Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 22 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 22. Meeres. -Kein Windhauch kräuselte die glatte Seefläche, in welcher die funkelnden Sterne des Himmels sich spiegelten. Nichts als die eintönigen Nuderschläge »Nterbrachen die Ruhe des unendlichen Meeresspiegels. Ümso lebhafter war'» im Innern der Schiffe. Gleich Belsazar saß der siegestrunkene Tyrann im Kreise seiner sklavischen Schergen und berauscht vom Siege nnb dem edlen Rebensäfte von 15b. Gedi, der ihm in heiligen Geräten schäumend gereicht wurde, richtete er die Pfeile seines Spottes gegen das unterjochte Israel und seinen Gott. Plötzlich verfinsterte sich der Horizont, ein Sturm peitschte das Meer bis in seine tiefsten Tresen ans. Zwischen Wellenberg «ud Wellental hinabschießend, emporgeschleudert, drohten die schäumenden Wellen, gleich schwarzen Ungeheuern das stolze Fahrzeug zu verschlingen. Es verstnminten vor Schreck die Lieder der Schergen, aber nicht die neransfordernden Reden des Imperators. „Der Gott Israels — so rief er ans — scheint nnr im Stmmestoben der Gewässer im Stande zu sein, seine Gegner zu besiegen, wie einst die tapferen Heere des Pharao und des Srssera. Doch möge am Festlande er seine Kräfte gegen mich erheben!" . . . Und siehe wie vom Zauberschlag berührt, plötzlich legte sich das Wogengeheul und die tosende Brandung und eine weithin schallende Gottesstimme verkündete: „Tyrannensprößling! warum so stolz auf deine vergänglichen Erfolge. Ja, tritt nur hinaus auf» Festland, dort wirst du meinem kleinsten - Lebewesen, dem „Siloicü", zum Opfer fallen." Am Festlande angelaugt, atmete er dieses milrvbenarttge Lebewesen ein, das sich in seinem Gehirn festsetzte und dessen Nagen, das der Tyrann gleich Hammer schlägen fühlte, seinen Tod herbeiführte. Ein tanbenähulichesWesen, dessen Krallen und Schnabel die Härte des Erzes halten, ivnrde festgeankert in dem Gehirn des Tyrannen gefunden — erzählt die Ueberlieferung. In dieser Legende allegorisierte die jüdische Volkspsyche die Tragödie des römischen Weltreiches. Titus ist das Smnbild Roms. War ja Cäsarenkntt der charakteristische Ausdruck feiner Religion, die Unterjochung Israels der Glauzpnukt aller Siege. Kein Volk — die. Karthager nicht ausgenommen — leistete deu blutdürstigen Adlern seiner Legionen so heldenmütigen Widerstand wie das kleine Palästina. Nahezu dreihundert Jahre dauerte seine vollständige Niederwerfung. Die Aufschriften seiner Münzen, drr Titüsbogen, verkünden heute noch den Ruhm — der Besiegten. Was mochte wohl das zertrümmerte Märtyrer Volk - Israel in den Augen des siegestrunkenen Imperators gewesen sein, besten Lebeusguell, den heiligen Tempel, er dem Erdboden gleichgemacht, dessen heiligste Symbole, die Bundeslade und die Meuorah, seinen Triumphzng zierten? Gewiß nur ein Jitosch, ein kaum wahrnehmbarer Faktor im Konzerte der Völker. Aber dieser Jitosch war der Keim von Roms schrecklichem Völkertode. Am Tage derzErobernng am Tischobeav wurden aus den Eroberten Ewberer. Der strahlende Ideengehalt dieses Jitosch, die ethischen Lehren der Barmherzigkeit/ die die Prüfeten so oft der sanften Taube verglichen, sinnen in den Volkskörper Roms, zersetzten mit unwiderstehlicher eherner Gemalt sein geistiges Zentrum, seine nnerschütterlichen Säulen, die aus den Quadern der Gewalttätigkeit und der Tyrannei errichtet Waren. Nicht so sehr in welterschütlernden Kriegen, sondern rühmlos zersetzt verschwand es von der Arena der Geschichte. M erlag ben jüdischen Ideen. Die Zerstörung Jerusalems bezahlte Rom mit seinem Bölkertöde. Vor zwei Jahren brach nun der dritte bedentendste Tischo-beav der jüdischen Geschichte über uns herein. Wir standen wieder an der Wende der Zeiten. Das blutgierige Cäsarentum erstand In nuferen Tagen wieder im Jmpeiialisums des Zarentums. Ausgerüstet mit allen blutgierigen Mitteln der Tyrannei und der Gewalttätigkeit. Kosakenherrschafl würde das Ende des schwererruugeueu Völkerrechtes bedeuten. Besonders