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Die Wahrheit · 1916-07-28 · Heft 21 (28.7.1916) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 21 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 21. . .. Die Wahrheit. Beide Stellen waren mir noch ans meinen Knabenjahren her bekannt, sie sind doch Bestandteile des täglichen jüdischen Morgengebetes. - In all diesen Stellen gelangt nur der Gedanke znm Ausdruck, daß nicht die Uebermacht des Heeres für den Ausgang des Krieges entscheidend ist, sondern Gottes Hilfe, ein Gedanke, der wie ein roter Faden sich durch die meisten Psalmengesänge zieht, ein Gedanke, der ans der vom frommen Gottesglanben und Gottvertrauen erfüllten Quelle der Psalmen -stießt. Das Bild der menschlichen Ohnmacht gegenüber der Allmacht Gottes spiegelt sich doch in den meisten Psalmen wieder und hat ihnen Eingang in den Gottesdienst aller monotheistischen Konfessionen verschafft. Es ist ja nur der natürliche Ausfluß des frommen Gottesglaubens. Anders geartet ist jedoch die zweite zitierte Stelle, die in keinem Gebetstücke vorkommt. weder in der jüdischen noch in dem mir vorliegenden Missale romamim. Das ist auch, ganz natürlich, .weil sie Gott außer Spiel läßt und sich rein an den gesunden Menschenverstand, an die Erfahrung des praktischen Lebens hält. Sie war mir früher fremd, ist mir aber jetzt im Ge- _ dächtnisse haften geblieben. Sie zeigt klar, daß schon der alte König Salomon vor mehr als 2000 Jahren vor der Er- -findnng-des Pulvers die Kriegskunst nicht auf Rechnung der physischen Stärke und Uebermacht, sondern auch die geistige Ueberlegenheit zu setzen verstand, welche Wahrheit gerade der jetzige Weltkrieg, namentljch die jüngste Seeschlacht am Skagerak, vor den Augen aller Welt klar vordemonstrierte und so zur Ehre des Deutschen Reiches uild Oesterreichs in Erscheinung treten ließ. Diese Stelle aus den Sprüchen Salomons verdient daher gegenwärtig besondere Beachtung.-Es feien daher auch einzelne deutsche Uebersetzungen wiedergegeben: - 1. Vulgata: Quia cum dispositione initur bellum et erit salus, ubi multa consilia sunt. 2. Luther: Denn mit Rat muß man Krieg führen und wo viele Ratgeber sind, dort ist Sieg. 3. Allioli: Mit guter Anordnung fang man den Krieg an und der Sieg wird da sein wo viele Ratgeber sind. 4. Metrisch: Nur durch Pläne, wohl durchdacht, kannst du den Krieg bezwingen. Hub durch des Planes kluge lieberjchall den Sieg erringen. Auch der Kriegswucher, namentlich der Getreidewucher, den wir jetzt alle im Hinterlande so schwer beklagen und über den sich erst in den letzten Tagen der König Ludwig von Bayern öffentlich ausgesprochen hat. iu zw. unter vorwiegender Hinweisung nicht ans die gerne gescholtenen Zwischenhändler, die doch nur vonihrem Geschäft leben, sondern auf die Großgrundbesitzer, die doch schon von der Mutter Erde genährt werden und die sich dabei gerne als Großmoralisten aufspielen und sich als die Generalpächter des Mvrals preisen lassen. Dieser Kriegswucher findet in diesen Sprüchen seinen Ausdruck in der Stelle 11, 26: „Wer das Getreide zurückbehält, der wird verflucht von dem Volke. Aber Segen kommt auf das Haupt des Verkäufers." Auch die moderne Trustwirtschaft wird vom Professor Dr. Müller in seiner Strofentheorie*) ausführlich in den Sprüchen Salomons gehörig gegeißelt, n. zw. in den Versen 10—19 im 1. Kapitel. Diese Verse sprechen allerdings nur von der Verleitung-zur Beraubung und Todschlag, dann von der Teilung der gemeinsamen Beute. Müller führt nun zur Begründung seiner Strofentheorie dieses Kapitel ans den Sprüchen Salomons als Beispiel an und behandelt die Verse 10^—14 als 1. Strafe und die Strofen 15—19 als Gegenstrofe und konstruiert /daraus in sehr geistreicher Weife ein auf die moder ne Trnstwirtschaft gerichtetes Bild, das hier wiedergegeben sein mag. ' Strafe 1. „Wenn die geriebenen Gauner zu dir mit Plänen kommen, welche auf die Altsbeutung der Einfältigen berechnet find, freilich ist des Verfassers Auffassung *) Siehe: Komposition.,mit..Strofenbau von Dr. H. Müller, .-Verlag der Wiener Jsrael.