Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 15 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mi. 15. Die Wahrheit Seite 5. Erwerbslosen vor dem Hungertode bewahrte. Sietat dies in humanstem Geiste und der Erlaß, durch welchen sie auch alle untergeordneten Organe mit diesem Geiste zu erfüllen trachtete, wird ein dauerndes Ruhmesblatt in der Geschichte der österreichischen Verwaltung bilden. Aber darüber hinaus blieb der jndischan Wohltätigkeit fast alles zu tun übrig. In tiefster Dankbarkeit sei hier der außerordentlichen Leistungen gedacht, welche,ans diesem Gebiete die „Jsralitische Allianz" zu Wien durch ihre wahrhaft großzügige Hilfsorganisation vollbrachte. Aber auch sämtliche Knltusgemeinden Westösterreichs haben sich der Flüchtlinge oft weit über ihre Kräfte in der liebevollsten und aufopferndsten Weise angenommen und es ist uns ein Herzensbedürfnis, ihnen hiefür öffentlich Dank zu sagen. Obwohl die F l ü ch t l i n g s f ü r s o r g e nicht eigentlich in den Wirkungsbereich der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" gehörte, hat nufere Vereinigung doch ans dkm Titel des Rechtsschutzes mannigfach in dieselbe eintreten müssen. Es kamen im Anfänge sowohl ans dem Barackenlager al» auch ans einzelnen Orten zahlreiche Beschwerden über harte Behandlung der Flüchtlinge durch einzelne subalterne Organe, über Verletzung der religiösen Empsindungen, über mangelnde Rücksichtnahme auf Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten sozial und geistig höher stehender Elemente und über Gehässigkeiten, denen die Flüchtlinge in einigen wenigen Ortschaften seitens der einheimischen Bevölkerung ansgesetzt waren. Im allgemeinen muß anerkannt werden, daß anch die christliche Bävölkernug den ihr so wesensfremden Heimatlosen mitleidsvoll und duldsam entgegenkam. Dort, wo Grund zur Klage vorhanden war, haben wir uns bemüht, rasche Abhilfe zn schaffen. Obwohl unmittelbar nach Ansbruch des Krieges von allen politischen Parteien offiziell der innere Burgfrieden proklamiert und die Presse unter strenge Zensur gestellt wurde, versuchten einzelne antisemitische Zeitungen deutschnationaler und christlich-sozialer Konleur dennoch, die gewohnte Jndenhetze weiter zu betreiben, die Vergehungen einzelner gewissenloser Juden gegen daS Strafgesetz, die wir selbst auf das Tiefste bedauern und auf das Schärfste verurteilen, zn verallgemeinern und namentlich die galizischen Inden im Widerspruche mit den offenkundigen Tatsachen, des Mangels an Patriotismus,. ja sogar des Verrates zu beschuldigen. Auch heute noch 'entgehen solche offene oderversteckte Verleumdungen, welche insbesondere die „Reichspost" und gewisse polnische Blätter immer wieder durchzuschmuggeln trachten, der Aufmerksamkeit der sonst und namentlich gegen jüdische Preßorgane strenge gehandhabteu Zensur, und wir sind immer von neuem genötigt, gegen derartige schandbare und den inneren Frieden gefährdende Veröffentlichungen einzttschreiten." Nach Hinweis auf die markantesten Fälle, ans welchen 'ersichtlich ist. daß. die antisemitische Presse auch in dieser schweren Kriegszeit ihre verleumderische Agitation fortsetzt nnd stetig den Burgfrieden bricht, erwähnt der Bericht die wichtigsten Aklionen des Rechtsschutzbnreans gegen Judenhetzen in Amt und Schule, zur Bekämpfung der Ritualmordlüge. die Interventionen für Familien eingerückter Reservisten und für Flüchtlingsfamilien und schließt dann mit folgenden Worten: „Geehrte Generalversammlung! Aus den Schlachtfeldern des Weltkrieges wird nicht nur um. die künftige Neuordnung Europas gewürfelt. Auch das jüdische Problem ist in diesem gewaltigen Völkerringen in seinem vollen Umfange anfgerollt worden. Wenn nach den Worten des deutschen Kanzlers Oesterreich-Ungarn und Deutschland gemeinsam darangehen, die polnische Frage zu lösen, wenn wirklich Polen, Balten, Litauer und Letten nicht mehr unter das russische Joch znrückkehren solleil, dann hat auch für einen großen Teil unserer östlichen Glanbensbrüder die 'Stunde der Befreiung von unsäglicher Verfolgung nnd Bedrückung geschlageii und die Anerkennung der bürgerlichen Gleichberechtignng der