Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 22 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Helte 6. Die Wahrheit Nr. 22. ersten Vorsitzenden des deutsch-israelitischen Gemeindebundes gewählt, er wurde Mitbegründer der „Gesellschaft zur Förderung des Judentums" und übernahm nach dem Tode des Dr. Gustav Karpeles den Vorsitz im Vereine sür jüdische Geschichte und Literatur. Professor Dr. Philippsohu hat nebst bedenksamen GeschichtSwerken auch viele Artikel in Ullsteins Weltgeschichte geschrieben und sich besonders drrrch seine „Geschichte des jüdischen Volkes in der neuesten Zeit" ein rruvergängliches Verdienst um das Judentum erworben. Es war dem großen Gelehrten in derr letzten Jahren leider durch Kraltkheit nicht gegönnt, seine wissenschaftlich-literarische Tätigkeit in vollem Maße aufrecht zu erhalten, jedoch nahm er noch geistig rege teil an dem jetzigen gigaulischeu Kampf, den das von ihm Hochgehalteue Deutsche Reich gegeu eine Well von Widersachern auszukämpfen hat, und an dem die jüdischen Söhne Deutschlands hervorragend Mitwirken. Mit Dr. Martin Philippsohu verliert das deutsche Judentum einen seiner besten Vorkämpfer. Seine vornehme Gesinnung, seine Hingabe an -alle Aufgaben der Menschlichkeit, seines Vaterlandes und des deutschen Judentums sichern ihm einen dauernden Ehrenplatz in der Geschichte des jüdischen Volkes. „Owad chossid .. (Eine Skizze über ' A r o n Mar c n s s. A.) Die jüdischen Zeitungen brachten die Nachricht vom Ablebeu des gottseligen Aron Marcus, an die sie längere oder kürzere Nachrufe knüpften. Nun sei es auch mir, der den Verblichenen persönlich kannte, gestattet, über den seltsame n Menschen Aron Marcus einige Bemerkungen zu. veröffentlichen.. Wahrlich, Marcus war ein seltsamer Mensch sowohl wegen seines äußeren Habitus als auch seiner Denkungsart. Ein hochintelligenter, europäisch gebildeter Manu, " der viele Werke philosophischen Inhalts in schöner deutscher Sprache schrieb und viele andere europäische Sprachen in Wort und Schrift beherrschte, in der Tracht eines polnisch-orthodoxen Juden, der sämtliche Zeremonialgesetze des „Schnlchan Arnch" mit der größten Gewissenhaftigkeit beobachtete und zum Wnnderrabbi wallfahrte, gewiß ein seltsamer Mensch, weil man ihm heutzutage äußerst selten begegnet. Marcus war der erste, der den Chassidismus philosophisch erklärte und rechtfertigte. Er war ein Chassid im strengsten Sinne des Wortes, einer jener Chassidim, deren Leben ein Gottesdienst ist, worin ihn seine hohe Gelehrsamkeit in den weltlichen Wissenschaften, sein spitzfindiger, unerbittlich bis ans Ende denkender, mathematisch-konstruktiver Verstand nicht nur nicht hinderten, sondern just befestigten. Er zeigte durch sein orthodoxes Leben, daß die zwei scheinbaren Streme: die höchste europäische Bildung mit der tiefsten Religiosität nicht nur sich vertragen, sondern sich sogar logisch vereinigen und daß er im Leben nur ein einziger Kompaß, ein einziger Polarstern, dem znznsteucrn ist, besteht: „tikan hanefesch“. Marcus wertete das philosophische Erfahren und Streben der Menschheit als Jdealbildung. Philosophie heißt bei ihm Befreinnng von Erdennot und Erlösung vom individuellen Leid. In seinem Werke „Ueber Eduard Hartmanns induktive Philosophie" hat Markus mit großer Meisterschaft nachgewiesen, daß alle Grundgedanken Hartmanus über die Philosophie des Unbewußten in den Werken der jüdischen Gelehrten schon früher vorhanden sind. Marcus hätte es vermöge seiner gründlichen Kenntnisse aller philosophischen Systeme wie der alljüdischen Literatur vermocht, dasselbe allen anderen Philosophen nachznweiseu. * Seiner religiösen