Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 12 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahr hett Lette 5. soll Brot bringen, Wir verfügen über viele Berufe, die wir durch bessere, geregelte Belohnung zu „adeln" brauchen, damit wir die Jugend heranlocken. Nochmals: wir haben in unserer Gemeinde Stellen und Aemter genug und brauchen solche nicht erst bei andern Nationen zn erbetteln oder zu erschmeicheln, wenn nicht gar gegen unser Seelenheil einzuranschen. Die soziale Stellung eines Melamed soll nicht geringer sein als die eines Lehrers der profanen Wissenschaften oder Professors, die eines Dajous. nicht geringer als die eines weltlichen Richters. Es ist zu beklagen, daß die Unterschiede in sozialer Hinsicht so groß sind. Vergegenwärtigen wir uns nur zwei Bilder: das eines Melamed und das emes Schullehrers. Elfterer ist in der Regel eilte jämmerliche, von Not und Elend zermürbte Gestalt, ein Prototyp der Armut und Unbeholsenheit (trotzdem er moralisch äußerst hoch steht), während letzterer eine nette, sympathische, wohlgenährte Erscheinung ist. Die Bilder des Dajans und des weltlichen Richters sind nicht minder verschieden. Kein Wunder, daß die Jugend, welche nach Jean Paul von der Aesthetik angezogen und beeurflußt wird, sich ihre Ideale „draußen" bildet. Schuld daran ist die geringe Belohnung, der Mangel eines Pensionsfonds, einer Hierarchie und eines Systems. Wenn die materielle Basis gut wäre, würde sich das Ansehen, die Stellung, das Prestige heben, so würde der jüdische Junge eher Melamed als Professor, Dajan als Richter, Schochet als Tierarzt, Chasan als Sänger sein wollen, weil er sich bei uns „heimischer" fühlte als in einem fremden Milieu. Ein Rabbiner wäre das höchste Ideal. Talentierte Jünglinge würden diesem Ideale znftreben und der alte jüdische Genius, der btrora. mit äsrsoli erez vereinigte, würde sich verjüngen. Das ist freilich eine schwierige Ausgabe, aber nicht unlösbar. Den Rabbinern, in denen man eine große Fähigkeit der Begeisternng für die höchsten Ideale findet, fällt diese schöne Lösung zn. Diese sollen zukunstsglänbig den ersten Schritt zur Rettung der Thora tun. Die neue Aera nach dem Kriege wird neue Knltnrkeime bringen, welche dem Thora- und Talmudstudium — was Gott bewahren möge — den Gnadenstoß versetzen würden. Die erste Versammlung möge nur den Grundriß entwerft, e i n e n Kompaß, einen Polarstern schassen, dem zu g est e u e r t werden soll, die Zeit wird das übrige vollenden. Die Rabbiner vermögen viel, sie können, wenn sie wollen, ebenso groß handeln als groß denken. Das Volk hat großes Vertrauen zn ihren Lehrern und Leitern. Jetzt, gerade jetzt in den Tagen der Not und Zerstreuung sollen sie, wie einst der große Rabbi Jochanan ben Sakkai, dessen untilgbare Gegenwart wir heute noch tausendfach spüren, den Grundstein zum modernen Bibel- und Talmndjudentum legen. Sie werden dadurch zeigen, was in ihrem Innersten pulst und was ihnen die wahre Höhe gibt. Ich schließe mit den wunderschönen Worten Dr. Grätz: „Der Talmud war es, der die zerstreuten Juden in den schlimmsten Tagen vor Verzweiflung und Verdumpfung schützte. Er war der Aether, der sie vor Fäulnis bewahrte, die stets bewegende Kraft, welche die Trägheit und Lähmung überwand, ein ewig sprudelnder Quell, der den Geist immer frisch und regsam erhielt. Der Talmud war mit einem Worte der Erzieher des jüdischen Volkes und diese Erziehung war keine schlechte, indem sie allen störeiiden Einflüssen der Ausuahmsstelluug nird systematischer Entsittlichung zum Trotze im jüdischen Volke einen Grad von Sittlichkeit gepflegt, die dessen Feinde selbst ihm nicht absprechen können. Er hat das religiöse und sittliche Leben des Judentums erhalten und gefördert, er hat den zonenweit zerstreuten Gemeinden eine Fahne gereicht und sie vor Zersplitterung und Sektiererei geschützt; er hat den Nachkommen die Geschichte ihres Volkes helmisch gemacht; endlich hat er ein tiefes Gedankenleben erzeugt, die Geknechteten und Gebraudmarkten vor Verdumpfung gewahrt und für sie die Fackel der Wissenschaft angezündet." - N, Lothringer. Die Funktionäre des jüdischen Gottesdienstes. Von Jakob üaner, Präsident des Oesterreichisch-ungarischen KantorenveremeS. Die Ausführungen des Herrn Jakob S. S t r a ß b e r g in der letzten Nummer dieses Blattes über die Wiener Oberrabbinerfrage sprechen ventlich dafür, daß der geehrte Autor die Verhältnisse und Bedürfnisse des jüdischen Gottesdienstes genau kennt und ebenso auch die Bedeutung und Wichtigkeit der gottesdienstlichen Funktionäre, Rabbiner und Kantor, für die Erhaltung rtnd Pflege des jüdischen Lebens, das sich heutzutage zum größten Teile auf den Tempel konzentriert, vollauf zu würdigen versteht. Diese Erkenntnis wurde ihm vermittelt einerseits ditrch das gediegene hebräische Wissen und das warme Empfinden für jüdisches Gemeindeleben, das er aus seiner echt jüdischen Vaterstadt mitbrachle, und anderseits durch die reichen Erfahrungen, die er durch viele Jahre an der Spitze eines Wiener Tempelvereines gesammelt hat. Diese Zeilen bezwecken jedoch keineswegs, Herrn Straßberg Komplimente zn machen, sie wollen vielmehr ntir die Tatsache in Erinnerung bringen, daß der Oeiterreichischungarische Kantorenverem in Wien bereits vor drei Jahren eine beratende Zusammenkunft der Tempelveremsvorstände mit den Vertretern der Wiener Kantoren angeregt hat, um den ersteren nahezulegen, sich ihrer Kantoren anzunehmen, damit endlich auch ihre materielle Lage gebessert und namentlich ihre Altersversorgnng in entsprechender Weise geregelt werde. Fast sämtliche Vorstände hatten ihre Bereitwilligkeit erklärt, