Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 18 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 18. die Sommerfrische! Wie soll der Schüler diese Widersprüche znsammenreimen? Dieselben bringen das kindliche Gemüt in Kollisionen, welche, zur Mißachtung der Lehrer und znr Verachtung der Religion leiten." Nicht der Religionslehrer versagt, sondern die Familienerziehnng!? "tirr Kton rroib Und da will mau für die Sünden des Hauses den Lehrer verantwortlich machen? Allerdings hat nicht das Hans allein unseren Niedergang verschuldet, sondern noch ein anderer Faktor. Der israelitische Religiousunterrichl entbehrt derzeit der natürlichen breiten und festen Grundlage. Diese zu schaffen, liegt nicht in der Macht des Religionslehrers. Es heißt daher ein Unrecht begehen, wenn man, die Sachlage ignorierend, ihn für -die eingangs erwähnten traurigen Erscheinungen in unserem Volke verantwortlich machen will. ' Adolf Fried. Die wirtschaftliche Zukunft der Türkei und diespauiolischen Inden. Für das erwartete Wiedererstehen, wirtschaftlicher Beziehungen zwischen den Zentralmächten und dem Orient ist es von besonderer Wichtigkeit, daß in diesen Ländern mit ..vielen Sprachen und mit stark vermischter Bevölkerung ein ' Element existiert, das infolge seiner natürlichen. Tendenzen und seiner besonderen Fähigkeiten dazu geschaffen zu sein scheint, -eine Brücke zu bildet», über die die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen lhren Weg sinden können. Niemand, der die wirkliche Sachlage kennt, wird leugnen können, daß am Balkan die „Spaniolen" die geborenen Vermittler sind. Ihre bürgerliche Freiheit, verbunden mit den natürlichen Fähigkeiten des jüdischen Geistes, hat dazu beigetrageu, ihre Geschäftstüchtigkeit zu entwickeln und hat sie mit besonderen Gaben für Handel und Industrie ausgestattet. So ist während des letzten Jahrhunderts Saloniki dank der jüdischen Patrizier ein türkisches Hamburg geworden. Es ist keine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß für den gesamten Handel von den Gegenden südlich der Donau bis nach Aegypten die jüdischen Handelshäuser die gleiche Bedeutung hatten und „ haben, die die alten hanseatischen Häuser für den Handel in der Nord- und Ostsee hatten. Die Spaniolen finb die „Amerikaner des Balkans", iy viel richtigerem Sinne, als dies von den Griechen und Armeniern behauptet wird. Der gleiche fortschrittliche Geist, siudet sich in gleichem Maße in allen Klassen, denn man darf nicht vergessen, daß es nicht nur große spaniolische Kanfleute und Kommisslouäre gibt, sondern auch sefardische Arbeiter und Handwel-ker, die nach den besten Methoden arbeiten, wie die Arbeiter der entwickeltesten europäischen Großstädte. . Außer der Konsnmtionssähigkeit der spauiolischen Juden, können diese, so führt die „Deutsche Levante-Zeitung" aus. von bedeutendem Wert für den deutschen Markt werden, dessen Exportartikel sie gerne kaufen mtb deren Absatz sie erleichtern. Ein modernes Stahlwerkzeug, ein Tuch aus einer uordeuropäischen Fabrik, irgendein Artikel, au den wir seit langer Zeit gewöhnt sind und ihn alltäglich verwenden, all dies verwandelt sich in den Händen der Spaniolen in eine Sache, die eine große Attraktionsmöglichkeit erlangt. Aus diesem Grunde hat man sich seit langer Zeit gewöhnt, besonders unter der Proviuzbevölkernng, die Inden als führend in allen kommerziellen Dingen anzuseheu. In jeder Hinsicht werden die Spaniolen als Muster genommen, und das nette Justrumetll, das neue Tuch, das neue Möbelstück, das sie auf den Markt bringe«, rvird immer gekauft. Atlßerdem kann auch die Arbeit der Spaniolen als eine Bermittlungstätigkeit im Balkanhandel angesehetl werden. Zu den Nachrichten von den Kämpfen in Serbien und an den Dardanellen ist mehr als einmal der hervorragenden Nolle Erwähnung getan