Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 12 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063828-3063840--09982-3077279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Die Wahrheit Nr 12. und Sicherung einer Altersversorgung, sich gleichzeitig für Rabbiner und Kantor mit ihrem ganzen Einstich beim Vorstande der Kultusgemeinde einsetzen mögen. min und rrrö? welche die Grundpfeiler des Judentums bilden und speziell beim Gottesdienst einander nicht entbehren können, müsten auch in diesem Falle vereint bleiben und vereint behandelt werden. Gi« patriotischer Fasttag. Ein Marmaroszigeter Kaufmann erzählt, rvie das „Hamb. Zsr. Familienvl." mitteilt, folgende überaus interessante und charakteristische Episode aus den letzten Tagen, die dort den entscheidenden Siegen der verbündeten Armee in Russisch-Polen voransging: Wir Wichten in Marmarosziget schon seit Tagen, daß sich am nördlichen Kriegsschauplätze entscheidende Ereignisse vorbereiten. Große Truppen- und Mnuitionstransporte wurden bei unserer Bahnstation befördert. Neue Kanonen und viel anderes Kriegszeug wurden zu den Gebirgspässen geschleppt und die noch seit der ersten Invasion aufgeregte Bevölkerung sah mit gespannter Nervosität den bedeutungsvollen Ereignissen der kommenden Tage entgegen. Ganz besonders die Orthodoxen bewegten sich mit unruhiger Aufgeregtheit hin und her. Die ganze Zeit konnten wir die ernsten, bärtigen Kaftanjuden sehen, die ans den Straßen laut murmelnd beteten. Mittwoch nachmittag trat plötzlich ein Wettersturz ein. Von der nahen Gebirgskette herab strich ein schneidend eisiger Wind zu uns. Vom dunklen Firmament zuckten die Blitze. Zn dieser schauerlich grausigen Zeit wurden alle Läden geschlossen. Leichenstille lagerte über die Stadl, deren jüdische Bewohner alle in die Synagoge geeilt waren. Bei den Orthodoxen wurde ein feierlicher Gottesdienst angekündigt. Alle Chasanim standen vor der heiligen Lade und auch der „Rebbe", der sonst nur in den seltensten Fällen aus seinem Beshamidrasch zu kommen pstegte, war in der großen Schul. Er trat, umgeben von den Greisen, vor den Oraun hakaudesch und verkündete, daß man für den Sieg der ungarischen Waffen einen Fasttag abhalten müsse. Nach diesen Worten versammelten sich die Chassidim in den 22 Szygeter Bethänsern. Ganz wie am Jom-Kippur. Im Sargenes. mit weißer Kappe, im Tallis, ohne Schuhe standen sie vor Gott und beteten und weinten und fasteten. Die ganze Stadt war wie ausgestorben. Eine feierliche Ruhe lag auf ihr wie am Jom-Kippur, wo jeder Verkehr und alles Leben still steht. In diese fiirchterliche Grabesruhe hinein rollte der grimmig-himmlische Donner und brüllten die Kanonenrohre, die dir Erde erschütterten. In den Gotteshäusern flackerten die langen Jom-Kippurlichter und aus den Synagogen drang der verzweifelte Schrei gepeinigter Seelen, die in Zerknirschung vor Gott in vieltausendjähriger Väterweise beteten. ... Den ganzen Vormittag währte dex Sturm, indes nian in den Synagogen mit tiefster Andacht das große Gebet verrichtete. Die ganze Stadt wurde vom heiligen Eifer gepackt, und das große, die Seele tief durchdringende, eifrige Beten um den Sieg, die Befreiung beherrschte mit tiefer Macht alle. Vor dem Tempel stand eine große Menschenmenge, die daselbst das Ende des heiligen Fasttages abwartete. Gegen drei Uhr nachmittags kam der Sekretär des Odergespaus, Alexander Kricsfolus, zur Synagoge und suchte den „Rebben". Dieser stand eben vor dem Oraun hakaudesch, mit dort für die ganze Gemeinde die Widduj zu sagen. Sein Kopf war auf ein Sefer tauro gelehnt; die Gemeinde stand gebückt und murmelte unter Tränen das Sündeubekenntnis nach. Der Sekretär verständigte den „Rebben" vom großen Sieg, worauf dieser zu Boden fiel und minutenlang in tiefer Ergriffenheit betete. Dann stand er