Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 21 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21. Die Wahrheit Seite 5. entdeckt, daß es nur widrige geschichtliche Verhältnisse und das Zurückhalten von der allgemeinen Kultur waren, die die Inden zu einer Welt für sich und zu einer sprachlichen Besonderheit gemacht hatten. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, namentlich zur Zeit des „schwarzen" Todes, erlitten die Juden in Deutschland furchtbare Verfolgungen, vor denen es für sie kein/n anderen Schutz gab als die Answanderung. Der Strom der Flüchtlinge bewegte sich nach.Polen, das damals höchst bemerkenswerte freiheitliche Institutionen hatte und namentlich keinen handeltreibenden Bürgerstand besaß, dessen Konkurrenzneid in Deutschland hauptsächlich daran schuld war. daß den Juden der Bissen im Munde nicht gegönnt wurde. Die Ankömmlinge, als Teilhaber einer überlegenen Kultur, bewahrten ihre Sprache und Sitten mit seltener Treue durch all die Jahrhunderte. Rührend ist diese Anhänglichkeit au die alte, ungastliche Heimat, die ihresgleichen nnr hat an der Haltung der ans Spanien vertriebenen Juden, die bekanntlich im ganzen Orient bis ans den heutigen Tag an ihrer spanischen und portugiesischen Mundart' festhalteu. In beiden Fällen mußte die Sprache, die sie mitführten, in dem Zustand , verknöchert werden, in dem sie sich befand, als sie die Juden heransrissen ans dem Boden, in dem sie organisch gewachsen war. In der fremden Erde kam es für diese Sprache zu keinem Wachstum mehr, neue Blüten konnten sie nicht ansetzen. Drinnen in Deutschland entwickelte sich die Sprache zu immer neuen Formen; die eine Mltndart sog die Kräfte ans der anderen. Hof, Adel, Geistlichkeit und Geschäftswelt führten ihr immer neue belebende Elemente zu, die Sitenitur kam hinzu und gab ihr Gesetze und Regeln, die mächtig einsetzende Reform Luthers schuf eine siegreich vordringende, einheitliche, für alle höheren Aenßerungen des Lebens einzig gültige Schriftsprache; woher sollte das alles zu den im Ghetto eingeschlossenen Juden gekommen sein? Es konnte seit der Zeit, da in Deutschland selbst die Juden aus der christlichen Gesellschaft ausgestoßen waren, nicht geschehen und noch weniger war dies der Fall in demjenigen Bruchteil des jüdischen Volkes, der, das Brot deS Elends essend, inmitten einer slavischen Bevölkerung durch seine fremde Mundart erst recht auf ein Eigenleben beschränkt war. So blieb denn der jüdisch-deutsche Dialekt gleichsam als ein Petrefakt zurück im Munde derer, die damit nicht an die Sonne hervorzutreten wagten. Ihm haftet etwas Fossiles an, der Modergeruch des Begrabenseius, der Rost der alles, zernagenden Zeit. Das Altertümliche bildet das Merkmal seines eigenartigen Wesens, zugleich aber den Reiz sn den Augen aller, die das geschichtliche Werden einer Sache begreifen und die wunderbare Erhaltung des Alten hochschätzen können. Nicht billiger Spott, sondern ernstes Stndium und tief innige Betrachtung gebühren diesem wunderlichen Triebe am starken Stamme des Deutschtums. Aber diesem merkwürdigen Dialekt wurde so wenig eine ernste Forschung zuteil, daß man eigentlich heute noch nicht weiß, zu welcher deutschen Mundart das Jiddische gehöre. Vieles spricht dafür, daß dessen Heimat die Rhein- und Maingegend gewesen, denn nicht nnr kehren elsässische und kölnische Redensarten im Jiddisch wieder, sondern der geschichtliche Befund führt zu derselben Annahme, da in der Rheiugegend die Juden am dichtesten gewohnt hatten, und war es doch der Erzbischof von Köln, der seine Juden zuerst des Landes verwiesen hatte. Doch möchte ich nicht so weit gehen, auch den allbekannten Kaftan des polnischen Juden als ein Erbstück hinzustellen, das er von dem kölnischdentschen Bürger überkommen hat, denn weder läßt sich diese Tracht in Köln erweisen, noch hat der Jude irgendwie die Neigung, ein fremdes Gewand auch in einem veränderten Milieu mit sich zu schleppen, vielmehr muß der