Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 16 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16. Die Wahrheit Seite 5. Ich komme zu der in Nede stehenden Frage. Diese kantet nicht: Soll sich der Religionsunterricht in Gesangs- Übungen erschöpfen? Reicht nicht die Einführung in den synagogalen Gesang für den Schulzweck aus? Keineswegs. Weder „der Laie", noch der Lehrer, dessen „Methode" kein Gegenstand der Kritik, haben dies in Absicht. Auch ist dieses Bertraulmacheu mit dem Machsor, wie der Initiator sich selbst äußert, dnrchans kein chiddusch, es war schon 12 bis 1b Jahre her das Bestreben, von „TefÜlath. haneorimtt, die Jugend in das liturgische System, das ihn agogale Leben einzuführen. Jetzt soll es auch durch die Schule und systematischer geschehen. Sondern die Frage steht so: Ist nicht eine intensivere Betreibung des liturgischen Gesanges, eine direkte Befassung mit dem Machsor geeignet, die oben gekennzeichneten Ziele besser zu erreichen? Ist hiedurch nicht eine regere Anteilnahme zu erzielen? Der erziehliche Einfluß der Musik steht fest und von mir ans müßte jeder Religionslehrer musikalische Vorbildung besitzen, Kantor und Lehrer ergänzen sich und falsch ist es, in verblendetem Stolze dieses formale Moment mitleidig zu belächeln. Und gibt nicht das Machsor Handhabe geirng zur ethischen Ausbildung; siehe: Dessaus toukefft — Schicksal; „Odom ech jiskeh“ — Vergänglichkeit; Maase eloukeim“ — Natur und Welt; ^nsebe emuno“ — Geschichtliche Aufrollnng nsw. Kann sich mit dieser musischen Richtung das öde, für Lehrer und Schüler gleich martervolle Herleiern der Gebete, die Leseübnng auch nur annähernd in eine Parallele setzen? Was die Lesefertigkeit anbelangt, so rufe ich R. L. und H. Levy, sowie jeden alifrichtigeu Lehrer ztl Zeugen ans; Hisclibaati esschem, benoth Jeruscbalajim, ob die Schule darin etwas Erhebliches zu leisten vermag, „so es dem Hause liicht gefällt", und ebenso verhält es sich' mit dem Uebersetzen; 1e gen ne vant pas la chandelle, allerdings verbessert die ergänzende „Bibelschule" den vorhandenen Mangel. So du mich jedoch fragst: Kann die vorgeschlagene Betonung des liturgischen Moments mehr erzielen? antworte ich: „Die Begeisterung versetzt Berge". So du mich fragst: „Wo nehmen wir die Zeit her?" antworte ich: Die Begeisterung versetzt Berge". Vor der Schlacht von Crecy ließ der englische König jedem Krieger reichlich Fleisch und Wein verabreichen mit dem Ausspruch: „Ein satter Engländer schlägt drei hungrige Franzosen." So hier. Mit einer angeeiferten, begeisterten Schülerzahl lassen sich ungeahnte Erfolge erzielen. Wenn aber R. L. bemerkt, es sei wichtiger, nölig, daß die Teilnehmer am Gottesdienste das Gebet verstehen, da erfahrnngsgemäß der würdig zelebrierte Tempelgesang auch auf den Unkundigen erhebend wirkt, so ist dem nicht so ohneweiters beizupflichten, bedarf vielmehr der Beleuchtung. Richtig ist, das Gebet soll verstanden werden, da müßten nun alle Andachtsstücke in den Schnleu übersetzt „gelernt" werden. Ist das möglich? Wir müssen uns also teils mit Einlesen guter Uebersetzungen, mit Einüben der Hanprstücke, Responsorien. begnügen. Was die Teilnahme am Gottesdienste anlangt, ist mir mit dem Zelebrieren nicht gedient; wir kranken auch daran, daß wir bloß „anhören", daß Kantor und Chor uns „vortragen" und uns die Staustenrölle,zugewiesen ist. Nein, die Gemeinde soll beten, soll singen und meinetwegen, wenn es nicht anders ginge, ganz in alter Weise, wo jeder sein .Leid zu Gott emporschrie. Selbsttätigkeit ist ja mit Recht jetzt Trumpf geworden, so seis auch hier. Anders klingts zu Ne'ila, wenn der Chor nicht mitwirkt, die Gemeinde selbst betet es mit dem kunstvollsten „Vortrage". Und dies wollen wir; wir wollen die Jugend