auf und winkte die Greise zu sich heran. Von diesen umgeben, verkündete er den Sieg. Die Chasanim stimmten Jnbelpsalmen an, und die ganze große Schul wlderhallte von Lobgesaug und Danklied. Die Schamossim zerstoben nach allen Windesrichtungen, um es den Betern aller zweiundzwanzig Synagogen zu künden, daß wir mit Gottes Hilfe siegten. Die Freude in diesen Kreisen war. unbeschreiblich. Inzwischen wurde der Himmel immer klarer. In wunderschöner Herrlichkeit strahlte der milde Mond. Der „Rebbe" ließ den jungen Rabbiner der Sfardimg,emeinde, Dr. Samuel Danzig, mit dem er selten verkehrte, wissen, daß er ihm begegnen wolle. Auf dem Haüptplatz trafen die zwei Rabbiner zusammen. Dort war die ganze Stadl versammelt. Unter freiem Hinrmel wurde ex tempore ein Dankgottesdienst absolviert. Dr. Danzig hielt eine zündende ungarische Rede. Die Leute weinten vor Freude. Erst später dachte mau daran, daß es Zeit zum Anbelßen sei. Das fromme Marmaroszigeter Volk — so schließt die Schilderung — ist festdavon überzeugt, daß der Sieg dem Fasten und Beten zu verdanken sei. Z. G. A. Das talmudrsche Handelsgesetz «der Preistreibereien nnd Hsrtzst preise von Rabbiner Prof. Stark, Prag. (Schluß.) IV. Warenpreis e. Wie >s Pflicht der Obrigkest ist, die Maße und Gewichte, welche im Handelsverkehr gebraucht werden dürfen, zu bestimmen und deren Nichtigkeit durch besondere Beamte überwachen zu lassen, so ist es auch ihre Pflicht, durch hiezu bestimmte Beamte darüber zu wachen, daß niemand lenerer als nach Marktpreis, oder da, wo sie den Verkaufspreis für verschiedentliche Ware» bestimmt, teuerer als es nach diesem zulässig ist, verkaufe. (Babo Bnthra 89). Bei Feststellung der Verkaufspreise habe im allgemeinen als Richtschnur zu dienen, daß Großhändler, welche große Quantitäten auf einmal verkaufet und nicht viel Mühe haben, höchstens um ein Sechstel mehr als die Ware sie selbst gekostet hat,' beim Verkauf nehmen dürfen, Kleinhändler aber können alle ihre Spesen und überdies noch einen entsprechenden Betrag für ihre Mühewaltung und ihrem Zeitaufwand zu dem Einkaufspreise zuschlagen und darüber hinaus ein Sechstel Gewinn nehmen. (B. Mezia 40, Ascheri zur Stelle.) Wer teuerer verkauft oder überhaupt bestrebt ist, die Preise in die Höhe zu treiben, indem er alle auf den Markt gebrachte Ware auskauft und sie liegen läßt und nicht weiter verkauft, damit ein Mangel an dieser Art Ware sich fühlbar mache und ihr Preis steige, der macht.sich eines Verbrechens schuldig und soll mit einer angemessenen Strafe bestraft werden (Maimuni Hilch. Geneba 8). „Jenen, welche Lebensmittel aufhäufen oder auf Zinsen leihen, das Epha verkleinern und die Preise in die Höhe treiben, wird Gott ihre ruchlosen Handlungen nie vergessen" (B. Bathra 90 b).*) *) Hier sei noch hinzugefügt, daß der Talmud den Namen eines solchen Spekulanten, Aufkäufers und. Preistreibers an den Pranger stellt. Es war das ein Mann mit dem Namen Sabbata- und znbenannt (Ozer-Peri) der Aufkäufer und Vertenerer aller Lebensmittel (B. Batra 906). Dieser „Edle" war übrigens schon von seiner Geburr an mit einem Makel behaftet. Im Talmud (Josna 839) wird nämlich berichtet, daß seine Mutter zurzeit ihrer Schwangerschaft mit ihm am Versöhnungstage essen mußte, weil das Kind in ihrem Schoße unruhig geworden war und das dadurch entstandene Unwohlsein der Mutter nicht anders zu beseitigen war, während bei einer anderen schwangeren Frau im gleichen Falle schon die Znflüsterung in ihr Ohr, eS sei heute Bersöhnungstag, geholfen hat. Ans Sabbatai wurde nachher der Schriftvers: „Es weichen ab die Frevler vom Mutterschoße au" (Ps. 58,4) bezogen. Als Gegenstück zu dem verwerflicheu Vorgehen Sabbatais wird das Vorgehen des berühmten Lehrers Samnel und seines Vaters rühmlich hervorgehoben. Der Vater Samuels kaufte unmittelbar nach