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Die Wahrheit · 1916-07-28 · Heft 21 (28.7.1916) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 21 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die - Wahrheit Nr. 21. Das Indendrutsch. Bon Professor S. Krauß, Wie». Der Krieg hat auch das verachtete Judendeutsch umgewertet. Mit dem Vorrücken unserer und der deutschen Heere in Russisch-Polen hat sich die Sprache der dort lebenden Juden, die nach Millionen zählen, als eine schätzenswerte Bundesgenossin erwiesen, deren Dienste umso lieber angenommen werden, als sie eigentlich nichts kosten und zu einem Gegendienst nicht verpflichten. Durch das in Galizien, Russisch-Polen und in ganz Rußland verbreitete »Jiddisch" sind unsere Offiziere und Mannschaften in die angenehme Lage versetzt, mit einem ansehnlichen Teil der dortigen Bevölkerung direkt verkehren zu können; dies bedeutet aber weit mehr als die bloße Abwickelung von Geschäften, die freilich auch im Kriege und vielleicht im Kriege erst recht, ihr« n Wert behalten; es hat auch zur Folge, daß mit dem polnisch, bezw. russisch redenden Teil der Bevölkerung die Verbindung sofort hergestellt ist, da der Jude wie geschaffen ist zn einer solchen Vermittelung. Inmitten der rauhen Arbeit des Krieges ist die warme Häuslichkeit keine zn verachtende Sache. Wo sollten sie nnsere mit stürmender Hand vorwärtsdringenden Tapferen in Feindesland antreffen? Etwa in den schmutzigen Bauernhäusern, deren Bewohner von Haß und Rache erglühen und in denen das Mittel der Verständigung, die Sprache, völlig versagt? Anders die Judenhäuser, in denen der Kulturmensch deS Westens doch einiges findet, was ihn an sein eigener Heim gemahnt, Bewohner zudem, mit denen er sich verständigen kann und die in ihm nur den Menschen, nicht den Feind erblicken. Gar oft find namentlich die weiblichen Mitglieder eines Jndenhauses im polnischen Osten gebildete Leute, mit denen sich ein Stündchen sehr angenehm plaudern läßt, und die Tochter des Hauses verwahrt mitunter, zur nicht geringen Ueberraschung des Gastes, den deutschen Schiller oder Goethe in ihrem Schranke und sie liest und deklamiert sie, ungelenk und. mii rauhem Tonfall, das ist wahr, aber verständnisvoll und mit wohltuender, inniger Begeisterung^ So sind denn auch Privatbriefe und. Schriftwerke unserer Offiziere mnd Berichterstatter der Anerkeminng voll, die sie den schätzenswerten Eigenschaften des indisch-polnischen Hauses spenden und die Leute selbst, ungeschickt lind ungehobelt, wie sie sind, beginnen ihnen sympathisch, zn werden. Schon sind sie ihnen weit mehr als der Schacher- und Talmudjnde: wie lange, noch — und sie werden ihnen zum politischen Bundesgenossen. Drei Millionen Inden sprechen in Polen und Litauen etn Deutsch, das bei aller Verschrobenheit und bei aller Mischung mit slavischeu Sprachelementen nud hebräischen Floskeln noch heute jedem Deutschen verständlichist: Grund genug, dieses versprengte Deutschtum zn beachten nnd bis zu einem gewissen Grade auch zn respektieren. . Was ist „Jndendentsch" oder »Jiddisch", wie man sagt? Es ist ein deutscher Dialekt, der gegenüber den zahlreichen anderen deutschen Dialekten nur das eigene hat. daß er nicht von einem bodenständigen deutschen Stamme, sondern von den nach dem polnisch-russischen Osten verschlagenen Juden gesprochen wird, gesprochen und geschrieben und zu einer Literatursprache erhoben. Das kommt daher, daß heutzutage »Jiddisch" nicht bloß im .^Mutterlaude", wo die Juden freilich an sich recht zahlreich sind, gesprochen wird, sondern auch in all den weiten. Ländern des Erdenrundes, - nach denen die Inden gar nicht ans eigenem Wandertriebe sondern des Mißgeschicks wegen, das sie seit Jahrhunderten verfolgt, verschlagen worden sind. Heute spricht man Jiddisch außer in Polen, Rußland und Galizien auch noch in Ungarn. Rumänien, England, in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Kanada, in Südafrika, in Palästina usw. Seit Jahrhunderten schon erscheint in dieser Mundart eine schier unübersehbare Literatur, von der man einen Begriff gewinnt, wenn man bedenkt, daß sämtliche Gebet- und Erbauungsbttcher, die für Frauen bestimmt sind, in dieser Sprache verfaßt sind, und daß auch die wichtigsten und meist gelesenen hebräischen Texte für die weniger Kundigen, und das sind auch die Masse der Männer und Kinder, in diese Sprache übersetzt werden. Die Sprache ist deutsch, doch die Buchstaben sind hebräisch, in jenem Duktus, der eine Art Kursiv darstellt und sich sowohl in der Handschrift als auch im Druck recht gefällig ansnimntt. Der Umstand,, daß -die Juden auch ihre Geschäftsbücher nnd ihre Handelskorrespondenz iu hebräischen Lettern und jiddischer Sprache führten und zum Teil noch führen, verleiht dem Jiddisch eine den Kreis. deL .Innenlebens weit über-; ragende Bedeutung, wie es denn auch für die Volkswirtschaft der Juden nicht ohne Belang war, daß nunmehr auch Frauen iu die Lage kamen. Geschäfte und Geschäftsbücher iu führen und -das zu einer Zeit und in gesellschaftlichen Schichten, da iu nichtjüdischen Kreisen an ein solches Beginnen nicht zu denken war. Geschäftliche Dokumente iu jiddischer Sprache und Schrift hatten auch vor Gericht volle Gültigkeit, haben sie iu Rußland heute noch und in Oesterreich ^.wurde erst unter Kaiser Josef II. die bindende Kraft solcher Dokumente aufgehoben. Immerhin besaßen die -Juden bis vor kurzem in der jiddischen Schrift ein Werkzeug eigenster Art, das nur sie handhaben fonnten: es galt7 als ein Verkehrsmittel, das, wie es einerseits die Juden unter sich verband, sie anderseits.verbarg und unerreichbar machte " und da in jenen Zeiten das geschäftliche Leben der Inden allein es war, das den Staat nud die Völker interessierte, so war der Anfeindungen, denen das Jndendentsch ausgesetzt war, gar kein Ende. Man betrachtete das Jiddisch mit Unrecht als eine Geheimsprache^ die sich die Inden zurechtlegten, um ihre Wirtsvölker zu hintergehen und wirtschaftlich - zu ruinieren und selbst' ein aufgeklärter Geist wie Luther war dieser Meinung. Dies alles nur, weil man sich keine Mühe gab,- die Genesis der Sache zu verfolgen und in ihr Wesen einzndringen; wäre das geschehen, hätte man alsbald

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