Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 21 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 21. Nachdem sie bereits im Frühjahr 1915 alle» festangestellten Beamten mit einem Gehalt bis zu 2400 Mark - eine monatliche Beihilfe von 10 Mark für die Verheirateten und 5 Mark für die Unverheirateten bewilligt hatte, verdoppelte sie im Herbst 1915 diese Beträge und dehnte den Bezug der Teuerungszulage bis zu einer Gehaltsgrenze von 3000 Mark aus. Vom 1. Juli 1916 tritt eine nochmalige Erhöhung Vieser Sätze ein. Bon diesem Zeitpunkt ab erhalten die verheirateten Beamten monatlich 30 Mark, die unverheiratete,r 20 Mark monatlich als Kriegsbeihilfe. Für jedes Kind unter 15 Jahren wird außerdem eine Sonderbeihilfe von 3 Mark monatlich gewährt.. Da die wachsende Teuerung aller Lebeusmittel nunmehr auch den höher besoldeteu Beamten das Auskommen erichwert, ist die Höchstgrenze für den Empfang der Zulage auf 5000 Mark heraufgesetzr worden. Die Fürsorge der Gemeinde erstreckt sich diesmal auch ans d>e Personen, die bei der Gemeinde im Nebenamt angestellt sind, also ans die Hilfskräfte, Chorleiter, Organisten, Synagogendiencr und andere Angestellte in ähnlichen Nebenberufen. Es erhalten von den nebenamtlich beschäftigten Personen, deren Einkommen 5000 Mark nicht übersteigt, die Verheirateten 10 Prozent, die Unverheirateten. 5 Prozent ihrer Einnahmen als Teuerungszulage. Die niedrigste Zulage sür Unverheiratete beträgt 5 Mark, die höchste 10 Mark; für Verheiratete gelten die doppelten Sätze. Warschau. Die Wahlen zum Stadtrat sind mit der nach lebhaftem Wahlkampf statlgehabten Wahl zur sechsten (Arbeiter)-Kurie zu Ende gegangen. Für sämtliche Kurien mit Ausnahme der sechsten war es zu einem Kompromiß zwischen Polen und Juden wie auch zwischen den einzelnen jüdischen Parteien gekommen, auf Grund dessen fünfzehn jüdische Abgeordnete gewählt oder besser gesagt nominiert wurden. Unter diesen befinden sich drei Orthodoxe: Joel Wegmeister, L. Prywes und L. Davidsohn. Von bekannten Persönlichkeiteu anderer Parteien sind aus zionistischen Kreisen die Herren Rabbiner Posnansky und H. Farbstein, von den Assimilanteu Dr. Muttermilch. Konsul Elger, von den sogenannten Unparteiischen die Herren Schereschewsky und Kirschroch gewählt. Nach glücklich abgeschloffenem Kompromiß konzentrierte sich das ganze Jnteresie ans die sechste Kurie, die man ursprünglich vollständig den Arbeiter olgauifationen überlasten wollte. In letzter Stunde organisierte jedoch der Herausgeber des „Moment" Rechtsanwalt Prilutzch, im Namen eines extrem nationalistischen „Bolkskomitees" eine starke Bewegung in den Arbeitermasten und stellte 15 Äandidateu sür die sechste Kurie auf; das „vereinigte jüdische Wahlkomitee" stellte diesen drei eigene Kandidaten gegenüber. Die Wahl hat, wie von vornherein bei der skntpellosen Agitation des Bolkskomitees nicht anders zu. erwarten war. Mit deffen Sieg geendet. Es sind vier von seinen Kandidaten, darunter auch Prilutzch selbst, gewählt worden. Verwunderlich ist dies, wie gesagt, nicht, da die dem Komitee zur Verfügung stehende Presse und zwar nicht nur Prilutzchs Blatt „Moment", sondern auch das „Warschauer Tageblatt" die Gegner — Zionisten, Orthodoxe und Assimilanteu — als Verräter an der jüdischen Sache denunzierten und in demagogischester Weise die Arbeiterkreife zu fanatisiere» verstand. Alles in allem wird der neue Stadtrat. der nächsten Samstag zu seiner ersten Sitzung znsammentritt. mmmehr 19'jüdische Stadtverordnete unter 90 Mitgliedern enthalten. Brüssel. Der Oberrabbiuer von Belgien Dr. Bloch wurde nach einer Mitteilung des „Echo Belge" nach Deutschland überführt, um dort eine sechsmonatige Gefängnisstrafe zu verbüßen. Bloch sei wegen einer Predigt in der Brüffeler Synagoge verurteilt worden, worin er. den Segen des Himmels für die königliche Familie erbat und ihr eine baldige und glückliche Rückkehr wünschte. Er verglich deu Auszug der belgischen Bevölkerung mit der Flucht aus Egypten und sagte, daß „die sieben Plagen Egyptens auf das Haupt der Ueberwältiger komme» müßten". Feuilleton. So er« Pech! Einer Begebenheit aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts nacherzählt von 8. Rosenthal, Basel. (Fortsetzung.) „Wieso janker? & is doch'n alter, verbrauchtes Bild nn der Rahmen is das Beste daran." Der Alte schien ans diesen Einwurf nicht viel zu geben. Er wiegte bedächtig den grauen Kopf und sagte: „'S is 'n feines Bild. Ich halt' mer vorgeuommen, selber darauf zu bieten." „Wie hoch wär't Ihr da mitgegangen?" „Bis mindestens 400 TalerX Sally erschrück. 