Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 19 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 19. mit einem Rubel vom Verleger honoriert wurde. besingt Moskau in einem überaus sentimental gehalten Duett, das zum Schluffe von einem schleppenden in ein rasches Tempo — bezeichnet „Bipo" mit dem Texte: Ech Moskwa! — übergeht. Auf seiner^Küustlertiu nee der erste Rubiustein fast die ganze Erde, konzertierte in allen größeren Städten der zivilisierten Welt; er hielt sich auch sehr gerne in Wien auf, wo er zu wiederholten Malen im Bösendorfer-Saale vor einem kunstsinnigen Publikum par exellence spielte und ob seiner Virtuosität am Flügel stürmisch bejubelt wurde. Aber von alle» Städten, die er sah und wo er gefeiert wurde, - gefällt ihm Moskau am Besten. Schließlich vergöttert der Russe diese Stadt nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Heiligkeit; sie ist dem griechischen Katholiken das. was Rom dem römisch Katholischen, was Mekka dem Muselmann ist und was Jerusalem einst den Juden war: die Stadt, aus der Gottes Glorie leuchtet . . . Der religiöse Russe bekreuzigt sich, wentr er die heilige Stadt Moskau nennen hört. Und sieh! — wie paradox es auch klingen mag — die größten Spitzbuben Rußlands (bitte es nicht zu verraten: Es gibt ihrer gar viele!) werden mit Moskowski Shuliki bezeichnet, wenn sie auch internationale Langfinger find . . . Sie erreichen aber nur dann den Ehrentitel, wenn die Gaunerei eine Pointe — ä la Hanptmaun von Köpenik — besitzt; wenn sie. irgend einen Witz haben. Leider kann ich meinen Helden weder Namen noch anch Rang verleihen, weil der russische Bolksmnnd — der von ihnen berichtet — von ihrer persönlichen Individualität nichts weiß. * - * * In der Chiuefenstadt (Kitajgorod), im Mittelpunkte des Großhandels von Moskau, lvo es von Menschen und Verkehrswesen rauscht, saifft und brodelt, wo einzelne Mensch sich wie ein Sandkorn am Meere vorkommt, schreitet mit eiligen Schritten ein livrierter Bankdiener mit einem Portefeuille unter dem Arm irgend einem Geschäfte zu. um von dem Kaufmanne fällig gewordene Wechsel einlösen zu lassen. Und.als er wieder den Kaufmann verläßt, tritt ihm ein gutgekleideter Bauer entgegen und grüßt ihn mit schlichten, schüchternen Worten. Der Portefeuillebesitzer ist natürlich sehr mißtrauisch und zeigt nicht die geringste Lust, sich in ein Gespräch mit dem Bauer einzulassen. „Was seid Ihr für ungemütliche Leute, Ihr Moskowiten!" stotterte der Muzik, „ich will Euch nur m eine kleine Gefälligkeit bitten, durch die Ihr wahrlich z^keiuem Schaden kommen solltet! Bei Gott, es soll euch einige gute Zigarettem, vielleicht auch einen Trnnk guten Schnaps eintrageu!" „Und was wollt Ihr eigentlich von mir? Ich habe zum Plauschen nicht viel Zeit/' meinte der Bankdiener. „Nicht viel/ gab der Muzik zurück und fuhr fort: „Mein Bruder der Stepau, wißt Ihr? wir wohnen am Lande, etwa zwanzig Werst von Moskau entfernt, der Stepau Heiratet nächste Woche Donnerstag, er nimmt sich vom Ortspopen die Tochter, die Wiera, wißt Ihr? eine dralle Dirne. Ja. der Mann hat Glück! Meine Alte ist spindeldürr . . . Und well er zur Trauung einen schwarzen, langen Siurtnk (Leibrock) braucht, er aber vor der Hochzeit alle Hände voll zu tun vat, sagte er zu mir: Sei so gut, April, geh in die Stadt und kauf mir einen Sinrtuk." Ich aber fragte ihn: „Und wenn er Dir dann zu kurz, zu lang, zu schmal oder zu breit ist? ha? . .'