Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 19 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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•Vr 19. 6 "Dr? Watrrkeit an jenem Frühlingsmorgen zeigte der Himmel kein besonders gnädiges Antlitz und als wir in der Station Neulengbach ausstiegen, blies uns ein garstiger Wind ziemlich scharf ins Gesicht. Seine Tücke verdarb uns.-darum nicht die Laune, weil wir ihm auch die Kraft zumntelen, die drohenden Wölken vor der aufsteigenden Sonne zu vertreiben. Nach ungefähr halstündiger Wanderung, immer hart am Bahngeleise, auf schmalem, manchmal recht holperigem Feldwege, wichen wir links vom Bahndamm ab und erblickten aus der Höhe eines mäßig ansteigenden Hügels unser Ziel. Es ist von unten recht stattlich anzuschanen, wie ein schmuckes Sommerschlößchen, dessen harmonische Fassade und schimmernde Giebel sich von dem im Hintergründe rechts anliegenden Wäldchen reizend abheben. Nur wenige Minuten auswärts gehts, ringsum duftende Wiesen und Prächtig bestellte Nrcker, und bald stehen wir vor dem Gntshofe Ober laa,-der Eigentum des Vereines ist und von einem Oekonom. verwaltet wird. Eine Weile lauschten wir den heraustönenden, fröhlichen Kinderstimmen, daun traten wir durch eine kleine Seitenpforte ein.' Ein großer, ionnenbestrahlter Hof, ein idealer Spielplatz für ein halbes hundert von .Kindern, in dem die Heimpsteglinge — derzeit 15 an der Zahl zumeist Mädchen und nur wenige Knaben — m zwanglosen Gruppen gerade Mittagspause hielten. An der rechten Seite des Hofes das einstöckige Hauptgebäude, gegenüber die Stallungen und Wirtschaftsgebäude und als Berbindungstrakt zwischen beiden das Wohnhaus des Pächters. Durch dre Begrüßung der Kinder aufmerksam gemacht, eilt die Verwalterin des Heimes — ^Taute" Kreuzer, wie sie die Kleinen liebevoll neunen — herber und bewillkommt uns herzlich. Zunächst werden wir in den großen Speisesaal und Lehrsaal geführt. Hier wird die leibliche und geistige Nahrung geboten, beides in ansreichendemMaße. Erstere wird zumeist aus den eigenen Produkten des Gutes gedeckt. Mehl, Milch,> Butter, Eier sind reichlich vorhanden uüd die Preise, zu welchen, der Verwalter die Lebensmittel liefert, für die Kriegszeit sehr bescheiden. Unterricht erhalten die Kinder durch den Lehrer von Neülengbach, der dortige Arzt macht im Heim regelmäßige Besuche, im Bedarssfalle ist er auch sofort zur Hand und von Zeit zu Zeit wird das Heim von dem ärztlichen Leiter, Herrn Dr. Ludwig Stricker aus ^Wien, inspiziert. Im Parterre und zum Teil auch im ersten Stockwerke befinden sich die Schlafränme, die einfach^ aber mit peiulicherESauberkeit eingerichtet sind. Durch die offenen Fenster dringt der Blüteuduft des Gartens, der jetzt im vollsten Frühlingsschmucke steht, in alle Räume des Hauses. Auch ein Baderaum ist da. allerdings ein wenig beschränkt und dürftig eingerichtet, und für eventuelle infektiöse Erkrankungen werden Jsolierzimmer bereit gehalten. So ist für alle Bedürfnisse der Kinder bestens gesorgt, und es ist kein Wunder, wenn sie sich, hier in gesunder Luft, bei guter Ernährung und fürsorglicher Pflege rasch erholen und kräftigen. - Das Aussehen der meisten Kinder läßt kaum vermuten, daß sie vor nicht gar langer Zeit von schweren Krankheiten heimgesucht waren. Nachdem wir das Heim in allen seiueu Räumen eingehend besichtigt itud über Wartung. Pflege und Erziehung der Schützlinge überaus befriedigende Aufklärung erhalten hatten, hrelten wir kurze Rast in der nach dem Garten führenden Glasveranda, wo uus Frau Kreuzer an einem mit Blumen reich geschmückten Tische gastfreundlich bewirtete. Zum Dank hisfür wurde von uns eine Spende für den Verein geboten und staunend vernahmen wir, daß dieselbe trotz ihrer Bescheidenheit die Kosten des Mahles bedeutend überstieg. Die schreckliche Kriegsteuerung wird also auf diesem gesegneten Fleck Erde nicht besonders hart empfunden und vou Mange! an Lebensmitteln ist auch recht wenig zu merken. Mittlerweile.hätte sich das Wetter vollkommen» auf-, geklärt. Die Sonne lachte vom