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Die Wahrheit · 1916-06-02 · Heft 17 (2.6.1916) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 17 (2.6.1916)
Date
1916-06-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Lette 6 Dle Wudrlleit ersten Bürgermeister Ingenieur D r z e wie c k i ernannt. Die Ratsherren werden von der Sladlverordneten-Versammlnug, die auö 90 Mitgliedern besteht, nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt. Außerordentlich wichtig ist die Wahlordnung, die in Berücksichtigung des nationalgrmischten Charakters der Be^- völkernng Warschaus zwar der Majorität zu ihrem Rechte ^verhilft. aber auch den Minoritäten die Möglichkeit ausreichender Vertretung verschafft. Grundlegend in dieser Beziehung ist der Artikel 4, demzufolge die Wahlen nach den Grundsätzen der B e r h ä l t n i s w-a h l (Proportionalwahl) vorgenommen werden, tas aktive Wahlrecht ist au folgende Voraussetzungen geknüpft: Staatsangehörigkeit im Königreiche Polen, vollendetes 25. Lebensjahr, männliches Geschlecht, ununterbrochener Wohusitz in Warschau seit miudestens zwei Zähren (Verschickung durch die russische Regierung und Abwesenheit ittsolge des Krieges gelten nicht als Unterbrechung). Für Onsarme mrd Bettler ruht das Waalrecht, wobei die Beköstigung m Volksküchen nicht als Armennnlerstützung gilt. Das passive Wahlrecht hat zur Voraussetzung: 1.) die Vollendung des 30. Lebensjahres. 2.) männliches Geschlecht, 3.) bürgerliche Unbescholtenheit. 4.) Beherrschung der polnischen Sprache in Wort und Schrift. Alle Wähler werden in 6 Kurien eingeteilt, von denen jede 1b Stadtverordnete zu wählen hat. 1. Kurie: Haus- und Grundbesitzer. (Das Wahlrecht steht in dieser Kurie auch Frauen zu. die sich durch männliche Bürger zu vertreten habeil). 2. Kurre: Größere Handels- und Judustrie-Unternehmungen. 3. Kurie: Gelehrteuberuse. (Hier entscheidet jedoch bei den Wahlen 6re Slimmeumehrheil). Die katholische Geistlichkeit wählt einen Verordneten (dte jüdische und protestantische gar keiuen), die Juristen drei, die Lehrer drei, die . Mediziner drei, die Techniker drei, die übrige Jnlelligetiz zwei. 4. Kurie: Kleine Industrie-, Handwerks und Handels- Unternehmungerr, ohne Rücksicht darauf, ob eine'Patentsteuer entrichtet wird. b. Kurie: Wähler, die zur Wohnsteuer veranlagt sind. 6. Kurie: Alle übrigen Wähler. Zeder Wähler hat nur in einer Kurie Wahlrecht. Die Wahlen sind geheim und werden vou einem kaiserlichen Kommissär mit Hilfe eines Wahlausschusses nach den Weisungen des Warschauer Polizeipräsidenten vorbereitet und geleitet. Sederadend in Sofia. Die in Sofia weilenden ausländischen, jüdischen Offiziere und Soldaten sind von der deutsch-österreichischen, jüdischen Gemeinde in Sofia anfs herzlichste zum Sederfeste eingeladen worden: durch das Entgegenkommen der Herren Kommandanten wurde es allen Eingeladeneu ermögltcht an dem Feste teilzunehmen. Nach der feierlichen Andacht im einfachen, aber im schönen Tempel der Gemeiuderversammelten sich die Gäste im Konsistoriagebände. wo sie vou allen Vorständen und deren Gemahlinnen aufs herzlichste willkommen geheißen wurden. Der Festsaal war mit den -Nationalfarben und den Bildniffen der Monarchen der Verbündeten geschmückt, auf dem Tische prangten duftende Blumen, Aufmerksamkeiten der Gattin des Präsidenten der Gemeinde, Frau F e r b e r und der Gattin des Präsidenten der Chewra Kadischa Frau Grauer. Gegen 40 Teilnehmer boten ein buntes Bild von deutschem und österreichischem Militär, Herr Rabbiner Dr. Zeuoch verteilte als Hausherr die herkömmlichen Speisen.