Kaftan etwas sein, was ehemals auch in der bäuerlichen Bevölkerung Polens landesüblich war. Andere erkennen in dem heutigen Jiddisch die Elemente des oberrheinischen, speziell des schwäbisch-allemannischen Dialekes. wieder andere plädieren füreine. enge Verwandtschaft mit der bayrischösterreichischen Mundart und in Wahrheit stellt sich die Sache so dar. daß von all den genannten Dialekten wesentliche Stücke im Jiddisch enthalten sind. Am originellsten dachte sich Heinrich Heine die Sache.: das Frankfurter Ghetto habe das Jüdisch-deutsch erzeugt. So mancher wird schon gleich ihm seine „Mutter"- und Großmuttersprache in dem Judendentsch wieder haben erklingen hören und gar traulich sind diese Klänge, die auch dem noch im Ohr summen, der sich längst von den Heimattönen emanzipiert hat. Gewisse Jargonausdrücke schleppt in der Tat auch noch der modernste Jude mit und es gab große Geister, wie zum Beispiel der Sprachforscher und Psychologe H. Steinthal, die behaupteten, dies sei recht so. Gerade diejenigen Jargonansdrücke, die dem Inden so oft znm Spotte ausgelegt werden, erweisen sich bei näherer Forschung als urwüchsige deutsche Idiotismen, wie „eppes", „feint", „was" (rückbezügliches Fürwort für alle drei Geschlechter; vgl. englisch what). Es ist aber nicht außer acht zu lassen, daß das Jiddisch viele Romanismen aufgenommen hat, die im übrigen Deutsch als Fremdworts nicht figurieren; hierher gehört das sattsam bekannte „Schotet", das wie französisch olranä auf lateinisch calidum znrückgeht. Dies kommt daher, daß die Juden, wie gesagt, ihre ältesten und größten Ansiedelungen in der Rheingegend hatten, in Orten, in denen ursprünglich das Französische, wenn schon nicht alleinherrschend, so doch mitherrschend war und zudem kamen die Juden über Italien und Gallien nach Deutschland, so daß ihre erste „europäische" Sprache irgendein romanischer Dialekt war. Auch ihre ersten spezifisch religiösen Begriffe setzten sich bei ihnen in dieser Sprache fest. Diese wenigen Beispiele werden zur Genüge dartnn, wie lohnend es für den Sprachforscher sein muß. sich in das Judendeutsch zu versenken; Wortschatz lind Wortform kommen da gleicherweise in betracht. Die hebräischen Elemente des Jiddisch sind zwar ohne weiteres erkennbar, doch bieten auch sie des Interessanten genug, und dasselbe wird wohl auch der Slawist finden, wenn er das' Jiddisch von dieser Seile betrachten wird. Geschehen wird es einmal ganz sicher. Sensationelle KaläÜina- Phantaften. Seit einiger Zeit kursieren in der Tagesvresse verschiedene phantastische Gerüchte über das künftige Schicksal von Palästina im Zusammenhänge mit dem Kriege. Vor einiger Zeit veröffentlichte, wie die „Jüdische Korrespondenz" berichtet, die „Times" den angeblichen Inhalt einer Rede, die der frühere amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Herr Henry Morgenthau, am 22. Mai in Cincinnati gehalten haben sollte. Herr Morgenthau berichtete angeblich seinen Zuhörern, daß er der türkischen Regierung den Rat erteilt habe. Palästina nach dem Kriege an die. Zionisten zu verkaufen. Die türkischen Minister, sagte Morgenthau, haben diesem Projekte eifrig beigestimm'. Sie behandelten mit ihm den Gegenstand und erwogen, ob Palästina in eine Republik umgewandelt werden soll. „Ich sagte, ihnen." fuhr Morgenthau fort, „daß. wenn in Jaffa Häfen erbaut würden, jährlich wohl eine halbe Million Besucher von Jeritfalem angezogen werden würden, von denen jeder wohl 20 Pfund gleich 600 Franken dem Lande einbrächte. Warum sollen Sie warten, bis Sie das Geld aufgebraucht haben?" Worauf die Erwiderung kam, „wir wollen Euch jetzt schon die Konzesfionen bewilligen, fangt an und baut Eure Häfen und Hotels." Herr Morgenthau fügte hinzu, daß die Türken ernstlich erwägen, den Großrabbiner der Türkei, Nahoum, als Botschafter nach Amerika zn schicken. Die englischen Zeitungen „Daüy Chronicle" und „Nottingham Guardin" begrüßen dieses Projekt, auch der Papst soll sich geäußert