Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 14 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die äöuörfceit ftr 14. Herr Dr. I. S. Bloch, Adolf Hosbaner. Entschuldigt: Frau Jda Figdor, Frau Julie Zerner; die Herren: kaiserl. Rat Alfred Sachs, Professor Dr. Wilhelm Roth, Dr. M. Schnepp, E. Trost. Der Vorsitzende. Herr H e i n r i ch Mendt, eröffnet die Versammlung mit der Begrüßung der Erschienenen und widmet hierauf dem im Vorjahre Heimgegangenen Präsidenten . der Zentralstelle. Dr, Gustav K o h n, folgenden Nachruf: ^Seit unserem letzten Beisammensein hat die Zentralstelle durch das Hiuschetden des Herrn Dr. Gustav Kohn einen schweren Verlust erlitten. Trotz vielseitiger Inanspruchnahme hatte derselbe seinerzeit das Präsidium der Zeusralstelle übernommen und seinen erstaunlichen Fleiß, seine stets rege Arbeitskraft und Arbeitslust — Eigenschaften, die ihn so sehr auszeichueten — in den Dienst unserer Institution gestellt. Er war nicht nur ein Ehren-, sondern insbesondere ein Arbeilspräsident, der sich um alle wichtigen Angelegenheiten kümmerte. Ruhig und überlegen hat er jede Ansicht, jede Ueberzeugnng geachtet und nie ist es vorgekommen, daß er jemandem in schroffer Weise entgegengetreten wäre. Ein gütiges, liebenswürdiges Wort Hane er auch für den, dessen Meinung er direkt zurückwies. Bei aller Schärfe des Verstandes, über die er in so hohem Grade verfügte, hat Herz und Gemüt jederzeit einen großen Einfluß auf alle seine Entscheidungen geübt. Das war bedingt durch die Liebe zu den Menschen, welche den Dahingeschiedeuen so sehr erfüllte. Ein Mensch, voll und ganz, ein Schätzer der Menschheit, ein Träger des Hnmanitätsgedankens, wie sie in unserer so kalten, auf Berechnung und Vernunft beruhenden Zeitepoche kaum wieder zu finden sind, ein Mensch in des Wortes edelster Bedeutung ist es, den wir betrauern und dem wir ein dauerndes, treues Gedenken bewahren wollen." Weiters gedenkt der Vorsitzende der verstorbenen Mitglieder: Dr5 Anselm Halpern, Dr. James Klang, Ignaz Klein, Salamou Stein u., Frau Josefine Lieben. Nach Verlesung und Verifizierung des Protokolles der letzten Generalversammlung erstattet Sekretär Dr. M. Löwy folgenden Tätigkeitsbericht: „Geehrte Delegiertenversammlung! Zwei Jahre von weltgeschichtlicher Bedeutung und schicksalschwerem Inhalt sind seit der letzten Delegiertenversammlung am 26. März 1914 verflossen. Im Frühjahr 1915, gerade zur Zeit, als die statutenmäßig festgesetzte alljährliche Tagung derselben hätte statlfindeu sollen, waren alle unsere Blicke nach der Ostgrenze nnseres Reiches gerichtet, wo unsere tapfere heldenmütige Armee im harten Kampfe mit dem Feinde stand und sich Ereignisse vorbereiteten, die zur dauernden Besetzung weiter Gebiete des Feindeslandes führten. Dieser Zeitpunkt allgemeiner Sorge und Erwartung, da das Fühlen und Denken aller Bevölkeruugsschichten des gesamten Vaterlandes sich dem gewaltigen Ringen ans dem Kriegsschauplätze zuwandte, hielt das Kuratorium der Zentralstelle für die Einberufung der Delegiertenversammlung nicht geeignet. Wohl stehen wir auch jetzt noch unter den Eindrücken des großen Völkerkampfes, aber aus den glänzenden Waffentaten unserer Truppen und der unserer Verbündeten schimmert bereits die Hoffnung auf eine für uns glückliche Beendigung desselben, und so können wir heute mit verminderter Sorge über die Geschehnisse der Vergangenheit und mit erhöhter Zuversicht in die Gestaltung der Zukunft darau schreireu. Ihnen über die zweijährige Tätigkeit der Zentralstelle Bericht zu erstatten. Geehrte Delegiertenversammlung! Die schweren Schädigungen, die der Krieg mit allen seinen Begleiterscheinungen in den Erwerbsverhältuissen weiter Kreise der Bevölkerung hervorrief, gleich zu Beginn des Krieges durch den völligen Stillstand vieler Erwerbszweige und weiters durch die stetigen Eiubernfüngen der Familienhäupter und erwerbender Familienmitglieder, haben sich selbstverständlich in einer bedeutend gesteigerten Inanspruchnahme der jüdischen Wohlfahrtsvereine