Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 16 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7. Nr. 16.. Die Wahrheit. Nachdem Herr Bernhard Hofbaner schon ihm Jahre 1907 als Vizepräsident gewirkt hatte, wurde er in der zweiten ordentlichen Generalversammlung vom 36. April 1908 zum Dbmanue gewählt, während Herr Meisels wegen seiner Gebrechlichkeit abgedankt hatte und nun das erste Ehrenmitglied des Vereines wurde. Allmählich festigte sich nun der Verein. Am 9. Februar 1909 erschien znm erstenmale in seiner Mitte Adolf Fischer, der Oekonom der „Einheit", ihre Verwaltungsseele, der Schöpfer seiner wirtschaftlichen Existenz. -Der materielle Gründer, der Kassier des Vereines, Herr Max Hofbaner, war schon kurze Zeit vorher Mitglied des Vorstandes geworden. Die eben genannten zwei Persönlichkeiten sind mit Herrn Bernhard Hofbaner die eigentlichen Leiter der Volksspeisehallen und ihnen muß alles, was der Verein an moralischen und ökonomischen Werten geschaffen, gntgebncht werden. Wohl waren auch die anderen Mitglieder des Vorstandes um das materielle Gedeihen der „Einheit" bemüht, vor allem Herr Simon M a n h e i t und Herr Leopold Satori, aber nur jene drei Männer sorgen für den täglichen Bedarf und widmen alle Zeit und alle Kraft ausschließlich dem Vereine. Natürlich wurden auch die Statuten geändert und der Verein hat seit 1913 den im Titel dieser kurzen Uebersicht gegebenen Namen, dient aber trotzdem noch den alten nationalem und Emigrationszwecken, sobald die Notwendigkeit hiefür gegeben sein wird. Am 13. November 1909 bezog der Verein seine jetzigen Räumlichkeiten in II. Malzgasse 12. Am darauffolgenden Sonntag waren sie im Beisein des fast vollständigen Wiener Rabbiilats, Vertreter des Kullusvorstandes, beinahe sämtlicher Wiener jüdischen Vereine und studentischen Körperschaften eingeweiht worden. Seither wurden die Räume wieder vergrößert und verlangen nun dringend eine neue Erweiterung. Es sind vorhanden 4 Speiseräume, die große Küche, ein Büro, eine Kühlkammer, eine Fleischkammer, ein Vorratsraum, sehr große Keller, der gedeckte Hof für die Laubhütte und Wohnungen für das Personal. Dieses besteht ans 1 Verwalterin, 1 Wirtschafterin. 7 Köchinnen, 8 Küchenmädcheu, 1 Buchhalter, 1 Kassier, 3 Aufsehern, 4 Komptoiristinnen und 30 Kellnern, Abräumern und Hausdienern. Im Jahre 1915 war die Zahl der Besucher 854.334, d. i. täglich im Mittel 2340 Besucher. 1914 gab es nur 691.574 Besucher! Die Ausgaben im Jahre 1915 betrugen L 458.670.—. Die Fleischerrechnuugen in diesem Jahre waren LI 127.043, die für Brot IC 34.562. Diese Ziffern sprechen für sich allein. Insbesondere seit Kriegsbeginu war die Arbeit der „Einheit" eine unglaublich große und schwere. Durch drei Wochen im Herbste 1914 wurde 150 bis 200 Flüchtlingen nud Evakliierten mit Automobilen das Essen auf die Bahnhöfe gebracht. Ebenso und an gleichen Orten wußten durch 8 Tage 800 bis 1000 internierte Russen gespeist werden. Als die Flüchtlinge aus Belgien kamen, wurden täglich 400 Personen gespeist, 100 mußte das Essen ins Haus gesandt werden. . . . Nach der Auswanderung aus Galizien und Bukowina erreichte die Zahl der täglichen Besitcher ans den Flüchtliugskreisen 2500 bis 3000. Sie erhielten, wie vordem und jetzt noch alle Besucher, um 44 Heller ein ausgiebiges, gutes und wohlschmeckendes Mittagessen, um 34 Heller ein Abendessen. Den verschiedenen Wohlfahrtsvereinigungen und den kranken oder überprüften Soldaten wurden Preisnachlässe gewährt. Ganz Arme erhielten auch das Essen umsonst. Zu den Passahtagen 1915 