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Die Wahrheit · 1916-06-30 · Heft 19 (30.6.1916) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 19 (30.6.1916)
Date
1916-06-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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R>. 19 Seite 9. Die Wadrbeu — Man sprach allgemein von seinem Scharfblick, von seiner eisernen Fansl, aber auch von Willknrlichkeiten und Ungerechtigkeiten gegen seine Untergeordneten. Polizeiagent A.: „Sie werden, Golnbtschik, schauen, mit welch einem routinierten Gannerpack Sie's :u tun haben! Ich bin wahrscheinlich nicht tüchtig genug, daß ich in-die .Provinz versetzt wurde, bin aber neugierig, ob Sie — als. mein Nachfolger — mehr werden ausrichten können!" Polizeiagent B.: ,-Jch will Ihre Tüchtigkeit nicht in Frage stellen, gewiß aber ha?s da oder boirt. nicht recht geklappt. Da darf einem nichts aus den Augen gehen, da heißts nach vorne und rückwärts, nach aufwärts und seitwärts schauen, man muß das sehen, was keiner sonst sieht, das hören, was niemand hört!" A.: „Und wenn sie . selbst eins übers Ohr kriegten? Was würden sie dann sagen?"' B-: „Ich übers Ohr? . . . hahaha! Da lege ich meinen Degen nieder, übergebe der Schwiegermama meine Pistole und werde ein einfältiger Heiliger . . . Hahaha!" A. : „Um hundert Rubel die Wette, morgen mittag sind Sie ohne Taschenuhr! Gilt die Wette?" B. : Um hundert Rubel? . c . Um meinen Kopf wette ich, mir stibitzt keiner was! Keine Uhr und keinen Knopf!" A.: „Die Köpfe brauchen wir vorläufig noch beide, aber um hundert Rubel wetten wir. Gemacht?" Polizeiagent B. schlug ein und jeder wandte sich einer anderen Richtung zu. — Am nächsten Tage schritten wieder die besagten zwei - Polizeiagenten in derselben Gegend. Es war der Rayon, welchen der neue Agent vom alten zu übernehmen hatte und der Abgehende hatte die Pflicht, seinen Nachfolger hier in manches einznweihen. Schon seit frühem Morgen machten sie hier Dienst. Sie wollten gerade eine gutfreguentierte Straße überschreiten, als ein hinkendes Weib, in Lumpen gehüllt ihnen just in den Weg kam; auf der Schulter trug es einen Sack Federn. Das zerlumpte Wesen stolperte plötzlich und rannte an den neuen Polizeiagenten an, die Federn fiogen aus dem Sacke und stoben himmelwärts, den Mann des Gesetzes in die Daunenflnt tauchend! „Wehe mir!" jammerte-und flennte daZ Weib, „wehe meiner ariMü Seele! Meine Federn sind weg und solche feine Herrn machte ich schmutzig. Um des Gekrenzigten Willen, verzeiht, ich bin ein hinkendes, ohnmächtiges Weib!" Dies sprechend, putzte sie, mit Tränen in den Augen, den Polizeibeamten, nahm, ihm Feder nm Feder von der blanken, Uniform. Der Polizeiagent erholte sich in einigen Sekunden von der Verwirrung, spuckte dem lumpigen Weib ins Gesicht und ging fort. Sein Kollege' rief einen Stiefelputzer herbei und dieser putzte ihn blank. Nach' einer Stunde sagte Polizeiagent B. zu A.: „Ich glaube die Mittagszeit naht heran, wir werden zum Speisen gehen!" „Wie spät ist es denn," fragte A. Der Befragte wollte nach seiner Uhr greifen. Aber weg war sie! . . . * * * Es war ein eifigkalter Dezembervormittag. Der Himmelsdom war von dichten, grauen Wolken umhüllt. Die Schneeflocken — von keinem Windhauche beeinflußt — fielen gemächlich und geräuschlos zur Erde hernieder. Bor dem Gendarmerieamte stand in einem größeren Kreis eine der Expedition harrende Etappe. Ringsumher standen Soldaten; das Gewehr bei Fuß, Einen. Stufet an den anderen schlagend. hüpften sie ununterbrochen umher, damit die Füße nicht erfrieren. Bald folgten auch die Arrestanten ihrem Beispiele. Die massiven Ketten jener, die nach Sibirien — wegen schwerer Verbrechen — wandern sollten, rasselten dabei "mit unheimlichem Klange, so daß man oft glaubte, die Gefesselten wollen sich gewaltsam