und Wohlfahrtsinstitutionen geäußert und dadurch eine wesentlich erhöhte Tätigkeit der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen bedingt." Der Bericht konstatiert sodann die bedeutend erhöhte Zahl der E i nn n d Ansgänge, der Anfragen und erteilten Auskünfte, die Vermehrung des Katasters, der derzeit bereits 30.268 Katasterblätter umfaßt, die K i u d e r b e k l e i d u n g s- Aktionen in deu Jahren 1914 und 191.5, wobei im letzten Jahre durch Vermittlung der Zentralstelle und unter Mitwirkung hervorragender Wohltäter mehr als 600 Nachbekleidungen ermöglicht wurden, die überaus ersprießliche Tätigkeit des Knrverbandes. der im Jahre 1914 mehr als 200 Kurfälle mit Kurbeiträgen von L 30 bis 200 durchführte und auch im Jahre 1915 die allerdringeudsten Fälle bewältigte, lieber die Teilnahme der Zentralstelle au den Kr i egs a kkio n en wird mit folgenden Ausführungen berichtet: „Abgesehen von der bisher gezeichneten Tätigkeit der Zentralstelle, die sich auf den schon vor dem Kriege betretenen Richtungen bewegte, hat der Krieg die Zentralstelle auch vor neue Aufgaben gestellt. Als in den ersten Kriegswochen eine Zentralisation aller Ausspeisungen geplant wurde,, haben sich die Wiener jüdischen Ausspeisnngsvereine über Veranlassung der Zentralstelle dieser Aktion angeschlossen und bei den diesbezüglichen, unter der Leitung unseres Vorsitzenden Herrn Heinrich M e n d l stattgehabteil Beratungen wurde im Einvernehmen mit der betreffenden Abteilung des Wiener Magistrates ein Schema aufgestellt, nach welchen die Mitwirkung der jüdischen Ausspeisuugsvereine an der allgemeinen Ausspeisuugsaklion erfolgen sollte. Erfreulicherweise stellten sich die zu Beginn des Krieges gehegten-Befnrchtigungen nicht in ihrer 'ganzen Schwere ein und die geplante Aktion wurde nicht in ihrem vollen Umfange verwirklicht, aber die in den damaligen Beratungen gegebenen Anregungeu bildeten die Grundlage für eme äußerst ersprießliche Fürforgetätigkeit, - die einzelne Vereine noch bis auf den heutigen Tag ausführen. Großen Segen brachte die von unserem verewigte» Präsidenten Dr. Gustav Kohn angeregte Notstandsaktion der Wiener Kultusgemeinde, mit deren Durchführung die Zentralstelle betraut wurde. Es fei' mir übersichtlich konstatiert, daß an Aushilfen und Unterstützungen für notleidende Wiener Familien, für galizische Flüchtlinge, für Soldaten, für aus Feindesland zurückgekehrte Internierte usw. ein Betrag von über K 300.00Q verausgabt wurde und daß die Erhebungen über alle diese Fälle von der Zentralstelle bewältigt wurden, die damit sicherlich den Beweis erbrachte, daß sie auch in außergewöhnlichen Zeiten erhöhten Ansprüchen gerecht werden kann. Aber gerade die reichen Erfahrungen, die wir während des Krieges gesammelt und der tiefe Einblick, den wir in die Summe von Not und Elend gewonnen, Haben in uns die Ueberzeugnng befestigt, daß es nach dem Kriege des engsten Zusammenschlusses aller Kräfte bedürfen wird, um die Wunden, die der Krieg geschlagen hat, wieder zu heilen. Die zu diesem Zwecke augeregte Organisation wird der geehrten Delegierteuversammlnug in einem besonderen Referate vorgetrageu und wir geben uns der Hoffnung hin, daß sie bei Janen Förderung und bereitwillige Mitwirkung finden wird." Rach Erstattung des finanziellen Berichtes hält der Vorsitzende, Herr Heinrich Men dl, folgendes Referat über Organisation der Armenpflege. „Die schwere politische Erschütterung, die seit der letzten Delegiertenversammlung eingetrrten ist, hat eine Desorientierung, ein Abschwenkeu von der vorgezeichueten Richtung und ein Eiuschwenken in die Richtung der Kriegsfürsorge bei fast allen Institutionen zur Folge gehabt, wodurch für eine organisatorische Tätigkeit kein Platz blieb. Verschärft wurde diese Situation durch die Abwesenheit so vieler,- zu Kriegsdiensten Einberufener, und durch die Personalfragen im Präsidium, welches längere Zeit ganz verwaist' war. Vor kurzer Zeit bin ich von den Herren Kollegen im Kuratorium provisorisch mit der Führung der Geschäfte