Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 19 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite. 4. Die Wahrheit dir. 19.- liche Weihe geben sollte. Es spreche keineswegs gegen den kulturellen Charakter der. jüdischen Musik des Mittelalters, wie insbesondere der Neuzeit, daß nicht alle Hanptstücke derselben in alten und ureigenen Schätzen bestehen mögen, sondern, daß die Juden, wie die Verschiedenheit der Riten es außer Zweifel>stellt, in Spanien anders sangen als in Deutschland. Denn auch diese Verschiedenheit beeinträchtigt nicht den religiösen Ursprung dieser beiden, wie noch anderer musikalischer Kultusformen. Dagegen sind die großen ,R ezi ta t i v e, wie sie unser ganzes musikalisches Kultusjahr durchzieheil, die eigentlichen Urformen der jüdischen Musik. In ihnen prägt sich die Eigenart des musikalischen Gedankens und Gefühls, die eigentümliche Feierlichkeit, das Maestosoder jüdischen Verkündigung ans, wie sie das jüdische Individuum mit dem Bunde der Väter verknüpft und -wie ebenso die Verheißung dieses Jndividinm Hinausblicken läßt in eine ewige Zukunft der Menschheit. Es ist wahrlich kein Wunder, daß unter solchen religiösen Perspektiven der musikalische Ausdruck zu einer Höhe und Innigkeit, zu einer Macht und Sanftheit, zu einer Erschütterung und Beseeligung nusreifen konnte, die in aller rnnsioa.saora eine eigene Melodik darsteüeu möchte. Wie sehr dem Juden diese musikalische Eigenheit im Blute steckt, davon kann sich der Nichtjude eine Vorstellung bei Mendelssohn erwerben. Für die Eigenheit der synagogalen Rezitation beruft sich der Verfasser auf das Urteil Lewandowskys, der der Erhaltung! und Weiterbildung ' der echten jüdischen Musik, zugleich der Grundlage der deutschen Musik sein Schaffen' und Lebengewidmet hat. Was Juden aus dem Gebiete, der Musik geleistet, ist bekannt, ja auch als Minnesänger hatten sich neben Süßkiud von Trieberg auch ändere hervorgetan. Die Früchte der Reformation erblühten erst zur Zeit der Aufklärung. Verfasser schätzt besonders Mendelssohns praktische Bedeutung fürs Judentum. Durch die deutsche Sprache hat er es aus dem -Ghetto in das Licht der Kultur emporgezogen. Wie einst die Lehre von Zivll, so ging die Verjüngung des Judentums und seiner Wissenschaft aus Deutschland aus. Die Juden der feindlichen als auch der neutralen Länder haben Pflichten der Pietät gegen Deutichland, weil es das Mutterland seiner-Seele war. Besonders gegen den jüdischen französischen Modephilosophen Bergson zieht er los, der, polnisch-jüdischer Abkunft, den jüdischdeutschen Jargon als seine Muttersprache sprach und dennoch Deutschland die Ideen abspricht. Abkunft ist Naturbedingung, die man nicht mehr abwersen kann. Er verlangt .von dem Juden Dankbarkeit gegen Deutschland und erwartet von den Erfolg der deutschen Waffen die Freiheit der russischen Inden. Endlich ist der Ursprung des deutschen Humanismus * und der daraus resultierende ethische Sozialismits ein Ausfluß jüdischen Prophetismus. Nun wendet sich Cohen mit dem Tone selbstbewußter Uederzeugung an das deutsche Volk. Das wirkliche deutsche Weltbürgertum, wie es die großen Klasiiker verkündeten, war vor dem Kriege auf den ethischen Anteil gesetzt, Anti-. semitismus und Reaktion versäuerten die deutsche Kultur.' Verfasser verlangt nun, daß die Gleichberechtigung der Juden voll und ganz durchgeführt werde und nicht den Mak« der Halbheit an der Stirne trage. Man möge endlich jüdischen Gelehrten und der jüdischen Wisienschaft die Pforten der Universität öffne» und Uebertritt möge nicht mehr mit staatsrechtlichen Mitteln belohnt werden. Zweck des Krieges ist soziale Verjüngung des deutschen Volkes, und zwar Verwirklichung des Staatssozialismus, wie ihn Lassalle verkündet. Nur wenn Alles verwirklicht wird, könne das Deutschtum die Achtung der Kulturwelt erringen. Die Idee des Staates kann nur in einem Staatenbunde verwirklicht werden, dem dieser Krieg vorarbeitet und dieser ist, die Grundlage des