400 Taler: Das Brillanteuringelchen rückte wieder in den Vordergrund. Aber dann erinnerte er sich des Entzückens seiner Braut über das herrliche Bild, und — fein besseres Selbst siegte. „Schön also," sagte er, „geht mit bis zu-400 Taler oder auch noch etwas darüber, wenn es sein muß. Ich hoffe jedoch, daß Ihr es viel billiger kriegt. Wer hier in Z . . . . wird wohl so viel Geld für ein Bild ansgeben? So „besticht" (übergschnappt) is keiner. Einen Lnjedor (Louisdor) bekommt ihr fürs „Zassern", (Vermittelung), villeicht auch zwei, wenn ihr das Bild billig ersteht." „Abgemacht, Herr Stern. — Was ich tun kann, soll geschehen." Ein Handschlag besiegelte das Abkommen. Dann verliest Sally das Häuschen des Trödlers durch eine Hintertürunb schritt, vorsichtig um sich spähend, wieder dem väterlichen Geschäft zu. Er war überzeugt, daß von den hiesigen Bürgern keiner für ein halbverränchertes, altes Bild, das allein bei dem Kammerherrn schon Gott weiß ivie viele Jahre gehangen hatte, viel bieten würde. ' Unterdessen war aber auch Riekchen nicht müßig geblieben. Von dem gleichen Gedanken beseelt wie Sally, hatte sie ihren Onkel mütterlicherseits, den verwitweten Getreidehändler Simon Meier, anfgesncht, ihn in ihr Vorhaben eiilgeweihl und beauftragt, das Bild Nr. 16 zu versteigern, koste es, was es wolle. Für ihren geliebten Sally wäre ihr nichts zu teuer. Allerdings dachte auch sie dabei nur an eine Summe von höchstens 2 bis 300 Talern, vielleicht aber kam die Sache noch viel billiger. Man sieht: auch hier zeigte sich die „Uebereinstimmung ihrer Gedanken mit denen Sallys", die sie gestern so betont hat aufs neue. Jedenfalls kostet das Bild kaum mehr, als sie für die bewußte Uhr und Kette ailsgegeben hätte. Onkel Simon gab ihr die Versicherung, daß sie sich auf ihn verlassen könne, nur solle sie keinem Menschen etwas dabon sagen. „Sticken" (Stillschweigen) sei eine Hauptsache bei dergleichen Händeln. Das versprach Riekchen gern. „Unglück nimm Deinen Lauf!" sagt irgendwo der Dichter. Und so kam denn auch alles, wie , es kommen mußte. Die Auktion war im besten Gange. Auf einem erhöhten Platze stand Kluckhnhn, der.Bnreandiener des Notars, und rief die Gegenstände der Reihe nach aus. Neben ihm an einem Tische saß dieser selbst und trug die erzielten Preise für-jedes'Objekt, sowie die Namen der Käufer in ein Aktenheft ein. Tische, Stühle. Sessel, Sofas, Silberzeug, Teppiche^ Küchengeschirr usw. fanden willige Abnehmer, nur die Raritäten wollten nicht recht ziehen; für dergleichen hatten die etwas spießbürgerlichen Z . . . . er kein Geld übrig. Wenn leblose Dinge eine Seele haben könnten — und es ist nicht zn leugnen, daß ein gewisses seelisches Band zwischen ihnen und ihrem Besitzer, der sie oft ein Menschenalter hindurch liebevoll bewahrt hart, ^besteht — so mußten fit sich freuen, einstweilen noch nicht in fremde gleichgiltige Hände zu geraten. Freilich die Erinnerungen, die sie mit dem Gestorbenen verbanden, wurden mit diesem begraben — auf ewig. Ein tieftranriger Gedanke. Tempora mutantnr — Um jeden Verdacht, als habe er mit der Aktion etwas zu tun, von sich abzuwenden, war Sally schon frühmorgens mit seinem Einspänner — der „Kleechaise", tute Spötter sagten — nach dem zwei Stunden enfernten N . . . . gefahren, mit eine „geschäftliche Angelegenheit" in Ordnung, zu bringen. Bier Uhr schlug es vom Turm der Hauptkirche, ehe die Bilder zur Versteigerung kamen. Die kleineren wurden zuerst vorgeuommen und gingen zu mäßigen Preisen ab. Einige uneingerahmte Stücke mußten wieder weggestellt werden, da sie niemand haben wollte, „Rnmmero 16!" krähte da Kluckhnhn, „das größte und schönste Bild! Was wird geböten?" * „5 Taler" ließ Hch eine schüchterne Stimme aus dem Hintergründe vernehmen. „Und 10 Silbergroschen" fügte eine zweite hinzu. Aber sie verstummten sofort, als mm Tannenbaum vortrat und mit Stentorstimme rief: . "2° T^r!" ._ (Fortsetzung folgt.)