Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 20 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7. Nr. 20. Die Wahrheit. Der Jalkut behauptet, daß der Geber vom Empfänger abhängiger sei als umgekehrt, weil der Geber sein edles Bedürfnis, Zedaka zu geben, nicht befriedigen könnte, wenn kein Empfänger wäre. Das Leid schafft den edlen Geistern, den gottgeschenkten Herzen Gelegenheit, ihre Tugenden zu üben. Diese hochethische These erinnert an das Gebot der Thora: „Wenn du ein Vogelnest ans dem Wege findest, so schicke die Mutter weg und die Jungen nimm dir", welches als ein biblisches Rätsel ohne Lösung gilt. Anscheinend sieht dieses Gebot wirklich eher einer Gransamkelt als einer Tugend ähnlich. Und doch hat dieses Gebot einen erhabenen ethischen Zweck, und zwar um dem Menschen das Bild des Jammers der um ihre Kinder trauernden Mutter nnd des Elends der ihrer Mntter beraubten Kinder zu v e ranschaulichen. Die Jammertöne des schmerze! füllt in der Lust herumschweisenden Vogels und das Piepsen der armen Küchlein sollen das menschliche Herz rühren nnd das Mitleid erwecke n, das sich dann am Mitmenschen bewähren soll. Auch das Mitgefühl bedarf der Anregung, der Uebung. Die Wohltäter finden ihren Lohn in der Bildung des Herzens, der Veredlung der Seele durch Uebung am Wohltun. Aus der Not sprießen hohe Tugenden. Diese Absicht mag auch dem Kohelet vorgeschwebt haben, als er sagte: „Es ist besser ein Hans , der Trauer als ein HauS der Freude zu besuchen." Leid wird nur durch Mitleid ein holder Erzieher. Auch die Flüchtlinge werden davon einen moralischen Nutzen ziehet!. Sie werden erst jetzt die köstliche, wahrheitsvolle Anmerkung im Schulchan Arnch zum Lehrsätze: „Chajow a.dam liten zedaka“ recht beherzigen. Diese lautet: Jedermann hat die Pflicht zedaka zu üben; denn das Schicksal ist ein rollendes Rad und niemand weiß, ob nicht er selbst oder sein Kind oder seines Kindes Kind einst der zedaka wird nötig haben. Die segenspendenden Taten der erhabenen Wohltäter werden mit goldenen Lettern in den Annalen der Geschichte eingeschrieben werden und ich kann ihnen nur einen goldenen Midraschspruch — der einen Blick in die weite Zukunft eröffnet — spenden: „Wenn Boas gewußt hätte, daß die heilige Schrift seine Tat verzeichnen wird, daß er der Rnt mit gerösteten Körnern so reichlich anfwartete, daß sie aß MUN.d noch zurnckließ, so hätte er ihr gemästete Kälber vorgesetzt". N. Lothringer. Moslrorvski Shnliki. (Moskauer Spitzbuben.) Gaunerstreiche. Mitgeteilt von Armin Wilkowitsch (Eger). (Fortsetzung und Schluß.) Von vielen kirchlichen Knnstbanten der heiligen Stadt Moskau muß unbedingt der Basilinskathedrale der erste Platz — inbezug ans ihre charakteristische phantastisch-bizarre Bauart — eingeräumk werde». Sie ist 1552 von Iwan IV. dem Schrecklicheit zum Andenken au die Eroberung von Kasan erbaut worden. Daß diese Kathedrale Reichtümer und wertvolle Reliquien besitzt, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Aber die vielen gleißenden heiligen Gefäße, von Edelmetall hergestellt und mit Diamanten geziert, -erwecken in mancher Brust Gelüste, die von ihnen geblendeten Augen der Gierigen vergessen nicht allzuleicht ihre Pracht. Es war eine finstere, kalte, regenwetterige Spätherbst- . nacht. Der Sturm heulte ein gräßliches Lied und die Menschen verkrochen sich iu ihre warmen Nester, wo sie dem Tee oder dem Schnaps zusprachen. Die Polizisten und Nachtwächter schleuderten schläfrig durch die Straßen. Ihre Ohren hatten sie in Baschliks geborgen, lim die empfindsamen vor der