-theolog. Lehranstalt 1907. Blutvergießen und Mord, die Ränkeschmiede werden dir aber haarklein beweisen, daß die Schwachen auf die einfachste und reinlichste Weise vollkommen beseitigt und gleichsam lebendig vom Orkus verschlungen werden, wobei großer Gewinn und reiche Beute zu erzielen sei. man verübe dabei nichts Unrechtes, es gelte nur eine gemeinschaftliche Kasse zu errichten und gleiche Anteilscheine zu beheben." Strofe 2. „So laß dich auf ihre Vorschläge nicht ein und halt dich von ihren Plänen fern. Sie werden wohl ^Unheil anrichten und Bült vergießen, aber die einfältigen Vögel, auf die sie lauern, werden ihnen nicht in das Garn gehen. Sie werden sich selbst im eigenen-Netze fangen und ihr eigenes Blut vergießen, denn die Habsucht vernichtet des Habsüchtigen Leben." Man muß dieses Bild jedenfalls als sehr geistreich konstruiert bezeichnen, selbst wenn man annimmt, daß sich der weise König Salomon von einem Trust noch nichts habe träumen lassen und wenn man sich anch für die moderne Textkritik und die darauf basierende Strofentheorie nicht erwärmt, denn auch hier werden von MiUer die zwei Worte al towea als vermeintlich überflüssig gestrichen und nur als nachträgliche Glosse, als Abbreviamr für die nachfolgenden Worte al telech bederech itom. Anch diese Deutung — selbst wenn man ihr nicht beipflichtet — muß jedenfalls als sehr geistreich bezeichnet werden. Wenn mau dieser Textkritik, die oftmals gar sonderbare Blüten treibt und eine Unzahl von Arbeiten christlicher Gelehrten über das Metrum der biblischen Poesie geschaffen, auch nicht vollends znstimmen mag, so kann doch nicht geleugnet werden, daß dieselbe auf das Bibelstudinm fördernd eiugewirkt hat. Jedenfalls freue ich mich, daß mir diese moderne Textkritik Veranlassung gegeben hat. mich an meinem Lebensabende auch den Sprüchen Salomons mein Studium zuznwenden und hier einige neue auch auf den gegenwärtigen Krieg anwendbare Gedanken entdeckt zn haben. Dr. M. Epstein. Verschiedene Uachrichte». Krems a. d. D. Der. Verein „Zion", veranstaltete anläßlich des zwölften Todestages Th odor H e r z l S am Donnerstag, de» 20. Juli im hiesigen Tempel einen Tranergottesdienst, sowie anschließend daran im Sitzungssaal«: der Knltnsgemeiude eine Gedenkfeier. Im Rahmen des Gottesdienstes hielt Herr Rabbiner Doktor M. G. Mehrer eine geistvolle zündende Ansprache, in der er Theodor Herzl als Menschen nnd Inden schilderte. Herr Oberkantor Heinrich Katz besorgte mit dem von ihm eiustudierlen Ichülerchor die gottesdienstlichen Funktionen und schuf insbesonders durch seinen überaus schönen Bortrag des Tranerpsalmes „LI mole rachamim“ eine außerordentlich weihevolle Stimmung. In der darauf folgenden Gedenkfeier, welche der Obmanll Herr Ignaz R e p h a » eröffnete. hielt der Schriftführer Herr Karl Sachs eine beifällig aufgeuommene / Gedenkrede, stncl. zur. Robert Kolb las einige Stelle» aus Herzls zionistischen Schriften in wirkungsvoller Weise vor. Reichen Beifall erntete Herr Norbert Sachs mit seinem Bortrag über Paläsiina und die Bedenlnilg des Herzlwaldes, was durch das schöne Resultat der Hanssammlnng für die Baumspende bewiesen erscheint. An dieser Stelle sei auch Frau Erna W a s s e r v o g e l für ihre Orgelbegleitung. dem braven Schülerchor sowie der Studentenschaft wärnlster Dank gesagt. ' Lemberg Der Statthalter von Galizien hat dieser Tage den Beirat der Landeszentrale für beit Wiederaufbau Galiziens ernannt. Unter den Mitgliedern desselben befinden sich auch Abgeordneter Dr. H. K o l i s ch e r. sowie Herr Bernhard Wachtel. Chef der Speditionsfirma Mendelssohn in Krakau, welche der Sektion für den Wiederaufbau von Handel und Gewer.be zngeteilt wurden. Der Beirat wird in den nächsten Tagen feine Arbeiten anfnehmen. Stuhlweißeuburg. Im Alter von 70 Jahren ist der als Philautrop weltbekannte Herr Jakob G r ü n f e l d verschieden. Er hatte ein edles Herz und übte Zedoko im großen Stil. Bei Lebzeiten schon machte er große wohltätige Stiftungen, die er in seinem Testamente mit K 750.000 ergänzte. Die ganze Stadt legte bei seinem Leicheuzug Trauerschmuck a,r und auch cher berühmte Kirchenfürst Bischof O. Prohazka erschien, um ihm die letzte Ehre zu schenken. Rabbiner Dr. Steinherz widmete >hnr ehrende Worte deS Gedenkens. Bttlin. (Kriegsfürsorge für die Gemeindebeamten.) Die hiesige jüdische Gemeinde ist auf dom Gebiete der Kriegshilfe für ihre Beamtenschaft mit vorbildlicher Fürsorglichkeit über die Leistungen aller Groß-Berliner Verwaltungen hinausgegangeu.

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