Ueberzengnng nach, bei seiner philosophischen Bildung erinnert Markus an sein leuchtendes Vorbild, den großen Maimonides, der bei seinem hohen philosophischen Denken im hohen Grade religiös war, so daß die frömmsten Inden noch heute sagen können: „Mipiw onu chajim“. Auch an R. Nachman Krochmal muß man. denken. Marcus war vielleicht weniger scharfsinnig als Salonwn Maimon, obgleich auch er sehr viele Anerkennungen seitens hervorragender Gelehrter, Universilätsprofessoren und Akademiker bestiß, aber er war ein Charakter: er blieb seiner Ueberzengnng unerschütterlich treu, blieb Chassid, fromm und strenggläubig desto mehr, ,je mehr seme Weisheit wuchs und reicher sein profanes Wissen wurde. Alle seine Handlungen quollen ans einer starken Ueberzengnng, ans dem Wertbewußtsein einer harmonischen Persönlichkeit, deren Glaube an dem Intellekt des jüdischen Volkes und die verklärende, erziehende Macht der Tora. Sein Andenken sei gesegnet! N. Lothringer. Des Kriegers Tod. Dem'Gedächtnisse eines gefallenen jüdischen Egerer Helden gewidmet. Nicht stel-nenbesät und silberbetreßt war sein Kragen, noch zierten Ehrenzeichen seine Brnst. Und doch war es ein vollwertiger Held, den die Kameraden am Jsonzo zur ewigen Ruhe betteten, ein Held, gleich tausend andern unseres ruhmreichen Heeres, deren Taten wohl unbesnngen bleiben, deren Herzblut jedoch die Fluren unseres Vaterlandes für ein schönes und friedenreiches Zeitalter düngt. Einige Wochen erst trug er des Kaisers Rock, war noch kann: militärisch ausgebildet und schon meldete er sich freiwillig zur Front. Und so zog er mutig und freudig hinaus, trotzdem er Weib und Kinder, die er liebte und vergötterte, dem Schicksale überlassen mußte. Vor einigen Monatejr erst weilte er zu kurzem Urlaub in Eger. Seine Freunde, die ihn über die Kriegslage am Jsonzo befragten, erhielten zur Antwort: „Es geht uns ausgezeichnet gut! Wir sind mit allem und jedem reichlich versorgt. Unsere Heldentaten versetzen die Schurken in Angst und Schrecken. Ein Beispiel: Aus strategischen Gründen gaben wir einen Winkel au einer Stelle dem Feinde frei. Wir mußten natürlich annehmen, daß er ihn besetzen wird, aber gefehlt! Er wagte sich nicht hinein! Nach einigen Wochen konnten wir den Punkt unbehindert befestigen. Wie bekannt, befinden wir uns vorläufig in der Defensive — natürlich hoffen wir, daß bald die Zeit der Abrechnung mit dem Treulosen kommen muß — allein uns Egerländern wird zitweüeu das Nichtstun zum Ueberdruß. Da unternehmen ivir auf eigene Faust eine Extratour! Und wir kühlen unser Mütchen an dem Verräter Der Erzählende lachte bei beit letzten Worten so herzlich, daß die Zuhörler nnwillkürlich mitlachen mußten. Nun ist es dort auch anders geworden! Die Kämpfe zwischen Etsch und Brenta, vor Asiago und Arsiero, bei Mrzli Vrh und wie die Schlachtfelder alle heißen, wüten mit unsagbarer Allgewalt und gar manchem unserer Helden riß der Sensenmann die Waffe gewaltsam ans - der Hand. Aber was ist dabei! Viel Hunderttausend traben in Oesterreichs Reiterei! Vor einigen Tagen erst vermerkte die k. u. k. Feldpost auf den an unfern Helden gerichteten Briefen, die an die Lieben zurückgestellt wurden, knapp, aber inhaltsschwer; „Retonr, gefallen." . Es ist nicht nötig, daß ich den Namen des jungen gefallenen Kriegers hier miueile; die ihn kannten, wissen von wem die Rede ist. Mein Nachruf möge auch für tausend Andere gelten, von deren Taten kein Poet je ein Heldenlied singen wird. Und doch würden sie, die ritterlich unsere Ehre rächen) die ihr Blut für Kaiser und Vaterland vergießen, vollauf verdienen, besungen und verherrlicht zu werden. Armin Wilkowitsch.