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Die Wahrheit · 1916-04-21 · Heft 13 (21.4.1916) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 13 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 13 Die Wahrheit. Seite 7. In Charkow begann am 23. März auf der äußerst -belebten Sumistraße vor einigen Jndengeschäflen ein Stenerbeamter bei hellichtem Tage zu schreien, in diesen Laden hätten sich soeben drei Rabbiner begeben, einer hätte ein wie ein verschnürtes Kind anssehendes Paket getragen. Schon begannen sich die Pogromlente zusammeuzurottett als eine größere Zahl von Studenten in den Laden drang und dort neben dem jüdischen Besitzer und drei jungen Verkäuferinnen lediglich ein Dutzend christlicher Damen als Einkäuferinnen .vorfand. Die Studenten bemächtigten sich nun des lärmenden Beamten und schleppten ihn zur Polizei, wo sie seine Verhaftung verlangten. Doch erklärte der Polizeiches. der Beamte habe nur seinen patriotischen Sinn bekundet, stehe übrigens in den Diensten der politischen Polizei. Die neue Sommerzeit. Mit nachstehenden, überaus aktuellen Ausführungen illustriert der „Frankfurter Israelit" die Einflußnahme der „neuen Sommerzeit" auf das jüdisch-rituelle Leben: Nach einer durch die Presse laufenden Notiz soll im Interesse sparsamer Wirtschaft mit Belenchtungsmaterial vom 1. Mai ab in ganz Deutschland die sogenannte Sommer-Zeit eingeführt, d. h. es sollen alle Uhren an diesem Tage um eine Stunde vorgestellt und erst am 30. September wieder auf die alte Zest gebracht werden. Diese Maßnahme wird in das jüdische Leben ziemlich tief eingreisen. Während nämlich die ganze Lebenseinteilnng, Anfstehen und Schlafengehen, Schulbeginn und Bürostnnden, sich selbstverständlich nach der neuen Zeit abspielt, muß bei der Festsetzung der synagogalen Zeiten des'Sabbathbeginns und -Ansgangs, der Fasttagsdaner rc. die wirkliche sonnenzeit berechnet werden, sodaß sich recht beträchtliche Verschiebungen in den Lebensgewohnheiten ergeben werden. So wird z. B. der Gottesdienst am ersten Schwnaus- . abend etwa um em Viertel nach 9 Uhr, am zweiten Schwuansabend um halb 11 Uhr beginnen und die Festtagsmahlzeit des zweiten Schwuausabend wird mit dem Afikaumontermin nahe znsammenfallen. Das Anbeißen am 17. Tamus findet dank dem Schaltjahr verhältnismäßig früh schon vor halb 11 Uhr abends statt, am 9. Aw noch früher. Ein Trost ist aber, daß in der Nacht zum Fasten Gedaljah sämtliche Uhren wieder um eine Stunde zurückgerückt und. damit dieser erste Fasttag im kommenden neuen Jahre um eine volle Stunde verkürzt wird. Mode »md Krieg! Bon A. Wilkowitsch Ern Hilreruf aus dem Hinter lau de. Evchen war in Äkodesachen unerfahren; sie begnügte sich mit dem Feigenblatt, das Adam ihr brachte. . Dakam einst eine Dame zu Besuch — Frau Schlange stand ans der abgegebenen Bisitkarte — und klärte die junge Hausfrau dahin auf, daß das Feigenblatt nicht gerade das richtige Kostüm sei, um die Reize der Frau in den Augen des Mannes zu erhöhen . . . Das begriff Frau Eva nicht. „Mein Mann", versicherte sie, „liebt mich über alle Maßen! Ein Kostüm? Was ist das? Wozu soll es?" „Verzeihung, Frau Nachbarin! Es mangelt Ihnen an Erfahrung", wandte Frau Schlange ein. „Ich würde .Ihnen raten, vom Bäume der Erkenntnis zu verkosten; ich meine, Sie würden bald eines Besieren belehrt sein: Die Welt birgt in sich so viel der edelsten Stoffe und Schätze, daß ein Weibchen wie Sie, jung und schön — das soll kein leeres Kompliment sein! — sich so herznrichten