Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 20 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20. Seite fr. Die Wahrheit größten Teile im Laufe dieser Zeit bis zum Jahre 1893 erschienen sind, in die Erscheinung tritt. Diese durch ihre klassische Disposition und strenge Einheitlichkeit sich auszeichnenden Predigtenffind seitdem mustergültig geworden und werden noch jetzt von vielen Predigern beniitzt Mid nachgeahmt. Im Jahre 1893 erhielt: er die Berufung nach Wien als Rektor der neugegründeteu israelitisch-theologischen Lehranstalt, der er mit offenkundiger Freude Folge leistete. Konnte er doch die berechtigte Hoffnung hegen, hier seinen talmndischen Studien ganz obliegen zu können! Er kam also zum zweitenmale nach Wien, nicht aber mehr um zu „lernen", sondern um in Wort und Schrift zu lehren. Tatsächlich begann er von da an eine Reihe von Schriften talmndischen Inhalts zu veröffentlichen, insbesondere die Fortsetzung seiner bereits in Karlsruhe begonnenen, nach der Mischna geordneten und kommentierten Tosista und seine Arbeiten über die M i d o t h. Unter letzterem versteht matt die von Hillel vorgetragenen sieben Jnterpretationsregeln, mittels deren die Auslegung der heiligen Schrift erfolgt, die dann von Rabbi Jsmael auf dreizehn und von Rabbi Elieser auf zwriuuddreißig erweitert wurden. Diese galten bei den einen als uralte sinaitische Tradition und bei den andern als eine von den Rabbinen ausgeklügelte Sophistik. Schürer spricht noch in Bezug auf diese von einer Art rabbinischer Logik im verächtlichen Sinne. Rektor Schwarz gebührt das Verdienst, der, erste gewesen zu sein, der die Juterpretationsregeln ans ihren Gehalt prüfte und ihren wissenschaftlichen Charakter nachwies, wobei die Ehrenrettung der talmndischen Dialektik von vornherein das Leitmotiv für ihn war, sich dieser mühevollen Arbeit zn - unterziehen. Er selbst äußerte sich darüber in seiner im Jahre 1909 erschienenen Arbeit über „Die Hermenutische Induktion in der talmndischen Literatur", Seite 253, wie folgt: „Seitdem ich mein wissenschaftliches 'Denken in den Dienst der Talmudforschung gestellt habe — und das sind jetzt 35 Jahre — ist mir der scheinbar große Abstand zwischen den philosophischen und den talmndischen Schlnßformen als der größte Vorwurf erschieueu, den mau dem Talmud machen kann. Ich habe die Zurücksetzung, die der Talmud allenthalben erfährt, zum weitaus größten Teile auf seine für unvollkommen gehaltenen Schlußformen zurückgeführt - und war darum seit langen Jahren bestrebt, die Jnterpretationsregeln auf ihren Gehalt zu prüfen, um sie in ihrer historischen Entwicklung als wissenschaftliche nachzuweisen". Es ist selbstverständlich, daß ein solches Unternehmen nur bei einer Voraussetzungslosigkeit und durch die möglichst größte Objektivität vom Erfolge begleitet sein kann. „In der Wissenschaft darf man sich nicht von Gefühlen leiten lassen" und das Alter einer Ansicht kann nicht schwer ins Gewicht fallen. Im Gegenteil. Hier muß zuerst der Schult der Jahrhunderte, von dem die Wahrheit bedeckt ist, abgetragen werden, um so an diese näher herankommen zu können. Diese Methode der Forschung befolgt' Schwarz mit einer verblüffenden Geschicklichkett. Er läßt die Methodologen, d. h. die Männer, die sich mit den hermeneutischen Regeln befaßten und sie erlänterten, Revue passieren, analysiert und zergliedert ihre Ansichten und Grundsätze, faßt mit erstaunlicher Sicherheit die schwachen, verwundbarsten Seilen derselben, ans die er nun seine scharfett Pfeile schleuderte. Und da wird vor niemandem haltgemacht! Im Gegensätze zu den sogenannten „Wissenschaftlern", die mit einer gewissen geistigen Ueberlegenheit auf unsere Altvordern herabblicken, schaut zwar Schwarz pietätvoll und mit heiliger Scheu zu den Alten enipor, weiß aber gleichzeitig sich seine „Gedankenfreiheit" zu wahren und die Pietät in ihre Grenzen zu weisen. Sobald er erkannt hat, Daß die Auffassung der Alten mit der Logik nicht im Einklang zu bringen sei, verbeugt er sich höflich vor ihrem unsterblichen Geiste und erklärt ihre Ansicht rundweg für falsch und unhaltbar. Dieses tut er in seinem Buche über „den