Unbill der Kälte zu schützen. Und wem von den Hütern des Gesetzes' ein passendes Winkelchen entgegeulvinkte, der lehnte sich hin und '— nickte ein ... Eine Einbrecherbande beschäftigte sich seit Wochen mit dem Einbruch in die Basiliuskathedrale in der Chinesenstadt zu Moskau. Mittels einer Seilleiter gelangten die Ganuer zu einem Fenster einer Hanptknppel, ans welcher man in das Innere des besagten Gotteshauses gelangen konnte. Das Gitter dieses Fensters wurde telweise durchgesägt; und mm sollte die Hauptarbeit vor sich gehen. Still war es rings umher, menschenleer die Straße, nur der Wind pfiff noch seine häßliche Weise und die Wolkenfetzen vergossen bittere Zähren um den Weltenjammer. In dem Momente jedoch, als einer der Strolche in die Kathedrale eindrang, vernabmen seine Geiwsten die Schritte einer herannahendeu Wachpatrouille. Da gabs nicht viel zu überlegen. Augenblicklich wurde die Seilleiter vom Fenstergitter befreit, rasch weggeschafft und auf leichten Sohlen die Flucht ergriffen. Nicht konnte Rücksicht genommen werden auf den Kumpan, der als Gefangener in der Kirche znrückblieb. Indessen bemächtigte sich der Spitzbube vieler der ». wertvollsten Gegenstände. Er füllte seine Taschen mit Gold» und Silbergefäßen, ohne viel Lärm beim Sprengen von massiven kunstvollen Schlössern ju vernrsachen. Er war eben Meister in seinem Metier! Und nun wollte er den Heiligen kurz für das Gelingen seiner Unternehmung danken nnd in Ehrfurcht von dannen ziehen, allein zu seinem Entsetzen bemerkte er, daß das Seil an seinem Fenster, durch das er in die Kathedrale eindrang. sich nicht mehr dort befand. Er verstand allsogleich, daß seine Kameraden die Flucht ergriffen, er wußte aber auch, daß er nun in der Falle saß, ans der er sich kaum werde befreleu können. „Was nun beginnen?" fragte er sich nnd Schweißtropfen rannen ihm von der sorgenschweren Stirn . . . Nach langem Ueberlegen schoß ein Gedanke durch das Gehirn des im eigenen Netze Gefangenen und er beschloß einen Gaunerstreich anszuführeu. der ihm entweder den Galgen oder die Freiheit bringen soll. Es war Mitternacht. Bon irgend einem Turme fielen zwölf Schläge. Unser Held begab sich in die Sakristei, dort sprengte er einen Schrank, entnahm ein Prunkvolles, goldstrotzendes Meßgewand und hüllte sich in dieses. Dann entzündete er viele Hunderte von Kerzen, die in den Kandelabern staken, begab sich zu einem der GlockentürMe und fing zu läuten an. Wie vom Satan gejagt, stürzten Diakonus und Küster die ihre Wohnungen hart an der Kathedrale hatten, aus ihren Betten nnd schlossen die Kirche auf, um zu schauen, was da vorgefallen sei. Kaum gelangten sie in die heiligen Hallen, da lief ihnen der Hallnnke entgegen und schrie sie mit wütender Stimme au, so daß ihre Glieder bebten nnd ihre Knie schlotterten: „Ihr blöden Staubgeborenen, fallet auf Euere Angesichter! Wußtet Ihr nicht, daß ich, der Erzengel Michael, heute um Mitternacht erscheinen werde? Wißt Ihr nicht, was der Herr der Heerscharen von Euch wünscht?" Dies - sprechend versetzte er den Gvttesmännern je einen Backenstreich, daß sie zu Boden fielen und „Gospodi pomiluj“ (Gott sei uns gnädig) ansriesen. Bevor die Ueberraschten zur Besinnung kamen, warf er die Meßgewaudung von sich und entfloh. Uerschiedene Nachrichten Wien. (Auszeichnung.) S.e. k. u. k. Hoheit Herr Erzherzog Franz Salvaror hat im Namen Sr. Majestät des Kaisers dem Präsidenten des „Oesterr.-nugar. Kanloren-Bereiues" Herrn Jakob Bauer, Oberkanwc der türkischen Gemeinde in Wien, das Ehrenzeichen Ü. Klaffe vom Roten Kreuz verliehen.