Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 15 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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B r o d hat in der Unterrichtskommission der Wiener israelitischen Knltusgemeinde ein Referat erstattet, in dem er, angeregt durch die außerordentlichen Erfolge des Wiener Reltgionslehrers Herrn Isidor Oehler, den Grundsatz anfstellt: »Der hebräische Unterricht an den Volks- und Bürgerschulen habe als ausschließliches Ziel seines Strebens die Befähigung zur verständigen aktiven Teilnahme am öffentlichen Gottesdienste zu setzen." Herr Brod erzählt, daß er dieses ideale Ziel schon im Schuljahre 1914/15 in_ der Genieindebibelschnle im XX. Bezirke, Othmargasse 46, wo Herr Oehler unterrichtet, vollständig erreicht sah und von diesem damals die Mitteilung erhalten habe, daß er in dieser Mädchenbibel s ch n l e nur Gebete behandle, die er auch singen lasse, und zwar nehme er mit den Schulmädchen der IV. und V. Volksschnlklasse die S a b b a t g e b e l e, mit den Schülerinnen der I.. Bürgerschnlklasse die Scho laus ch- R e g o l i m - G e b e t e, mit denen der H. Bürgerschnlklasse die Ro s ch - H a s ch o n o-, und mit der IH. Bürgerschnlklasse die I om- Kipp ur- Gebete durch. Herr Knllusvorsteher Brod berichtete weiter, er habe sich am 4. März 1916 in derselben B ibelsch nle wieder von den ausgezeichneten und unglaublichen Unterrichtsersolgen überzeugt und über seinen Antrag wurde unter glänzender Beteiligung des Wiener Kultusvorstandes und Wiener Schulmänner und Rabbiner in der Religionsschnle eine Prüfung von 50 Mädchen ans der angegebenen Bibelschule vorgenommen,, bei welcher »ganze Gebelgruppen oder einzelne Gebete vollständig nach dem Vorbilde des öffentlichen Gottesdienstes vorgetragen und a l l e dazugehörigen S y n a g o g e n g e s ä n g e in herzerhebender Weise von den Kindern gesnngen wurden'" Herr Brod beantragte schießlich entschieden »die Einführung dieser Lehrmethode (?) an den Volks- und Bürgerschulen." Wer an der Straße baut, muß ans Kritik gefaßt sein und der Religionsunterricht darst, ohne ausreichende Kritik . nicht neuen Versuchen und Aendernngen leichtherzig unterzogen werden! Vor allem muß es erlaubt sein, dre Vermutung anszi,sprechen, daß die Schulmädchen aus der Othmargasse in überwiegender Anzahl G a l i z i a u e c i n n e u waren oder solche Kinder, welche auch im El ternhans e religiöses Leben kennen lernten und von früher her hebräisches Wissen mitbrachlen. Diese Schanprüfnng allein vermag noch nicht erfahrene Schulmänner zu überzeugen und zu neuen Experimenten zu ermuntern und Herr Religionslehrer Oehler müßte auch anderswo, vielleicht im I. öder VIEL Bezirk beauftragt werden, diesen liturgischen Gesangsunterricht a n ch mit Knabe n durchzuführen, welche im Elternhause keine oder sehr wenig Gelegenheit haben, religiöses Familienleben kennen zu lernen. Ob sich solche Schulkinder ebenso für diesen gottesdienstlichen Religionsunterricht interessieren würden, wie dies die Mädchen in der Othmarschule taten, bleibt zweifelhaft. Herr Kultnsvorsteher Brod meint es gewiß ehrlich und wenn er nach seiner Versicherung »seit Jahren schon zum Nachdenken über eine einfachere, praktischere Lehrmethode veranlaßt wurde", gebührt ihm für ein solch löbliches Streben von allen aufrechten Juden die vollste Anerkennung. Er hat auch recht, wenn er auf die bereits langjährigen Klagen „ans jüdischen Kreisen" hinweist» welche gegen die israelitischen Religionslehrer erhoben wurden. Diese Lehrerschaft mußte leider lauge schon den Prügelknaben für schwere Fehler und Unterlassungen abgeben, welche die Wiener Knltusvertretung selbst seinerzeit beging, doch gibt es auch erfahrene und wissende Kultusmitglieder, welche die Lehrerschaft gegen solche ungerechte Vorwürfe in Schutz nehmen. Herr Brod gibt selbst zu, .daß die dem Religionsunterrichte zugemesfeue Zeit, zwei Wochenstunden. ..wovon die eine von dem Geschichtsunterricht in Anspruch genommen wird", karg sei und die Aufarbeitung des vorgeschriebenen hebräischen Lehrstoffes fast unmöglich erscheine. Und er weist selbst darauf hin, daß der hebräische Unterricht nach dem Vorbtlde moderner Sprachen einen acht- bis zehnstündigen Wochenunterricht benötigt; er irrt aber, wenn er glaubt, der- Status quo des gesetzlich festgelegteu zweistündigen Religionsunterrichtes per Woche sei ein Faktor, »mit dem unbedingt gerechnet werden muß". Wird der allerdings nicht obligatorische Unterricht in den Bibelschulen mit dem obligatorischen Religionsunterrichte in organische Verbindung gebracht, so siud bereits vier Wochenstunden erzielt und jene Schuljugend, welche keine religiöse Erziehung im Elternhause genießt und deshalb auch die Bibelschule nicht benützt, kann durch die Schule allein ohnehin nicht zu eifrigen und überzeugten Jude» erzogen werden. .