hermeneutischen Syllogismus in der talmudischeu Literatur," sogar den Amoräern im Talmud gegenüber bezüglich der von ihnen ausgestellten jedem Talmndisten bekannten Dajoregel, beim Katwechomer. Diese strenge Konsequenz in der Wahrheitsliebe befolgt er aber auch gegen seine eigenen, früher, geäußerten Ansichten. Sobald er seine eigene tu einem früheren Buche dargelegte Ansicht für falsch erkannte, nimmt er sie ohne Herzleid zurück und erklärt: „Ich freue mich, eine» Irrtum, in dem ich mit Tausenden befangen war, als solchen erkannt zn haben." (Herm. Induktion, S. 233.) Nachdem es ihm aber ans diese Weise gelang, das Feld vom Staube und Moder der Jahrhunderte zu renngen. suchte er zu den Quellen des in das Meer des Talmuds mündenden Stromes hinaufznsteigen und das Strombett bloßznlegen. Vor diesem beschwerlichen Wege, der oft über Mechilta, Sifra, Sifre und Jeruschalmi führt, schreckt er nicht zurück, und was noch bewunderungswürdiger ist: eS ist ihm, Dank seiner glänzenden Dialektik, eilt Leichtes, uns in dieses Labyrinth zu locken und zn bewegen, ihm in die tiefsten Schluchten zu folgen. Durch seine prächtige Snlkunst vermag er die abstraktesten Begriffe uns plastisch vorznsühren und sie zur dramatischen Lebendigkeit zn steigern, was stellenweise an die Lessingische Manier erinnert. So werden wir oft mitten in die halachische Diskussion versetzt, wir glauben den Tana-Kama förmlich aufspringen zit sehen lind lärmen und. poltern zn hören, während sein Gegner sich ihm entgegenwirft. Getümmel, Geplänkel und Kampf. Bomben sausen durch die Luft, ein Rattern und Knattern. Der eine liegt schon am Boden, die andern schreien: Sieg! Der Kampf geht nun von den Personen in die wesenlosen Sphären der Prinzipien über. Das Abundanzprinzip, das Ribuj, bekämpft beispielsweise nach seiner Theorie die Gesereschawoh, vermag aber nicht diese znrückzndrängen und ihr auch nur den geringsten Teil des eroberten Terrains zn entreißen. Daß aber nichtsdestoweniger die Gesereschawoh es gewesen, welche zn kapitulieren und um den Frieden nachznsncheu genötigt war, bezeugen am unwiderlegbarsten die Bedingungen, unter welchen zuerst ein Waffenstillstand und dann später der Friede geschlossen wurde. Aber nie ist es denkbar, daß ein niedergeworfener Femd das ihm streitig gemachte Gebiet nach wie vor behält? Kein Sieger ist so großmütig, nachträglich auf das zu verzichten, um dessenwillen der Krieg begonnen und geführt werden mußte." (Die hermeneutische Analogie in der talmndischen Literatur, S. 183.) Glauben wir uns da nicht in unsere jetzige waffenklirrende Zeit versetzt? Wir können auf die hochwichtigen Resultate seiner Forschungen im Rahmen dieses Aufsatzes nicht eingehen. Diese werden auch von uns an anderer Stelle des näheren besprochen. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rektor Schwarz die Frage, ob die hermeneutischen Regeln des Talmuds den Anforderungen der Wissenschaft entspringen, mit einem entschiedenen Ja beantwortet und meint: „Wir Juden haben in unserem Talmud nicht mehr und nicht weniger logische Funktionen als alle anderen denkenden Menschen; wenn diese logischen Funktiouen formale Unterschiede aufweisen, so sind dieselben durch ilnsere Eigenart bedingt und müssen vorn völkerpsychologischen Stanbpnukle beurteilt werden." (Die herm. Induktion in der talmud. Literatur, S. 254.) Denjenigen aber, welche ihm daraus einen Borwurf machen, daß er die Jnterpretationsregeln des siuaüischen, traditionellen Charakters entkleidet hatte, antwortet er, er habe ihnen nichts Altes genommen und nichts Neues gegeben, er habe ihnen nur „den Charakter logischer Gesetze znrückgegeben, welchen sie von Urbeginn bis zn dem Zlugenblicke gehabt, da Mi^ verstaitd sie gegen eingebildete Angriffe in Schutz nehmen zn müssen glaubte. Rur weil man sich bei der Logik nicht mehr geborgen fühlte, zog man sich in die Festntig der Tradttion zurück." (Dieherm. Antinomie in der talmud. Literatur, S. 3.) - ES möge hier noch em Verzeichnis seiner größeren Werke folgen: . 1. Der jüdische Kalender historisch und astronomisch untersucht. Eine vom jüdisch-theologischen Seminar gekrönte Preisschrifl. Breslau 1873.