. was dann? . . Darauf sagte, er: „Wenn Du jemandem begegnest, der von meinem Körperbau ist, bitte ihn — warum sollte man Dies nicht tun — versprich ihm eine Schachtel -Zigaretten, oder was weiß ich und er geht mit Dir in ein Geschäft, Du paßt ihm den Siurtnk an. und wettn Du findest, daß er gut sitzt, in Gottes Namen! bezahle den Kaufpreis ... und ich bin der Sorge los!" ... Und .Ihr, Freund, daß mich oder euch der Satan hole! akkurat seht Ihr wie mein Bruder Stepau aus, zum Verwechseln ähnlich! Und wollt ähr mirddie Gefälligkeit tun? Hundert Zigaretten, bei Gott, kriegt Ihr von mir! Ich fahr ja billiger'dabei : Ihr nennt' mich im Geschäft Onkel, damit der Geschäftsmann mich nicht betrügt — einen Muzik schmieren die Stadtleute gerne au — Jagt was Ihr wollt, ich weiß es. Wenn sie mich über au Euerer Seite seheu, dann trauen sie sich nicht. Ihr seid doch eine Altspersou, was? Deut Bankdiener leuchtete die Sache ganz gut ein. Die schlichte Redeweise des Muzik gefiel ihm inib allmählich schwand sein Mißtrauen. - „Wegen meiner!" sagte er, „an hundert Zigaretten hat mau ans wie lange zu rauchen. Wollt, Ihr seid doch eine Altersperson, was?" „Ja, sehr gerne," gab der Bauer mit Sicherheit zurück. Also gingen sie in das erste beste Kleidergeschäft hinein. „Habt Ihr für meinen Neffen einen schönen, schwarzen, laugen Siurtnk?" fragte der Bauer, „wie man ihn zu einer ' Trauung trägt, wißt Ihr?" Der Geschäftsmann: Natürlich haben wir, auch zwanzig und noch mehr könnt Ihr haben! Wollt Ihr nicht auch eine passende Hose zum Siurtnk hab^n?" „O ja," erwiderte der Bauer, „wenn sie gut paßt, dann schon." Und zum Bankdiener gewandt, fuhr er fort: „Zieh dich aus, wir haben doch nicht zu viel Zeit, und ziehe Dir die Hose erst und daun den Siurtnk an." Der Diener legte seine Kleider, die Mütze und das Portefeuille auf eine danebenstehende Bank und schlüpfte in die neue Gewandung hinein.. Er besah sich im Spiegel, der ihm gegeuüberhäugte und sprach: „Der Anzug paßt mir tadellos." „Geh eilt wenig auf ltitb ab," meinte der Bauer, „damit ich sehe, wie er Dir fällt!" Und als der Bankdiener einige Schritte von der Bank entfernt war, erwischte der Bauer das Portefertille und ging rasch davon. ' Der Diener sah ihm — kreidebleich — zn und wollte ihm Nacheilen, aber der Geschäftsmann ließ ihn nicht fort, „Laßt mich fort, der Bauer hat mich betrogen!" rief er aus Leibeskräften. * „Ach was!" erwiderte der Kaufmann, der ihn mit noch zwei Kommis festhielt, „den Schwindel kennt man schon! Dein Onkek, dieser läppische Muzik, wird dich nicht betrügen, so was zieht bei uus nicht! Erst bezahle, bann jage ihm nach, soweit Du willst!" 2- .* Wenn der Russe^ die Tüchtigkeit seiner vaterländischen Polizei rühmt oder — was öfter der Fall ist;— verwünscht, so behauptet er: Aeußerst findig ist die Newyorker Polizei, einen Tag spätestens nach einem verübteit Einbruch erwischt sie die Täter. Noch pfiffiger ist die Londoner, noch am Tage - des Verbrechens werden sie der Gauner habhaft. Aber die Hüter des Gesetzes von Petersburg und Moskau sind allen überlegen, sie sind geriebener als alle polizeilichen Organe der Welt — sie haben die Diebe einen Tag früher, ehe dieselben noch das Verbrechen begingen ... Ich sehe im Geiste auf des Lesers Lippen die Frage schweben: „Wo liegt da der Witz?" . .. Ein ausgelassener Witz: Nämlich gar keiner! Es soll damit gesagt werden, daß die zarische Polizei die Gauner nach der Art ihrer^ Verbrechen kennt und erkennt; sie führt Buch über dit Qualitäten der Langfinger/ über deren-Fähigkeiten, sie weiß beispielsweise, von wem beilänfig ein verübter Einbruch — ’ nach der Geschicklichkeit und Ausführung — stammelt mag. Die Polizei bedarf aber auch zuweilen der Spitzbuben . . . zn verschiedenen Diensten. Und sie weiß, wer zu dem und zn jenem zn verwenden ist. Jü einer den belebtesten Straßen der Hauptstadt Moskaus schreiten zwei höhe Pölizeibeamte in glänzenden Uniformen und besprechen sehr lebhaft, mit den Händen gestikulierend Häe EMgn.iffe.des.Tagest Trepow war Trumpf!