befähigen, selbst, kundig und bewußt im Gottesdienste mitznwirken. Und was sie hiedurch gewinnen, ist ein Gewinn fürs Leben, eine Erinnerung, die immer wieder auftanchen wird und den Mann, die Frau mit sicheren Banden festhalten wird und vieles nach sich zieht. Lassen Sie m ich nun resümieren: 1. Der „neue" Unterrichtszweig ist nicht neu; er wurde schon bisher von manchem Lehrer neugepflegt, ebenso wie in den Schulen der Kirchengesang geübt wird und, wie ich höre, jetzt auch intensiver gepflegt werden soll; das Nene ist nur die systematische, vertiefte Durchführung. — 2. Diese Disziplin hat nicht den ganzen Religionsunterricht zu absorbieren, sondern läßt den anderen Raum und Zeit. 3. Ich weiß nicht, ob hierin schon das Arkanum liegt, jedenfalls ist die Sache des Versuches wert, des Versuches, nicht bloß durch den „Erfinder.", auch durch andere nud anderwärts, jedoch von wohlmeinenden und kundigen Lehrern. Dieser Versuch soll jedoch nicht a u f d i e lan ge Ba n k ges choben, sondern schon in nächster Schule gemacht werden, damrt die Erfahrung für oder gegen die Sache sich zeige. 4. Jedenfalls, das sagt mir meine Erfahrung, würde dieser Zweig, richtig behandelt, belebend und fördernd auf den Gesamtirnterricht, anf die ethische Ausbildung einwirken, das Interesse der Jugend erhöhen. 5. Wenn von einer Seite die Hoffnung ausgesprochen wird, die Sache werde im Sande verlaufen, so wollen wir dagegen hoffen, daß maßgebenderseits der Angelegenheit die entsprechende Würdigung zuteil werde, nicht weil, sondern obwohl sie neu scheint. Mit bloßer Absprechnng. mit übel angebrachten Witzeleien, persönlichen Anspielungen darf man uns da nicht kommen. Es gilt ein redliches Bemühen. 6. Es wird an der Hand dieser Angelegenheit sich zeigen, ob nicht die Religionsstunden in den unteren Klassen um eine vermehrt werden können, wenn nicht anders so fakultativ. oder ob nicht zwischen Pflicht- Lese- und Bibelschnle eine gewisse Brücke zu schlagen sein wird. Anf dem Gebiete des Unterrichtes gilt auch: Stehenbleiben ist Rückschritt. Indem ich der geehrten Redaktion für die Ranmgebnng danke, bin ich mir wohl bewußt, die Sache nicht nach allen Seiten erschöpfend behandelt zu haben, das konnte ich nicht ans Mangel an Zeit und ich wollte auch nicht; es sollen auch andere reden. Singe, wem Gesang gegeben, doch darf ich'bitten — sine ira et stndio. Direktor Mautner. Zur wirtschaftlichen Hetnlng der Inden Galiziens. Der Galizifche Hilfsverein, der, um die wirtschaftliche Lage der Inden in Galizien zu heben, seil seinem Bestände (1901) verschiedene Hausindustrien, wie Haarnetzerei, Klöppelei. Häckelei, Filetarbeiten, Weißstickerei nsw. einführk, hat eine Aktion in Angriff genommen, die geeignet erscheint, einer großen Anzahl jüdischer Familien in Galizien ein Nebeneinkommen zu verschaffen, ohne daß dabei die Betätigung im Hauptberufe irgendwie Abbruch erleidet. Es handelt sich darum, die Inden Galiziens, insoweit es ihre Wohnverhältnisse gestatten, zur Haltung von Geflügel anznleiten, um in erster Reihe Eier zu produzieren. Bor Ausbruch des Krieges hatte Galizien eine so große Produktion an Geflügel und Eiern, daß es in der Lage war, beträchtliche Mengen zu exportieren iind. wiewohl die Qualität manches zn wünschen übrig ließ, daraus ein großes Einkommen zu erzielen. Der Krieg hat aber den Geflügelbestand Galiziens stark herabgemindert rind damit breiten Raum sür eine intensive Betätigung anf diesem Gebiete geschaffen. Dadurch bietet sich eine erwünschte Gelegenheit, deu Juden Galiziens eine neue Erwerbsquelle zn eröffnen, die sie als Zweig der Landwirtschaft der Natur näher bringe» und umso reichlicher fließen wird, wenn durch Züchtung reichlich Eier legender Hühner zugleich die Qualität und Qtlantität verbessert wird