^ Vor dem Abendessen hieß Herr Präsident Josef Ferber die Gäste abermals herzlichst willkommen. Au diesem Abende, so führte er aus, wäre wohl jeder am liebsten im Kreise der Seinen und so sei die Gemeinde, an deren Spitze er und der Präsident der Chewra Kadischa Josef Grauer stehe, bestrebt gewesen, so weit es möglich itx .17, war, einen Ersatz zu bieten. Er gedächte der Brüder, die ait diesem Abende im Schützengraben stehen und ihrer Lieben gedenken. Mit Hochrufen auf die verbündeten Monarchen endigte er die ergreifende Ansprache. Der deutsche Bahnarzt Herr Leutnant S ch r a g e n h e i m dankte den Damen und Herren für ihre große Gastfaenudjchaft. Bei diesem- Feste batten sich die. Damen selbst überlroffen, deren chäritative Bestrebungen allgemein bekannt seien nnd auch die allerhöchste Auszeichnung fanden. (Frau G r a ne r erhielt den 'Elisabeths Orden.) Herr Sanitäts-Kadett med. Ferdinand P a ch der Oesterr. Roten Krenz-Mission in Sofia, dankte lm Namen der Oesterreicher nnd Ungarn. Dieser Abend, an dem wieder jüdische Herzensgüle so schönen Erfolg erzielte, werde wohl allen ein unvergeßlicher Abend sein. Das Mahl war vortrefflich. M»t schönem Rhythmus wurden im Chore die bekannten Gesänge der Hagadah gesungen. Auch am zweiten Abende hatten sich alle Gäste eingefuuden. Bor dem Avendessen hielt der deutsche Infanterist H i r) ch f e l d eine wunderschöne Rede, in der er reiche Talmud- und Bibelkenntnis verriet. Im Sinne der Psalmisteti pries er die jüdischen Frauen, deren Pflichterfüllung in diesen schweren Tagen auf eine harte Probe gestellt sei, der sie aber in unübertrefflicher Weife Nachkommen. In feine Hochrufe auf die jüdischen Frauen ffelen alle begeistert ein mit den Worten: „Nächstes Jahr nr der Heimat" und so beendete er die großartige Rede. Die Präsidentin der Chewra Kadischa Frau Sabina G r a n e r bat eingangsHrer Rede um Entschuldigung, wenn sie als Frau das Wort ergreife, wo von der Kraft des Mannes so viel abhängt. Sie dankte dem Redner im Namen der jüdischen Frauen für seine Lobesänßerungen. Es wäre eine große Genugtuung für ihre Mühen, wenn sie die dankbaren Worte der Gäste höre und sie wünsche allen, das Sedersest im nächsten Jahre im Kreise der Lieben verbringen zu können. Wenn ich nun auch Herrn Direktor Rose nb a u m erwähne, so. habe ich wohl alle genannt, die sich um dieses schöne, unvergeßliche Fest so verdient gemacht haben. Sanitäts-Kadett Ferdinand P a ch dzt. Oesterr. Rotes Kreuz-Spital, Sofia »Gruppe Eiselsberg*. Emil Uenrat. Ein echtjndisches Patrizierherz hat plötzlich zu schlagen anfgehört und wer es gekannt hat, wird ihm Tränen wahren, tiefgefühlten Schmerzens uachweinen. Mit Emil Neurat ist ein guter Jude und ein guter Mensch -7zwei Begriffe, die sich beim Verstorbene« vollständig deckten — zn Grabe getragen worden. Die Quelle seiner, unermeßlichen Güte war für ihn das streng religiöse Judentum. Dieses kostbare Erbe, das er von seinen ausgezeichneten Eltern übernahm, hat er mit solch sympathischer Zärtlichkeit gepflegt, daß jeder, der sein Haus aufsuchte, welcher Richtung er. auch gewesen sei, sich von dem Verstorbenen stark angezogen fühlte. Der orthodoxen Richtung zlistrebend, war er-trotzdem tolerant gegen jeden und förderte jede moderrre Aktion, die dem Jndeiltlim einen allgemeinen. Nutzen bringen konnte. So stand er auch der jüdischnationalen Bewegung sympathisch gegenüber, denn — wie er mir oft bekannt« — diese hat den Judentum unsere Jugend wieder zngeführt. Was er in der Oeffentlichkeit geleistet hat, ist allgemein bekannt; doch das erreicht kaum die Hälfte dessen, was er im Verborgenen geleistet hatte. Sein Haus war tagtäglich, nach altjndischer Weise, stets offen für die Armen, er gab aber nicht nur mit seiner Hand, sondern mit seinem ganzen vollem Herzen. Was ebenso wenig bekannt ist, ist daß der stark beschäftigte Kaufmann jeden freien Augenblick, den ihm die Sabbate und jüdischen Festtage gewährten, der Wissenschaft widmete. Er war ein Privatgelehrter, dessen schlichte Bescheidenheit ihm niemals dazu trieb, mit seinem Wissen zu prunken, vielmehr lernte er von jedem und allem. Die größte Freude seines Lebens bot ihm seine Bibliothek, die er mit wahrem Eifer jeden Tag vergrößerte.

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