vermöchte, -daß jeder Mann ihr bald zu Füßen liegen müßte! Sie noch viel, viel mehr lieben würde als bisher." „Aber, gute Frau Schlange", versetzte Eva naiv, „was ficht Sie an? Vom Banme der Erkenntnis zu genießen hat der Herr des Edens uns ans das strengste untersagt und ..." „Ach was!" fiel Frau Schlange ihr ins Wort, „verbotene Früchte schmecken am besten!" Ein Weib läßt sich gerne verführen. Aber bald kamen die Folgen: das Ehepärchen wurde aus dem herrlichen Paradiese verjagt und mit den schönen Tagen der ewigen Flitterwochen war es endgültig ans. Eva saß im Scharteu eines Kastanienbaumes und weinte: „Ich habe nichts anznziehen!" Adam klagte dem Herrn sein Leid; da fertigte der Herr zwei Lederkostüme an und uniformierte die ersten Menschen. Es kam der Winter, die Lederkleider wärmten sehr und wuiden von den Menschen als Wohltat empfunden, dann aber erglänzte die junge, unverbrauchte Sonne; es zog der Lenz ein. ihm folgte der Sommer. Evchen empfand das Lederkostüm als Last und — weinte: „Ich habe nichts anznziehen! Ich würde was Lichtes, Duftiges benötigen ..." Des öfteru klagte sie: „Ich habe nichts anznziehen! Lieber, teuerster Adam, verschaffe mir ein anständiges Kleid! Wie ich schon gehe! Es ist ein Skandal!" Seitdem hatten Millionen der verrücktesten Moden über die Welt despotisch geherricht, hatten oft und oft die Ehegatten und Väter zur Raserei gebracht, viele Männer ruiniert, viele Ehen zertrümmert, viel Glück vernichtet. Die Klage Evas: „Männchen, ich habe nichts anznziehen!" blieb der Franenwelt als nnheiliges Vermächtnis. Vom Kriege erhofften wir bezüglich der Fraueumode eine Beredlnng; wurde doch überall Einfachheit und Sparsamkeit gepredigt. Die Frau stellte sich auch wirklich freudig in den Dienst des Vaterlandes und von ihrer Opferwilligkeit dürfen wir tansetld Heldenlieder singen. Von der verrückten barbarischen Mode jedoch, die von uns soundsoviel Meter Stoff für breite Röcke unbarmherzig fordert, die nach hohen Stiefeln kategorisch verlangt — trotz des Stoff- und Ledermangels — läßt die Frau nicht. Und wehe, wenn man ihr nicht den Willen tut. Da läßt sie ihr schweres Geschütz auffahren: Weinkrämpse und Ohnmachtsanfälle und immer wieder den Klageruf: „Tyrann, ich habe nichts anznziehen!" Und sie wirken immer wieder, diese Kriegslisten der Frauen, die um jeden Preis „moderit" bleiben wollen. Und wenn die Welt voll Teufel wär! Gin jüdisches Kelhans am Ifouzs. Im Hamburger „Israel. Familienblatt" gibt Ludwig Magyar folgende packende Schilderung eines jüdischen Bethaufes an der Jsonzofront: Die ungarischen Soldaten haben auf dem Karst ein Lager gebaut. Viele Baracken, Häuser aus Stein und Holz nebeneinander, in welche sie ruhen gehen nach schweren Kämpfen. Sie haben sich ein ganzes Dorf erbaut, und iu dem Dorf ist alles vorhanden, was für das Leben des Soldaten notwendig ist: Kaffeehaus, Gasthaus, Kino, Bad, Rnhezrmmer, Offizierswohnungen, Selchereien, Bäckerladen. Magazine, Spitäler, Kraltkenzimmer — mit einem Worte alles. Wie ich durch dieses eigenartige, märchenhafte, neue Dorf geführt werde, während man mir seine Häuser, seine herrlichen Straßen und Gassen zeigt, bleibt mein Führer, ein Budapester Artilleriehauptmann, plötzlich stehen und spricht: „In jener Baracke ist die katholische Kirche . . . und dort neben ihr das jüdische BelhauS'" „Was ist daneben?" fragte ich. „Das j ü d s ch e B e t h a u s," antwortete der Artrüeriehauptmann.

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