Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 16 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 16. Kitingischer Gesang im Religionsnnterricht. Sehr geehrte Redaktion! Es sei mir gestattet, zu der in Ihrem geschätzten Blatte, sowie auch in der „Freien jnd. Lehrerstimme" und anderwärts in Flnß gebrachten Frage der sogenannten neuen Antel richlsmethode ein ruhiges Wort zn äußern. Ich betone ruhig-vorurteilslos, denn dies tut uns allen not, die wir nach der Wahrheit, nach dem richtigen Weg suchen. Lassen Sie mich vorerst eine Lanze — für „den Laien" einlegen, nicht so sehr für die Person — die bedarf ihrer nicht l— als für „die Sache", das Laientum. War es nicht das Laientum, das vom Anfang an das Jndenmm von der sogenannten Verpfaffnug, vor einseitiger Richtung, vor einer Kaste bewahrte? Hat nicht das Laientnm, das durch sein reges Interesse das religiöse Leben befruchtet, das Gemeindewefen in stetem Flusse erhalten? Waren und sind nicht eigentlich noch die Rabbiner — Laien, die sich dem „Lernen" ergeben? Man sehe daher nicht geringschätzig ans den Laien Herab und wenn er in seinem Enthusiasmus etwas zn weit geht, so ist mir dieser immer noch erwünschter als die landesübliche Gleichgültigkeit. „Ich wollte, das ganze Volk Gottes wäre Propheten!" — Keineswegs will ich mit dieser Bemerkung Ihrem Referenten R. L. eines am Zeuge flicken, ebensowenig Herrn Levy der „Fr. j. Lehrerst.", die beide der Frage in entsprechend ernster Weise nähergetreten. Zur Sache nun! Der Unterricht hat eine formale und eine materielle Aufgabe. Die erstere faßt beim Religionsunterrichte in sich, der Jugend Interesse abzugewinnen, sie für das Judentum, sein Wesen, sein Ziel zn begeistern, für das Gemeinde-, für das synagogale Leben vorznbereiten. Zur Erreichung dieses Zieles muß jede Gelegenheil ergriffen werden. Nicht, was die' Kinder in den knappen Stunden erlernen, ist mir die Hauptsache — wiewohl dies^natürlich nicht zu vernachlässigen— sondern, daß ihnen ein Ferment mitgegebeu werde, das in ihnen weit über die Schulzeit nachwirkt, sie zum Nachdenken, zur Weiterbildung aneifert und so das Schulleben in das Leben überführt. „Nicht der Schule, sondern dem Leben lernen." Vom Lehrer müssen die Funken aussprühen, die ein nachhaltiges Feuer in den Herzen der Jugend entzünden, und der richtige Lehrer wird bald eine historische Darstellung, bald die Lehre eines Gebotes, bald den Vortrag eines Gebetes für seine Zwecke zu benützen wissen, wird den Unterricht stets lebendig zn erhalten bemüht sein. Es ist nicht leicht, viel Verständnis, hauptsächlich aber lauterer Eifer gehört dazu, das Richtige zn schaffen. Mit Recht sagt Herr Levy. daß alle Mittelchen nicht verfangen, „wenn es uns nicht möglich ist, Tag für Tag, Sabbat für Sabbat. mide "ckaudesck beckodsckau uiw. vor Gott hiuzutreten . . . Auch Herr R. Ä. äußert sich ähnlich, wenn auch reservierter: „Jene Schuljugend, welche keine religiöse Erziehung im Elternhanse genießt, kann durch die Schule allein ohnehin nicht zu eifrigen und überzeugten Juden erzogen werden." Nun aber sind die Tatsachen — wir mögen sie beklagen — einmal so, besonders in den größeren Städten. Hast und Drang des Lebens hindern viele daran, „mit ihren Kindern miete ckaudesck beckodsckau, mide sekabbat besekabbatau vor .Gott zu treten"; viele geben ihren Kindern die richtige religiöse Erziehung nicht. Also — sollen wir die Flinte ins Korn werfen? Nein, wir müssen, mit dem Tatsächlichen rechnend, ^soviel säen, als eben möglich, die ausgehende Saat nach Kräften betreuen und der Ernte gewärtig sein.