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Die Wahrheit · 1916-06-30 · Heft 19 (30.6.1916) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 19 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 19. Pie.Wahrheit Seite 5. Doch größer als ihr religiöser und historischer Wert ist die Bedeutung, die sie für die Kunstgeschichte haben. In dem damals üblichen syrisch-hellenistischen Stile erbaut, der sich von dem streng griechischen antiken und. für klassisch gehaltenen Stil nur wenig unterscheidet, stellen ne dreischifsige Basilisken dar, die ans herrlichen, korinthischen und jonischen Säulen richten, die im Innern des Gebäudes ans drei Seiten umlanfend, auch die Stützen waren für -eine Empore, die wahrscheinlich der Standort der betenden Frauen war. Die Synagogen — man kennt deren etwa ein Dutzend — waren also zweistöckig und erhielten ihr Licht von Fenstern, die teils au der Frontalwand, teils an den Seitenwäuden angebracht waren. - Eine Ueberhöhung des Mittelschiffes, wie man sie in späteren kirchlichen Basiliken sieht, hat bei der Syuagogenbasilika nicht stattgesnnden. Die Frontalwand, gewöhnlich nach Süden gerichtet, war überaus reich ornamentiert und hatte neben dem großen Mittelportal noch zwei, seitliche Eingänge, die eben in die entsprechenden Schiffe des Gebäudes führen sollten. Dieser äußere Umriß der antiken Synagogen ist das wichtigste an ihnen; durch ihren basiliken Ansbau leiten sie nämlich über zu der christlichen Basilika. Seit das Christentum unter Konstantin dem Großen Staatsreligion geworden, erheben sich in seinem Dienste auf dem ganzen Erdenrunde großartike Basiliken, die in ihrem Aufbau von der römischen Basilika, die im Grunde genommen bloß eine Markthalle oder das Forum eines Tribunals war, sich wesentlich unterscheiden. Schon die beiden großen Kirchenbanten der Kdnstantinifchen Zeit in Palästina, die Geburtskirche in Bethlehem, und die Grabeskirche in Jerusalem zeigen diese wesentlichen Eigentümlichkeiten der Synagogen, nämlich die Emporen und die Beleuchtung des Innern durch Fenster in den Längewänden, Dinge, in denen gerade die Synagogen von den heidnischen Basiliken der späteren Kaiserzeit sich scheiden. Braucht man da noch zu fragen, woher die Uebereinftimmung zwischen Kirche nnd Synagogen? Die Tochter hat sich eben an das Kleid dei^ Mutter gehalten. Lauge Zeit wüßte man nicht recht Bescheid, woher die eigentümliche Form der altchristlichen Basilika? Nun hat sich ihre Mutter gemeldet und man weiß, wohin das Kind gehört. Wir haben es hier mit einem neuen Band zu tun, das die Kirche unlöslich mit der Synagoge verbindet. Nicht so durchsichtig wie der Plan des äußern Ausbaues ist uns die innere Einrichtung der antiken Synagoge. Hier hat uns die schon früh eingetretene nnd noch immer stetig zunehmende Zerstörung alles geraubt, was uns von Wert wäre. Sind schon die äußeren Umfassungsmauern im desolaten Zustande — relativ am besten sind noch erhalten die Ruinen von Tell-Hum, Keraze, Jrbid, Meron, Kefr- Birim — so daß nur der geschulte Banmeister mit nachzeichneuder Hand und ahnungsvoller Seele ans dem Schutthaufen einen herrlichen Bau erstehen lassen kann, wie. erst muß es ausseheu im Innern des Gebäudes, wo die Architektnrstücke viel edler und demgemäß auch viel zarter beschaffen sind, während doch all das, was etwa aus Holz gebildet war, überhaupt keinen Bestand haben koünte, sobald die Zerstörung einsetzte. So sind wir also zum Beispiel über das, was in jeder Synagoge das wichtigste ist, nämlich über die heilige Lade oder über den Thoraschrein, gar nicht unterrichtet. Zwar wollen die Pioniere der Deutschen Orientgesellschaft an gewissen Stücken einer Kleinarchitektur, die sie nahe zur Frontwand, in der Linie der südlichen Säulenstellung gefunden hatten, erkannt haben, daß auch die Synagoge eine Art Sanktuarium hatte, wie sichs in der christlichen Kirche stets dartun läßt, aber der Platz, den sie diesem Sanktuarium in der Synagoge anweisen nnd das Verhältnis desselben zum übrigen Gebäude widerspricht so sehr allen Gesetzen der Zweckmäßigkeit einer baulichen Anlage, widerspricht