ewige» Friedens. Dieses verkünden fast alle deutschen Philosophen. Also auch in diesem fernsten Punkte am Horizont der Geschichte sehen wir Deutschtum und Judentum innerlich verbünd«!, dem» der Leitstern des ewigen Friedens ist ja die messianische Idee des israelitischen Prophetismns. Soweit der Verfasser. Diejenigen Leser der „Wahrheit", die die Pflege des jüdischen Gesanges als ihre Lebensaufgabe betrachten, werden gewiß der Schrift Cohens den Tribut der Anerkennung zollen. Der jüdische Gesang ist dasjenige Gebiet, in welchem die Gefühle der jüdischen Volksseele in ihrer reinen Unmittelbarkeit erklingen. Welche ein lohnendes Feld für einen jüdischen Musik-Fokloristen, all die Perlen des jüdischen Gesanges zu sammeln und wissenschaftlich zu verarbeiten! Mit welch neuen Schätzen würde ein solcher Gelehrter die jüdische Foklore und Völkerkunde bereichern. Möge die Schrift Cohens hiezu auch einen Anstoß geben. Auch vom allgemeinen jüdischen Standpunkt ans müssen lvir das Werk Cohens als den Ausfluß eines großen und wahrhaften Geistes betrachten, wenn wir auch nicht in allen Punkten den Ausführungen beipflichten. Wir wünscheit ans vollem Herzen mit denl"Verfasser, daß durch das Feuer des Krieges alle Schlacken des Hasses herausgeschmolzen werden mögen und eine neue, , geläuterte deutsche Kultur erstehe, frei vnn Haß und stark in'der Liebe, getragen von jener idealen Humanität, die die wirklich großen Deutschen verkündeten und daß wir durch das dunkle Tal des Krieges zn den Lebensqnellen wahrer Menschenliebe geleitet werden. E g e r (Erlau). Dr. Alois Schweiger. Antike Synagogen. Bon Professor S. Krauß, Wien. Der kürzlich auf so tragische Weise verstorbene Lord Kitchener war. man sollt^s nicht für möglich halten, in seiner Jugend auch Synagogensorscher gewesen. Als Colonel wurde er zusammen mit Conder von dem Palestine Exploration Eund mit der kartographischen Aufnahme des ivestlicheu Palästina betraut, bei. welcher Gelegenheit (1872 bis 1878) er auch den galiläischen Synagogenrninen seine Anfmerksanueit zuwandte. Die Bekrönung dieses seines' Werkes sollte er nicht sehen und nicht erleben, die Deutschen haben auch hier, besser als er, die Arbeit vollendet. Die Deutsche Orientgesellschaft, an deren Spitze d«^ Deutsche Kaiser steht, hat 1903, 1905 und 1907 jene altehrwürdigen Ueberreste einer großen Zeit gründlich ausgraben und anfnehmen lassen und §as Resultat ihrer Arbeit liegt nun in einer prächtigen Veröffentlichung vor.*) Was bedeuten uns die galiläischen Synagogenrninen? Gehören sie nur so zu den zahllosen Ruinen des römischen Weltreichs, die man überall antrifft, wohin die Legionen ihren Fuß gesetzt, hierzulande znm Beispiel in dem interessanten Aqnincum und Carnuntum, oder sind sie etwas Besonderes, in ihrer Art einzig Däseiendes? Ja, das sind sie, jene Synagogenrninen, etwas Besonderes und in ihrer Art Unvergleichliches, denn nicht nur stehen sie in der ganzen antiken Welt fast beispiellos da,- sondern sie stehen auch in einem Lande, auf das noch immer die Blicke zahlloser Gläubigen gerichtet sind, sie stehen in der palästinischen Provinz Galiläa, die die engere Heimat Jesu und seiner Genossen gewesen, und eine von ihnendie in Kapernanm, heute Tell-Hnm genannt, kann sich wohl berühmen, daß Jesus und seine Apostel in ihr oder doch in ihrer Vorgängerin gelehrt und gepredigt haben. Aber auch die rabbinische Welt ist an diesen Synagogen vornehmlich interessiert, Jbeint sie stammen ans der Blütezeit des Rabbinismus, etwa aus der Wende des zweiten und dritten Jahrhunderts, als die kraftvolle Hand des Patriarchen Juda L gerade von hier ans die Geschicke des Judentums leitete, vielleicht gar im Schatten dieser Synagogen, in denen er und -feine Schule das für das Jndentum noch heute hochwichtige Werk der Mischna schufen. */ Antike Synagogen in Galiläa, von H. Kohl, und Karl Watzinger, mit 18 Tafeln und 306 Abbildungen im Text. Leipzig 1916. I. C. Hinrichssche Buchhandlung.) mmssrnrnsssssasäis