Juden in Polen und Litauen wird auch nicht ohne günstige Rückwirkitng auf das Schicksal unserer nach dem Kriege unter russischer Herrschaft verbleibenden Glaubensbrüder bleiben kbnnen. Die Erkenntnis von der weltgeschichtlichen Bedentnng dieses Momentes hat nach einer Reihe von Vorbesprechungen, an denen unser Vizepräsident Dr. Pollack v. Parnau mitwirkte. dazu gerührt, daß sich auf Anregung des Freiherrn Louis v. Rothschild ein „Oesterreichisches Zentralkomitee zur Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung im östlichen Kriegsgebiete" gebildet har, dem die Herren Dr. Philipp Ritter v. Gomperz als Präsident. Reichsratsabgeordneler Camill Kuranda als Vizepräsident, ferner die Herren kaiserl. Rat Wilhelm Anniuger. Richard Bettelheim, Prof. Doktor Ehrmann, Bergrat Max Ritter v. Gutmann. Direktor Dr. Paul Hammerschlag, Dr. Fel x Katzau, Dr. Friedrich Kaufmann ui Prag, Johann Kremenetzky, Moriz Edler v. Knffner, Dr. Arthur Kuranda, Direktor Wilhelm Kux, Jonas Löw-Beer in Brünn, Dr. Bruno Pollack Edler von Parnätt, Dr. Arnold Rosenbacher m Prag, Herrenhaus- Mitglied Dr. Josef Schey Freiherr v. Koromla, Gemeinderat Dr.' Rudolf Schwarz-Hiller. Dr. Theodor Sonnenschein in Troppan, Generalrat Dr. Sigismund Freiherr v. Springer, Dr. Alfred Stern. Ingenieur Robert Stricker, Dr. Bela Taussig und Direktor Alexander Weiner angehören. Wir haben die Bildung dieses Zentralkomitees, welches alle Richtnngell der österreichischen Jndenschafl umfaßt und weiches sich die Sicherung der Gleichberechtignng und die kulturelle Hebung der östlichen Juden zur Äilsgabe gesetzt hat, mir herzlicher Freude begrüßt. Durch eine Vereinbarung mit der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" wurden dem Zentralkomitee für die Dauer eines Jahres alle jene Rechtsschutzangelegenheiten aus Galizien, welche grundsützlicheu lind allgemein politischen Charakter tragen, zur Behandlung überlassen. während alle Einzetbeschwerden nach tvie vor durch das Rechtsschutzbnreau der „Union" erledigt werden. Der Sekretär der „Union" wurde auch znm Sekretär des Zentralkomitees bestellt nnd der Sitz desselben in die Bnreauränme der „Union" verlegt. Als ein großer und weiltragender Erfolg des Zentralkomitees darf es verzeichnet werden, daß das Armee-Oberkommando als oberste Behörde für.die Verwaltung des polnischen Okkupationsgebietes sich bereit erklärte, in allen kulturellen und religiösen Angelegenheiten der dortigen jüdischen Bevölkerung die konsultative Mitwirkung deS Komitees in Anspruch zu nehmen, daß für diese Angelegenheiten die Bestellung eines jüdischen Referenten am Sitze des Generalgouvernements zugesichert wurde und daß auch die Behandlung der galizischen Jndenschafl durch einzelne amtliche Qrgane bereits eine Aenderung in günstigem Sinne erfahren hat. Die wichtigste und schwierigste Aufgabe wird das Zentralkomitee allerdings während den Friedensverhandlungen zu lösen haben, bei denen es im Einvernehmen mit anderen gleichartigen Organisationen des Deutschen Reiches die Aufnahme solcher Bestimmungen in den Friedensvertrag anstreben muß, durch welche nicht nur die Gleichberechtignng der Juden in Polen dauernd gewährleistet, sondern anch die Aufhebung der Altsnahmsgesetze in Rußland erreicht wird. Auf diese Aufgabe hat auch unser Ehrenpräsident, Herr Sigmund Mähe ly in einem beachtenswerten Memoranchlm hiugewiesen. Indem wir die Arbeiten des Zentralkomitees mit werktätiger Liebe begleiten, wird die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" anch weiterhin in Oesterreich mit aller Energie ihre politischen Ziele verfolgen, welche in der Bekämpfung des Antisemitismns und in der vollen Verwirklichung der Gleichberechtigung für die österreichischen Indem bestehen. Daß auch nach dieser Richtung unausgesetzte und scharfe Wachsamkeit notwendig ist, lehrt eine Erklärung des deutschen Nationalverbandes, daß die Lösung der Ostjudenfrage auch mit Berücksichtigung der Interessen der westösterreichischeu Jnde^schast erfolgen müsse. Wir haben begründete Ursache, der Fürsorge der Chrisilichsozialeu und Deutschnationaleu für die westösterreichischen Juden mit einigem Mißtrauen zu