besonders so sehr allen Ueberlieferungen, daß ihre Wahrnehmungen unmöglich richtig sein können. Da hat der einMtgs erwähnte Lord Kitcheuer die Sache wahrscheinlich richtiger gesehen; zu seiner Zeit, fast fünfzig Jahre zurück, da die Ruinen selbst noch besser erhalten waren, sah man eine Ausbuchtung oder Apsis an der der Frontalwand gegenüber liegenden Schmalseite der einen oder der anderen Synagoge, eine Stelle, an der wohl hinter einem Vorhang der Thoraschrein verwahrt war und die man laut Analogie der christlichen Kirche sehr wohl als das Sanktuarium der Synagoge bezeichnen kann, schon darum, weil auch das Vorbild des einstmaligen hochheiligen Tempels zu Jerusalem dafür spricht. So würde nun anderenteils auch die antike Kirche, die man ja ' sehr gut kennt, dazit beitragen, ein Banstück der antiken Synagoge zu erhellen. Dasselbe ist auch der Fall bezüglich der hölzernen Tribüne, von der ans man die Thora vorlas und zur versammelten Gemeinde sprach; sie heißt, wie eine Inschrift aus Kleinasien lehrt, auch in der Synagoge nicht anders als in der Kirche, nämlich Ambon, ein untrüglicher Beweis, daß die Kirche ihre ersten Formen der Synagoge entlehnt hat. Die antiken Synagogen in Galiläa haben außerdem so viel Belehrendes, daß es uns nicht wundernimmt, wenn sozusagen jeder Stein von ihnen von den Männern der Wissenschaft genau untersucht und photographiert für alle Zeiten sestgehalten wurde. Da gibt es Inschriften. Embleme, Motive von Ornamenten und Banformen, die wir nur von ihnen lernen können mib nirgend sonst. Darum war es höchste Zeit, sie anfzunehmen, denn bald werden sie spurlos verschwunden sein. Und bei aller Gründlichkeit, mit der die wackeren Männer der Deutschen Orientgesellschaft gearbeitet haben — einer von ihnen, H. Kohl, ist gleich zu Beginn des Krieges im Westen gefallen — ist die Arbeit noch immer nicht als gemacht anznsehen, denn an mancher Ruine wurde überhaupt nicht gearbeitet und man kennt sie nur, soweit sie von Kitchener beschrieben wurde. Dieser aber kehrt zu seiner Arbeit nimmer mehr zurück .... Und der Krieg wird die Arbeit noch ferner unmöglich machen, denn die Ruinen zum Beispiel von Tell-Hum gehören heute den Franziskanern, Männern italienischer und französischer Herkniist, denen die Türkei das Recht des Schürfens kaum mehr geben wird. Da darf man mit Recht fragen: Sollen auch die ehrwürdigen Synagogen in Galiläa diesem schrecklichen Kriege znm Opfer fallen? Auf europäischem Boden sind deren schon genug verwüstet worden, typische, unersetzliche; aber ungleich höher stünde der Verlust der galiläischen antiken Synagogen! Kinderheim in Kaa. Auf der Strebe Wien—St. Pölten, gegenüber Neulengbach, wo die letzten Ausläufer der Laabiener Berge sanft zum Bahngeleise abdachen, hat der Verein „Kinderheim znr Gründung und Erhaltung von Heimstätten für verkrüppelte, rekonvaleszente imi) schwache Kinder jüdischer Konfession" im Gntshofe Oberlaa vor ungefähr eineinhalb Jahrzehnten ein Heim errichtet, in dem, wie der letzte Bericht ausweist. seit der Eröffnung im Jahre 1903 886 Kinder beiderlei Geschlechtes durch rationelle und liebevolle Pstege und Wartung zumeist Gesundung nach schwerem Leiden und Siechtum gefunden haben. Die segensreiche Arbeit des Vereines, der leider infolge seiner beschränkten Mittel sein Samariterwerk bisher in bescheidenen Grenzen halten mußte, war mir ans öffentlichen Berichten wohl schon lange bekannt, aber erst die in der Letzten Generalversammlung diskutierte Möglichkeit der Ausdehnung des Betriebes weckte in mir den Entschluß, mir ans eigener Wahrnehmung ein Urteil zu bilden und die Aus,ührung dieses Entschlusses wurde mir umso leichter, als ich in .einem regsamen Vorstandsmitgliede des Vereines einen liebenswürdigen Begleiter und Führer fand. In der schönen Maienzeit war es, wo man gerne jeden Anlaß benützt, uuf sich aus dem besonders in der schweren Kriegszeit doppelt drückenden Alltagsleben, in die wonnige Blütenpracht der freien Natur zu retten, als wir die Reise zu dem Kinder-Wnnderborn antraten. Allerdings

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