worden, die die Spaniolen als Dolmetscher zwischen den verschiedenen Sprachen spielen. Eine gleiche „Parlamentärstelliuig" ist ihnen auch in bei* Handelsbeziehungen Vorbehalten. Sie besitzen ein außerordentliches Talent für die Erlerunug fremder Sprachen, welches sie sorgfältig pflegen,' vermöge eines wohlansgebauten Schulsystems, das sie in der Hauptsache der Unterstützung der westlichen Juden verdankell. Wenn man diesem Sprachentalent die große iiitelektuelle Aktivität der Sefardim, ihre Fähigkeiten auf kommerziellem Gebiete und besonders die Integrität ihres Charakters hinzusiigt, kann man sich eine Idee von den Eigenschaften machen, die es für den deutschen Handel im Orient als wertvoll erscheinen lassen, die Mitarbeit der Spaniolen zu besitzen. Die spauiolischen Inden und insbesondere-die türkischen Juden werden gerne die ihnen vorbehalterte Rolle der Vermittler zwischen der Türkei und Deutschland übernehmen. Das hat seinen Grund nicht nur in ihren natürlichen Fähigkeiten, söndern in ihren politischen und kulturellen Ansichten. Es ist vor allem von deutscher Seite ans notwendig, den nationalen Eigenschaften der Sefardim Achtung entgegenzttbriugen. Besonders darf, nicht vergessen werden, daß der Spaniole einen außerordentlichen Stolz besitzt, und daß er in diesem Punkte sehr empfindlich ist. Znm „Kilurgischcn Gesang im Ketttzionsimlerrichl". Zu meinem Erstaunen ist auch der Schnlveteran Herr Direktor Mautner für den liturgischen Gesang im Religionsunterrichte eingetreten. well er annimmt, daß die isr. Schuljugend vermittelst des Gesanges zu einer derartigen Begeisterung entflammt werde, die Berge versetzt. Nun, das ist Nnsichts- oder Geschmackssache und wenn Herr Direktor Maltiner ein besonderer Freund des Gesanges ist, auch erklärlich. Ob diese Methode aber allemal und überall geeignet ist, jene echte, religiöse Begeisternng zu erzielen, welche Herrn Direktor vorschwebt, muß stark bezweifelt werden. Ein Blick ans den jugendlichen Chor während des Gottesdienstes in der Synagoge ist oft schon hinreichend, den Beobachter zn enttäuschen und ich glaube auch nicht, daß der derzeit intensiver als früher in den Schulen geübte Kirchengesang in diesem Belange von größeren Erfolgen belohnt wird. Der Religionsunterricht verträgt die tendenziöse Mache am wenigsten., nur der J-»l halt, nicht die Melodie des Gebetes kann die richtige Andacht erzeugen und mit Recht weist Herr Direktor Mautner ans das Ne'ila- Gebet am Bersöhnungstage hin, bei dem der Chor nicht mitwirkt, bei dessen Rezitierung aber dis Gemeinde die größte Andacht kundgibt. Herr Direktor.Mautner behauptet, die Frage laute nicht: „Soll sich der Gesangsunterricht in Gesang-Übungen erschöpfen?" oder: „Reicht nicht die Einführung in den synagogalen Gesang für den Schnlzweck ans?" Er behauptet weiter, weder Herr Kultnsvorsteher Brod, noch der „Erfinder" hätten dies beabsichtigt. H^N aber Herr Knltnsvorsteher Brvd, durch die außerordentlichen Erfolge des Wiener Religionslehrers Oehler angeregt, in seinem Referate nicht folgenden Grundsatz aufgestellt: „Der hebräische Unterricht an den Volks- und Bürgerschulen habe als ausschließliches Ziel seine» Strebens die Befähigung zur verständigen aktiven Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste zu setzen?" Und beschränkt sich der vorgeschlagene neue Lehrplan, den er an allen Volks- und Bürgerschulen einführen will, nicht auf Gebete? Allerditigs, es folgte folgender Nachsatz: „Unberührt hievon bleibt der Lehrplan in bezug auf den Urtext des Pentateuch aufrecht." Damit würde aber das ausschließliche Ziel wieder erweitert. Sehr geehrter Herr Direktor! Als verdienstvoller, \ langjähriger Religiouslehrer und Verfasser vgn Schulbüchern für diesen Unterricht können Sie den armen Religionslehrern doch nicht in der lächerlich geringen Unterrichts-