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Die Wahrheit · 1916-05-12 · Heft 15 (12.5.1916) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 15 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 15. Es ist ferner falsch, wenn der Herr Referent die Befähigung zur verständigen, aktiven Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste als ausreichendes Ziel des Religwnsunterrichtes ausetzl. Er -korrigiert sich übrigens felbst und durchbohrt seinen vorgeschlageneu Lehrplan mit den Worten: „Unberührt hievon bleibt der Lehrplan in Bezug auf den Urtext des Pentateuch aufrecht." Herr Brod fühlt also selbst, daß man auf die nicht gerade wenigen Gebote und Gesetze der Bibel im Urtexte nicht verzichten kann und darf. Wie Herr Brod selbst anführt, sind auch gegenwärtig schon Uebersetznngen aus den hebräischen Gebeten vorgeschrieben und es dürfte nicht ohne Widerspruch bleiben, wenn er dieses Wissen als »für deu Gottesdienst vollkommen zwecklos" erachtet. Andere nud gewiß auch beachtenswerte Meinungen werden vielmehr dahin gehen, daß, der liturgische Gesangsunterricht unnötig sei, weil erfahrungsgemäß der Tempelgesang. wenn er würdig zelebriert wird, auch auf die musikalisch unkundigen Teilnehmer des Gottesdienstes erhebend wirkt. Wohl aber ist es nötig, daß die Teilnehmer am Gottesdienste v e r st e h e n, was sie beten. Wenn jedoch ein Laie — Herr Kultusvorsteher Brod möge es nicht falsch deuten, wenn ich ihm, trotz seines reichen jüdischen Wissens dieses Attribut beilege — im Urteile über zweckmäßige Lehrpläne und Lehrmethoden für den Religionsnnierricht sich irrt, dann ist er zu entschuldigen, sofern sein Streben gut gemeint war, was soll man aber zu einem berühmten Rabbiner sagen, wenn er auch in ein solch unrichtiges Urteil hineinfällt? Herr Rabbiner Doktor Ziegler brach in einem Artikel in der „Oesterreichischeu Wochenschrift" für die Reformanträge Herrn Brods bereits eine Lanze ntid meinte, was die Familienerziehung nicht leistet, ..das kann(?) und muß die Schule tun". Nein, Herr Rabbiner, wenn die Familienerziehung versagt, dann ist die beste Schule ohnmächtig und wenn die Eltern die. Schularbeit mißachten und.geringschätzen, dann werdet! die Kinder in der Regel nicht das Gegenteil tun. Es nützt nichts, der Lehrerschaft Unmögllches znzumuten und sie zu verdammen, wenn sie keine Wunder wirken kann. Herr Rabbiner Dr. Ziegler geht sogar noch weiter und verlangt, die Ausdehnung dieser „neuen Lehrmethode" .auf ganz Oesterreich und eventuell, wenn der Religionslehrer nicht auch musikalisch ist, die Mitwirkung des Kantors beim Religionsunterrichte. Er hält die Reformvorschlüge deS Herrn Brod für ein Ei des Kolumbus. Nein, Herr Rabbiner, das ist es nicht, sondern ein faul es Ei und lassen Sie sich nicht davon abhalten, dasselbe gewaltsam auf den Tisch zu schlagen, damit es stehe. Es könnte dabei auch explodieren und dies wäre dann für alle an dem Versuche Beteiligten verdrießlich. Die Lehrerschaft des Wiener israelitischen Religionsunterrichtes sieht dem weiteren Verlaufe dieser Schulreform mit Spannung entgegen und hofft, daß sie, ohne Unheil anzurichten, wieder in den Sand verlaufen werde. Es gibt »och, andere Methoden, den Erfolg des israelitischen Religionsunterrichtes' zu heben. Man könnte die russische Methode des hebräischen Unterrichtes versuchen, man könnte den biblischen Geschichtsunterricht durch Vorführung von Lichtbildern unterstützen, man könnte durch Elternabende mit de» Kindeselteru in näheret! Verkehr treten, freilich kosten aber solche Methoden auch Geld. Ist es aber wirklich wahr, wie so oft behauptet wird, daß es unter der Lehrerschaft auch viele ungeeignete Personen gibt, dann liegt die Remedur bei denjenigen, die auf die Berufungen Einfluß nehmen. Wenn bei Bestellung von Religionslehrern alle persönlichen Einflüsse ausgeschaltet und nur tüchtiges Fachwissen und pädagogische Qualifikation ausschlaggebend sein werden, dann wird es bald