ihrer Ketten entledigen. Das wäre freilich ein vergebliches Beginnen gewesen/ In d er Mitte dieser Etappe stand ein großer Leiterwagen, bis zum Rande mit etwas gemürbtem Stroh gefüllt, auf welchem kränkliche Arrestanten beiderlei Geschlechtes und Kinder kauerten. Die nach Sibirien mußten, trugen militärfönnige, graue Mützen und ebensolche farbige schwere Tuchmäntel (Sermiagi) — welche an Farbe und Qualität unseren Militärpferdekvtzen ähneln — ans deren Rücken ein gelbes Viereck und einige Buchstaben eingenaat sind, die den Bestimmungsort andenten. Das Haupt wnrde ihnen gescheitelt, aber die rechte Hälfte verfiel dem Rasiermesser . . . Am Genick wurde ein Siegel eingebrannt und mit einem weißen Lappen diese Llelle uberbunden. Ihre Gesichtsfarbe war gleich den grauen Wolken. Das sind wichtige Personen der Etappe, denen die Soldaten die größte Aufmerksamkeit zuweuden! Aber auch sonstiges Stromervoik, nichtsnutzige Hallunken, harmlose Barfüßler oder Taschendiebe find am Marsche beteiligt . . . Einer wird in.seine Heimatsgemeinde abgeschoben, ein anderer vor den Untersuchungsrichter geführt usw. Es kamen öfters weichherzige, sentimental'veranlagte Flauen und verabreichten dem Arrestanten frischgebackene Semmeln (Bnlki). schuapsgefullte Fläschchen, zuweilen auch einige Kopeken auf den Weg. Die Soldaten ließen es in. der Regel gewähren; war aber ein Soldat übel gelaunt, zuweilen auch dem Beschenkten neidisch, daun donnerte, er der mildtätigen Person mit barschen Worten: „stnpaj ktschrtu!" (Schere dich zum- Teufel zu) und ging sie nicht schnell voit dannen, so fühlte sie bald den Kolben an der Brnst. Ich war ein junger Bursche und ging mit hundert andern Altersgeuosfen öfters die Etappe ansehen. Der chargierte Soldat verweilte zuweilen eine halbe Stunde im Gendarmerieamte, nm die Arrestanten zu „registrieren" und eine Liste vom Beamten in Empfang zu nehmen. Während dieses Zeitraumes schwoll immer mehr die Schär der-Nettgierigen an. Ein junger Arrestant, dessett pechschivarze, blitzende Augen ununterbrochen rollten, bat mich mit einem mit einem Wink, ihm näher ztt treten. Ich ging hin und fragte ihn nach seinem Begehr. „Hast Du nicht, junger Frennd, einige Zigaretten bet Dir?" bat er flehentlich. Innerlich bedankte ich mich für die zutrauliche Ansprache: „junger Freund", griff aber dennoch in diV'Westentasche und händigte ihm einige ein, ohne daß der danevenstehende Soldat es gemerkt hätte. Er dankte und sprach: Vielleicht gib ich Dir sie einst im Gefängnis zurück!" „Das sollt Ihr nicht erleben!" sprach ich entrüstet. „Warum?" gab er zurück, „bei uns, im heiligen Rußland, kommen nicht nur Hallunken ins Gefängnis, zuweilen geraten auch ehrliche, anständige Seilte dahin!" „Und was seid Ihr für einer?" fragte ich. „Ich bin ein Taugenichts, und bin ich für den Galgen bestimmt, dann ersäuft mich niemand!" lachte er. „Und was habt Ihr angestellt," forschte ich weiter, „daß Ihr mit der Etappe müßt?" „Siehst Du da meine Stiefel?" fragte er, „was, die sind herrlich schön?" Ich nickte bejahend mit dem Kopfe. Das waren Röhrenstiefel; die Schäfte auS dem feinsten russischen Lack glänzten und blitzten wunderbar . . . „Siehst Du'" fuhr er fort, „die erschwindelte ich mir in Moskau . . . Nicht aber plump, bewahre! Es war ein feiner Einfall dabei!" »Und wie habt Ihr. es angestellt?" fragte ich neugierig. Er erzählte mir triumphierend: „Auf dem Boulevard der Weißen Stadt (Bielogorad) in Moskau schleuderte ich herum, nach einer Beute spähend; die Schaufenster betrachtend und musternd, erblickte ich ein paar Röhrenstiefel,' schön, wie sie nur ein russischer Kenner ztt schätzen weiß! — Ich trat in den Laden ein und ließ mich in die Werkstätte zum Meister führen. Da saßen an die vierzig Gesellen und viele

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