wurden in drei besonderen Lokalen die Soldaten Wiens gespeist, heuer bekam der Verein den Auftrag des k. k. Militärkommandos, 3000 Krieger während neun Tage früh, mittag und abends zu verköstigen. An Soldaten, die schon während des Jahres rituelle Kost wünschten, sandten wir sie mit Thermophoren auch in die eutferutesteu Stadtteile. So wurden die Speisehallen. der Einheit das Zentrum für billige mtb gute rituelle Ausspeisuug in Wien nnd es pilgern zu 'ihr aüee Stände nud Berufe, Bewohner Wiens und der Provinz. Auch Fremde und Einheimische von Rang und Ansehen besuchen die „Einheit", um ihre Einrichtungen zn sehen. Die „Einheit" hat in allen jüdischen Kreisen Wiens ihre Freunde und ihr Name drang weit hinaus. In Preßburg. Budapest und Prag hat man ähnliche Speisehallen errichtet. So lösten die Männer der „Einheit" für ihren Teil die Frage der Volkseruährnng: Kein Almosen, sondern würdigste Darreichung um billigsten Kauf. Kriegsspitalshilfe für Palästina. A u f r n f! Gedenket der kranken Brüder im Heiligen Lande! Herzzerreißende Klagen aus dem Laude der Väter schildern uns das dortige Spitalselend als nicht mehr zn überbieten. Tausende von Kranken drängen sich an den Pforten der Krankenhäuser und Kliniken, insbesondere die Augeuleidenden haben erschreckend überhaudgeuommeu. Die Spitäler und sonstigen jüdischen Heilanstalten sehen sich jedoch» anstatt den ansteigenden Anfordernngen entsprechen zll können, atts Mangel an Medikamenten. Verbandzeug, am Allerllotwendigsten geradezu gezwungen, eine Abteilnug nach der anderen zu sperren, und dies zn einer Zeit, da der Hungertyphus ltnd andere Epidemien täglich zahlreiche Opfer fordern. Seit dem Eintritt der Türkei in den Weltkrieg wurden und werden anch mohammedanische Soldaten, soweit möglich, in Spitalspflege und ambulvtorische Behaudluug ausgenommen. Durch diese Hilfe leisten wir auch unseren Verbündeten große Dienste, die von der kaiserl. ottvmanischen Regierung gewiß nicht unbeachtet bleiben werden. Das Unterzeichnete Präsidium wendet sich deshalb au alle Gemeinden nnd Privaten mit der Bitte um gütige Spenden. Insbesondere richten wir au alle Chewra-Kadischas nnd anderen jüdischen Kranken-Nnterftutzungsvereine das herzliche Ersuchen, einen entsprechenden Betrag von ihren Jahreseinnahmen der Krankenpflege im Heiltgen Lande zuzuwenden nud, da Gefahr im Verzüge ist, ehestens die Subventionen eiufenden zu wollen. Die Spenden werden in den jüdischen Zeitungen, eventuell auch in Tageszeitungen veröffentlicht. An die Herren Präsidenten sämtlicher Chewra-Kadischas wenden wir unS mit folgender Bitte: Hochgeehrter Herr Präsident! Unter höflicher Bezugnahme am den obigen Aufruf beehren wir uns, Sie nub Ihren geschätzten Vorstand zur Teilnahme au »tuserem Hitsswerk für »tnsere kranken Glaubensgenossen im Lande der Väter einzuladen. Wir bitten Sie, Ihren Beitrag an das Bankhaus S, M. v. Rothschild. Wien, I. Bez., Reungasse 3; für Ungarn: an die Magyar Altalanos Hitelbank, Budapest; für Deutschland: an die Deutsche Bank, Berlin, Postcheck- Konto Nr. 1000 — für sämtliche auf das Konto „Kriegsspitalshilse für Palästina" — zn senden und uns zn erlauben. Ihren löblichen Verein in unserer Mitgliederliste als Gründer zu führen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Alfred Stern. Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Wien. Dr. Julius Schlag, k, k. Hofrat. Hermann Wein berge r. Präses der Chewra-Kadischa für die westlichen Bezirke Wiens. Adresse für Zuschriften: K. k. Hofrat Dr. Julius Schlag, Wierr, 2. Bezirk, Obere Donanstraße 109.