azurblauen Frühlingshimmel und gerne folgten wir in den ersten Nachmittagsstuuden der Einladung des Oekonomieverwalters Riegler zu einem Ruudgang durch Wirtschaft und Gut. Wo wir hinkamen, .alles blank und sauber. Mit besonderem Stolze-zeigte unser Führer den Kuhstall. Prächtige Tiere mit strotzenden Entern, die sich in jeder Ausstellung sehen, lassen konnten. Nach Besichtigung der Wirtschaftsgebäude ging es durch Feld, Wald und Fluren. Wir lauschten aufmerksam den Erläuterungen des Pächters über Viehzucht, Anbau und Landwirtschaft und als er uns auf einer Höhe angelangt, die Grenzen des schönen, ansehnlichen Besitzes umschrieb, drängte sich uns der Gedanke auf. wie wenig derselbe trotz seiner räumlichen Ausdehnung infolge der beschränkten Mittel des Vereines bisher für die Zwecke des Vereines ansgenützt werden konnte. Schon in der derzeitigen Anlage könnte eine doppelte Anzahl von Pfleglingen die Segnungen des Heims genießen und durch leicht aufführbare und gewiß nicht kostspielige Znbanten wäre unschwer die drei- und vierfache Zahl nnterznbringen. An Raum fehlt es nicht, die Verpflegung wird durch die eigenen Produkte des Gutes zum größten Teile gesichert und nur an dem nötigen Gelde mangelt es, um hier ein großzügiges Werk zu schaffen, dessen Sicherung gerade in unserer Zeit, wo so viel junges Menschenleben dahinsinken muß, ein Gebot der Menschenpflicht und des Gemeinsinnes wäre. Da wäre ein fruchtbares Feld zur Betätigung der vielgerühmten jüdischen Nächstenliebe und' wir wollen der Hoffnung Raum geben, daß ein öffentlicher Appell an die jüdischen Wohltäter und Menschenfreunde dem Verein „Kinderheim" (Wien, I., Universitätsstraße 8) die Mittel schaffen wird, um das Kinderheim in Laa zur Förderung des allgemeinen Wohles ansgestalten zu können. Dr. L. Franzensbad in» Kriege. - Von Armin tvitkowitsch, Eger. Die Knrmittel und Heilbehelfe, die Quellen und Moor- . lager, das medico-mechanische Institut, dazu,noch das eben« Terrain, das den heilsnchenden Herzkranken znm Segen wird, sie alle haben den Ruhm von Franzensbad und längst vor Ansbruch des furchtbaren Krieges in alle Welt hinansgetragen. Dem Bedürfnisse des Knrpnbliknms Rechnung tragend, entstanden von Tag zu Tage neue Kurhäuser , und Paläste und kein Raum blieb während der Ktlrzeit ungenützt. Es pflegte oft vorzukommen, daß Kurgäste wegen Wohnungsmaugel sich in Eger einlogieren mußten, vonMvo ans sie der Kur oblagen. Nun kam der Krieg. Die Scharen der Kurgäste aus den uns feindlichen Staaten und mit ihnen auch . die Ausländer verließen fluchtartig den Kurort und prangend in ihrem vollen Sommerschmucke blieb die schöne Gartenstadt Franzensbad menschenleer, gleichsam dem Mnsentempel Hach der Vorstellung . .~ . Schwarzseher prophezeiterk'dem Kurorte für die Kriegsvauer den „Ewigem Frieden" — allein, sie hatten, Gottlob, nicht Recht behalten. Die Unentbehrlichkeit und Unersetzlichkeit der Franzensbader Heilmittel haben auch während des, Krieges dem Krirorte den rühmlichen Platz unter den Weltknrorten gesichert, sie haben auch unter veränderten, ungünstigen Verhältnissen' dem Kriege siegreich getrotzt. In neuer Pracht erglänzt nun Franzensbad. Allerorts sind. Dank der Mühe fleißiger Häitde, die herrlichen und abermals wesentlich erweiterten Park- und Promenadenanlagen entstanden. Ihre redliche Arbeit ist wahrlich nicht vergeblich! Tausende von Kurgästen,unter ihnen auch eine stattliche Anzahl von heilsuchenden Feldgrauen, füllen die Kurhäuser. Die kühnsten Erwartungen der Kurverwaltung sind längst übertröffen, denn jeder Eisenbahnzug bringt neue Gäste, als wäre der Krieg längst abgeschafft. Die Knrkapelle konzertiert mit gleichem Kunstsinn—. wie einst in der, schönen Friedenszeit — im, herrlichen Park. Menschenwellen wogen, die nummerierten Kaffeemädchen müsien mit den Ellenbogen sich Platz, schaffen. Alles ist vorrätig:. Kugelhnpf, Zwieback, weiße Weizensemmeltt, Grahambrot; für 'alles sorgt«,, die Kurverwaltung reichlich. Wir. empfinden hier den. Krieg höchstens, daß wir etwas tiefer in die Tasche greifen müssen,