wieder besser werden. R. L. „Gesterreichisch - Israelitische Union." Am 29. April fand im Saale des „Hotel Gnth" die 30. ordentliche Generalversammlung der Oesterreichisch-Jsraelitische Union" statt, an welcher n. a. die Herren Kultnsvorsteher S.' Brod. Hofral Dr. L ö w u e r. Heinrich M e n d l und Dr. S. S a m u e l y teilnahmen. Vizepräsident Dr. Ornstein begrüßte die Versammlung mit herzlichen Worten und gab dem Bedauern Ausdruck, daß.Herr Präsident kais. Rat Wilhelm Anuinger infolge seines Gesundheitszustandes nicht in der Lage sei die Versammlung zu leiten. Der Vorsitzende motivierte -sodann den Ausfall der vorjährigen Generalversammlung mit der nervösen Spannung, welche die damalige Kriegslage in der gesamten Bevölkerung erregt hatte nud gab der innigen Freude darüber Ansdruck, daß nunmehr die tapferen Oesterreich-Ungarn im Vereine mit ihren Bundesgenossen auf allen Fronten den Sieg an ihre Fahne geheftet haben. Wir dürfen heute die bestimmte Zuversicht hegen, daß dieser Sieg ein dauernder bleiben und zu einem ehrenvollen Frieden führen werde. Hierauf erstattete Sekretär Siegfried Fleischer den Rechenschaftsbericht, dem wir Folgendes entnehmen: „Geehrte Generalversammlung! In schicksalsschwerer Zeit erstatten wir heilte Bericht über eine zweijährige Tätigkertsperivde. Lassen Sie uns an die Spitze dieses Berichtes vor allem den Satz stellen, daß die jüdische Bevölkerung der Monarchie in diesem furchtbarsten und blutigsten aller Kriege voll nud ganz ihre patriotische Pflicht erfüllt har. Zm vollen Bewußtsein der ungeheuren Bedeutung des nns freventlich anfgezwungenen Kampfes für den Bestand und die Zukunft des Reiches haben unsere Söhne und Brüder, im weiteren Verlaufe auch die Gatten und Väter dem Ruse des Kaisers zu den Fahnen Folge geleistet und die zurückgebliebenen jüdischen Männer und Frauen in Werken der Nächstenliebe und Barmherzigkeit. in der Aufbringung der gewaltigen Kriegskosten und in der Erleichterung der Kriegslasten gewetteifert. Daß nufere Blutopfer nicht geringere sind als jene unserer andersgläubigen Mitbürger erweisen die amtlichen Verlustlisten. Daß die jüdischen Soldaten an Heldenmut und Todesverachtung hinler ihren christlichen Kameraden nicht znrückstehen, bekunden nicht nur die Auszeichnungen, die sie sich vor.dem Feinde holten, sondern auch die öffentlichen Belobungen, welche zu wiederholten Malen von hohen und höchsten Stellen ihrer Tapferkeit gezollt wurden. In den Sammlungen des Roten Kreuzes, der Kriegsfürsorge, des Witwen- und Waisenfonds nnd aller anderen Hilfsaktionen für die Opfer des Krieges nehmen die Inden einen ihr prozentuelles Verhältnis zur Gesamtbevölkernng weitaus überragenden Platz ein. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" hat es als eine ihrer wichrigsten Aufgaben erachtet, über die Anteilnahme der Inden am Kriege mit Gilt nnd Blut vom Tage deS Kriegsausbruches an genaue Nachweise zu führen, um etwaigen späteren Anfeindungen und Verleumdungen, dre übrigens trotz dem sogenannten Burgfrieden sich auch schon in letzter Zeit hervorgewagt haben, mit der überzeugenden Kraft der Trtsachsn nnd Ziffern entgegentreten zu können. Diese Anteilnahme ist jedoch mit den bisherigen Anführungen nicht erschöpft. Der.soziale Sinn der Inden war von jeher stark entwickelt und er hat im Laufe der Kriegsereignisse eine schrbere Belastungsprobe glänzend bestandett. Als sich infolge der russischen Invasion eine ungeheuere Flimvelle jüdischer Flüchtlinge ans Galizien und der Bukowina nach Wien und Niederösterreich, nach Mähren und Böhmen ergoß, trafen an. die jüdische Gesellschaft Westösterreichs Pflichten werltätiger Nächstenliebe heran, - die in der Vergangenheit ohne Beiipiel sind. Gegenüber dem unermeßlichen Elend der Hnnderttansende, die von Hans und Herd vertrieben, oft nur das nackte Leben gerettet hatteu, tat die Regierung ihre Pflicht, indem sie die. Heimat- und

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