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Die Wahrheit · 1916-05-26 · Heft 16 (26.5.1916) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 16 (26.5.1916)
Date
1916-05-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr 16. Auf Ausuche« des Hilfsvereius hat das k. k. Ackerbauministerium mit Erlaß vom 27. April 1916 bewilligt, daß sein Konsulent für Geflügelzucht Herr Georg Wie»in ger in einem vom Hilfsvereine für die in Wien weilenden galizischen Flüchtlinge errichteten Kurse. Vorträge über Geflügelhaltung abhalte. Die Vorträge finden im großen Saale des Josefine-Mendl-WohlfahrtshauseS (Toynbee- Halle), XX. Deuisgasse 33, am 13., 15. und 27. Juni, sowie am 4. und 6. Juli 1916 von 4 bis 6 Uhr bei freiem Eintritt gegen vorherige Anmeldung im Bureau des Hilfsvereins. IX. Berggasse 4. statt. Selbstverständlich bedeutet die Abhaltung des Kurses bloß den Anfang der vom Hilfsverein geplanten Aktion. Ihre Fortführung in Galizien wird nach Maßgabe der Verhältnisse erfolgen und dürfte mit der Errichtung einer eigenen Gkflngelzuchtanstalt ihren Höhepunkt erreichen. Mutz das sein? Im Jahre 1873, anläßlich de» 25jährigen Regieruugsjnbilänms Sr. Majestät des Kaisers, gründete die Repräsentanz der Landesjndenschaft des Königreiches Böhmen einen Penfionsfonds für jüdische Lehrer, Neligionslehrer, Rabbiner des erwähnten Kronlandes mit Ausschluß der Landeshauptstadt Prag, den sie mit X 90.000 dotierte. Dieser Fonds ist aber bisher so wenig leistungsfähig, daß ein Mitglied nach 40jährig^r Tätigkeit statt der statutarischen Pension von X 1200 bloß die Hälfte dieses Betrages bezieht. Wer beschreibt nun die Not, das Elend der alten jüdischen Lehrer Böhmens! Die jüngste Nummer der „Mitteilungen des israel. Landeslehrervereiues in Böhmen" berichtet: „Wehmut ergreift uns, Tränen befeuchten unsere Wangen beim Niederstbreiben dieser Zeilen; vor unS liegt nämlich das Schreiben eines Kollegen, der durch 45 Jahre neu und gewissenhaft feine Pflichten in den Gemeinden erfüllt, der auch heute noch in vier auswärtigen Stationen Unterricht erteilt, bei Wind und Wetter zu Fuß marschiert, weil die Wegentschädignng einen Wagen nicht gestattet, eine Bahnverbindung nicht vorhanden ist. Sein körperliches Gebrechen, seine große Kurzsichtigkeit, die fast an Erblindung grenzt, zwingen ihn, am 1. Mai den Posten zu verlassen. Arm an Mitteln, reich an Kindern, steht er da und fleht in seinem Schreiben Gott um Erlösung an. damit er nicht Hungers sterbe. Denn von der Pension von X 68V kann er doch numöglich selbst im kleinsten Dorfe Wohnung, Kost, Bekleidung, Beheizung, Beleuchtung für sich und seine Familie bestreiten. DaS sind die Früchte 45-jähriger Berufstätigkeit eines jüdische» Lehrers." — — Muß das sein? In Böhmen gibt es über 200 jüdische Gemeinden. Wenn jede derselben dem Lehrerpensionsvereine jährlich auch nur X 20 widmen würde, so wäre es möglich, das Pensionsinstitut leistungsfähiger zu machen, atlszubauen. Dazu gehört mir guter Wille, ein jüdisches Herz. Die Gleichgültigkeit eines großen Teiles unserer Glaubensgenossen in Böhmen gegenüber den israelitischen Ährergreiseu schädigt aber nicht nur diese, sondern die Gesamtheit der Juden. Unsere nichtjüdischeu Mitbürger gestalten nämlich den Lebensabend ihrer Lehrer durch eine Pension -von X 3200 bis 3600 zu einem ruhigen und sorgenfreien und unterziehen daher der Juden Indolenz, welche die altert Lehrer der Not, dem Elend überläßt, einer Kritik, die nichtsweniger als schmeichelhaft für uns ausfällt. Muß das sein? Xsmo. Dr. Leopold Kangfelder. Einer der trefflichsten Männer ist von uns gegangen! Professor Dr. Langfelder ist vor wenigen Tagen besewo towu verschieden, er hat das Alter von 83 Jahren erreicht. Aus einer Familie von „Lernenden" stammend, besaß auch der Dahingegangene stnpendes Wissen auf mehreren Gebieten, war insbesondere in allen Zweigen der Religionswissenschaft heimisch. Ein nur oberflächliches Spaziergangsgespräch mit ihm warf immer etwas Interessantest Belehrendes ab. Und bei jeder Frage, in der man seiueu Rat einholte, war man einer erschöpfenden, in die Tiefe gehenden Erörterung sicher. Dabei zierte ihn die größte Bescheidenheit; niemals hat er eigene Verdienste im geringsten erwähnt und stets ging ihm die Sache über seine Person. Aus seinen Angen strahlte jene Güte, jene Humanität, wie sie nur wahrhaft liebenwürdigen Menschen eigen sein kann; „nicht Enropens übertünchte Höflichkeit", nicht die landläufige Bonhomie war es, es war die Liebenswürdigkeit, es waren die Schwingungen einer feingestimmten Seele. Und was ihn besonders anszeichnete: er war ein Mann von Charakter, dies sagt alles. Vielerlei Ehrung ward ihm bei seinem 70. und 80. Geburtstage zuteil, im Hanse der Knltnsgemeinde wurde sein Bild in der Reihe derer anfgenommen, die man ob ihrer Verdienste um die Gemeinde ehren wollte. Wenn der Verblichene schon seit Jahren nicht mehr seines Amtes als k. k. Professor, als Neligionslehrer waltete, nahm er doch an allen Fragen seines Ressorts lebhaften Anteil. Dr. Langfelder hinterläßt seinen von ihm sehr geliebten Kindern einen gesegneten Namen, der seinen Klang behalten wird, solange wir, seine Frennde, seine Schüler leben. Friede seiner A.sche, Ehre seinem Andenken! "Mautner. Der jüdische Deren» „Gttcheit". (Aus Anlaß seines zehnjährigen B e ft au b eg.) Im Dezember 1905 reichte Privatschuldirektor Doktor Salomon K'renberger in seinem Namen und in dem der Herren Samuel Messels und Seide Komet bei' der k. k. niederösterreichischen Statthalterei Statuten für den „jüdischen Nationalverein Einheit" ein, die am 11.Januar 1906 von dieser Zentralbehörde zur Kenntnis genomenn wurden. Der neue Verein hatte einen dreifachen Zweck ausgestellt, indem er zu allen Fragen der Politik Stellung nehmen wollte, indem er die Kenntnis über das Jndentnm und das Interesse für alle das Judentum betreffenden kulturellen, nationalen und sozialen Angelegenheiten erwecken sollte, und indem er im Einklang mit den bestehenden staatlichen Gesetzen die Emigration der jüdischen Volksgenossen einheitlich zu regeln und zu leiten beabsichtigte. Vor allem suchten diese Männer mit dem neuen Vereine für die gerade in dem Gründungsjahre zahlreichen Auswanderer aus Rußland, Rumänien und Galizien zu sorgen und ihnen insbesondere Nahrung und Wohnung zu bieten. Herr Komet regte daher im Schoße der „Einheit" die Ausspeisung der Zugereisten, aber auch die aller Armen und Unbennttelten um ein geringes Entgelt an. Er verwirklichte auch sofort diese Absicht, indem er mit eigenen Mitteln ein Lokal mietete und darin durch ein Ehepaar, welches die Bewilligung zu Ansspeisungen hatte, eine Speisehalle eröffnete. Zugleich wurde der Vorstand der „Einheit" erweitert und die Ausspeisung als vorläufiger Hauptzweck angesehen. Zu deu neu eingetretenen Vorstandsmitgliedern gehörte Herr Wolf P a p p e n h e i m, der langjährige Schriftführer des Vereines „Adas Jisroel" (Schiffichnl). Durch ihn und seinen Freund, den Sekretär de§ „Oesterreichisch-israelitischen Gemeindebundes", den Schriftsteller Jakob Krauß, wurde der Eintritt zweier Persönlichkeiten in den Verein veranlaßt, die ihn fest im jüdischen Boden* Wiens verankerten und ihm Namen und Farbe gaben. Wir meinen deil ehrwürdigen Rabbiner der „Schiffschnl". Herrn Sigmund Fürst, und den jetzigen Obmann des Vereines, Herrn Bernhard H o fbauer. Ersterer ist der Schützer der „Einheit^, letzterer ist sein Vertreter, Wahrer und Erhalter.

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