatte — er schien kurzsichtig zn sein — sagte er laut und bestimmt: „Ich biete das Doppelte — 300 Taler." Das war ein harter Schlag für die beiden anderen. Aber Onkel Simon überwand ihn zähneknirschend auch diesmal. Als Kluckhnhn wieder den Hammer hob, rief er: „320 Taler." „Und fünfzig", näselte Tannenbaum kaltlächelnd, indem er eine zweite Prise nahm. „Daß dich" — schrie Onkel Simon und sprang vor Wut von einem Bein auf das andere — 400 Taler!" „Und fünfzig", sagte freundlich lächelnd der kleine Mann. Zog dann sein blaugewürfeltes Taschentuch und begann sich umständlich zn schneuzen. „So geb ich 500!" jauchzte förmlich vor Grimm mit überschnappender Stimme Onkel Simon. Der Bliä, den er dabei unter seinen buschigen Augenbrauuen hervor auf den verhaßten Trödler schoß, glich dem Blinken eines halbgezogenen Dolches, seine Fäuste ballten sich und wenig fehlte so wäre er ihm an. den Hals gesprungen. Der fremde Herr hatte nicht mehr mitgeboten. Tauneubaum überlegte. 500 Taler waren kein Pappenstiel für Sally Stern und er beschloß daher, nicht weiter mitzngehen. Mochte sein Widersacher das Bild behalten. Es kam «hm teuer genug. „500 Taler zum ersten. — zum zweiten — und zum —-* . Kluckhahn machte hier die übliche Kunstpause, aber es blieb mäuschenstill. ' „Dritte««!" beendete er den Handel. Der Hammer fiel. Onkel Simon hatte bas Bild. „AWeltow!" ries «hm Tannenbanni.. zn und verliest lachend das Lokal. Voller Gift (sah ihm Onkel Simon nach. Der hatte ihm das B«ld schön teuer gemacht,' aber — er war ausdem Felde geschlagen. Das kühlte des Onkels Zornesglul ein wenig. Dann entnahm er seiner etwas abgegriffenen, fettigem Brieftasche fünf ähnlich allssehende Huuderttalerscheine, händigte sie dem Notar ein und ersuchte ihn, das Bild in. die Wohnung des alten Joel Stern bringen zn lassen. ,,S' is 'n Geschenk von meiner Nichte Niekchen für Sally, ihren Bräutigam", fügte er erläuternd hinzu. Das «vnrde gern getvährt und als der Kutscher des- Notars gegen Abend das Bild bei Sattys Eltern ablieferte^ ließen diese es in die Stube ihres Sohnes tragen, «vo eseinstweilen auf dem Sofa seinen Platz fand. Die Alten. wußten ja von der Sache, denn Sally hatte ihnen gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß er das Bild taufen und Niekchen schenken «volle. Gerne hätten sie erfahren, «vas esgekostet härte, aber der Kutsche«, dem Joel deswegen ein schönes Trinkgeld irr die Hand drückte, konnte ihnenleider keine Auskunft darüber geben. Eine halbe Stunde danach kam Sally angesahren.. Aus den vielsagenden Mienen der alten Leute konnte er schon einigermaßen entnehmen, daß Tannettbanm seines Amtes gervaltet und diese Vernultnug «vnrde zur Gewißheit, als sein Vater lächelnd mit dem Daumen über die Schulter hintveg nach seinen« rückivärts gelegenen Zimmer deutete. „Geh' mal da rir« im guck, was for dich nugefomutejt. is", sagte er. Sally hatte eine riesige Freude, als ihm das schöne Bild mit dem breiten goldenen Prnnkrahmen vom Sofa ans entgegenlenchtete. So dicht vor sich, kam es ihm in dem kleinen Raum noch weit größer und eindrucksvoller vor als früher. Nur' über den Kostenpunkt hätte auch er gern etwas- Näheres gewußt. Gleich nach dem Abendessen machte er sich daher ans, um Tanuenbamn darüber zn befragen. Aber Der lvar nicht zu Hanse und die alte Magd, die ihm den- Hallshalt führte, konnte ihm nicht angeben, wohin er gegangen sei. So mußte er denn wanen bis zum nächsten Morgen.. Der Gang würbe ihm aber erspart. Denn als er früh um. 8 Uhr zufällig zum Fenster hinnnssah, bemerkte er Tannenbanm, der eilig und eifrig gestikulierend mit einem Geschäftsfreund die Straße herabkam. Schnell riß Sally deu Flügel, aus und rief hinunter: „Tannenbaurll — he Tcmnenbanm! Kommt doch mal. 'n Augenblick 'rauf." - . „Keine Zeit jetzt, Herr Sternmuß zn einem* Termin auf das Amtsgericht." lautete der Gegenrus, „nachher komme ich zn Ihnen und erzähl' Jhmn alles. Sind Se zufrieden mit mer, un Hab' ichs recht gemacht so?" „Sehr recht Tanneiibanln. Aber sagt mir doch, wenigstens deu Preis?" „500 Taler.!" rief schon halb im Abgeherl der Trödler znrück. Sglly erschrack gewaltig.. Eiskalt fiel es ihm in den Leib hinein. Ir hatte auf höchstens 200 bis 250 Taler gerechnet und nun kostete ihm das Bild doppelt so viel.. Das ging überfeine Verhältnisse — das konnte er sich nicht leisten. Wenn seine Eltern es erfuhrenmachten sie ihm gewiß schwere Vorwürfe. (Fortsetzung folgt.)

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