gegen Israel wandte sich fein Zorn. Ist dieses ja heute Noch der Fackelträger aller Humanität rnid Aufklärung. —Und da ertönte die Sturmglocke des Weltkrieges. Oste» und Westen stürzten gegeneinander, eine neue Wolke der Völkerwanderung entlud sich in ein Gewitter von Blut und Eisen. Die Zeit ist beis für den Messias, doch im dntcklen Drange des Waffenstnrines ist der Weltgeist sich seines rechten Weges bewußt. Die Fahne der Freiheit Europas und des Judentums hat sich unter die Fahnen der Verbündeten gefluchtes. Die trüben Wellen der Tyrannei werden sich brechen an dem Waffendamm der Bajonette der Monarchie und Deutschlands. Die grauenhafte Beleuchtung des Krieges ist das Flammenbild eines neuen Weltanfgauges. Sie verkündet das Morgenrot der Freiheit, das mit seinen Rösenfingern die ßnstere Nacht des russischen Barbarentums verscheuchen wird. Der dritte schreckliche Tischo-beav wird auch für Israel Erlösung bringen. Wenn der Ewige' die Verscheuchten Ziorls zlü ücksühren wird, werden diese schweren Tage einem Traume gleich uns dünken. Ja Großes wird der Ewige an uns vollbringen. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Und io spricht der'Ewige Zebaoth: „Das Fasten des fünfteit Mondes, es soll dem' Hanse Juda zur Wonne und Freude werden!" Konfesstonelle oder inlerbonfefstonelle Uolksfchnlen. In -Nr. 15 und 20 der „Wahrheit"; ist Herr Adolf Fried entschieden für die konfessionelle Volksschule in Oesterreich eingetreten und seine kurzen Aufsätze verraten erstens, daß er selbst Lehrperson ist oder war nnb zweitens, daß er seit einer langen Reihe von Jahren die Schnlliteratnr - aufmerksam verfolgt hat. Ich habe wohl in Nr. 17 dieses Blattes im gegenteiligen Sinne zu dieser höchst wichtigen Frage Stellung genommen, bin aber umso weniger berechtigt, mich ob -der Gegnerschaft des Herrn Fried zu erregen, als derselbe in Nr. 16 sogar Herrn Rabbiner Dr. Reich eine geäußerte Zeitnngsmeinnug uns dem Jahre 1869 oder 1870 mißbilligend vorhält, in welcher letzterer seine Zustimmung zur „Nenschnle" bekanntgab. Daraus ist wohl zu ersehen, daß Herr Fried zu den ältesten Gegnern derinterkonfessionellen österreichischen Bolksschrile zählt, aberer irrt, wenn er annimmt, baß uns dre religiöse Erziehung der jüdischen Schuljugend etwa schnuppe sei. Um ein solches Vorurteil zu zerstreuen, erlauben wir uns, ihn ans einschlägige Arbeiten ans unserer Feder in Nr. 8 und 10 der „Freien Indischen Lehrerstimme'' des Jahrganges 1913, Nr. 8 des gleichen Monatsbluttes. Jahrgatlg 4914 nnb der Doppelnummer 11 u. 12 dieses Lehrerblattes, Jahrgang 1915, ferner auf die Nummern 8/ 9 n. 10 der „Wahrheit" Jahrgarrg 1916 anfmerksani zit machen. Ganz entichiedeit wenden wir lins aber gegen die alte jüdische Gepflogenheit, sich'auch geFeuwärtig noch immer alles Unrecht zur Freude unserer Gegner znfügen zu lassen, weil wir „im Goles" feien. Das wäre wohl so manch ein recht, ivenn wir zur allgemeinen BolkKschitle tüchtig beisteuerten und dieselben nicht ben Ützen, sondern für nufere Kinder mit ungleich geringeren Berechligungen ausgeftalteke P r i v a t- Bo lks schulen gründen und nnterhallen würden. Unrecht dulden, verträgt sich mit demManuescharakter ebenso wenig als Unrecht tun und ermutigt ben Gegner mir zu wöuereu nugerechten Taten. Wir sind der Meinung, daß nicht die interkonfessionelle allgemeine Volksschule die Schuld an dem übrigens nicht einwandlös -bewiesenem Schwinden des religiösen Sinnes des jüdischen Volksnachwuchses trage, als vielmehr Ne allzeitige Kampf- und Abwehrnnlnst der jüdischen Gemeinschaft gegen Urbergriffe und tendenziöse Nichtbeachtung jüdischer Bedürfnisse seitens mächtiger Gegner. Nach Kriegsschlnß haben mir in Oesterreich zweifellos auf gewaltige Veränderungen im Schrllgebiele zu rechnen. Wer sich da nicht rechtzeitig und energisch rührt, wird nicht gehört und dessen Wünsche werden nicht, berücksichtigt werden. Es. erscheint daher durchaus -nötig und keinesivegs verfrüht, jüdische Wünsche im öffentlichen Schirl-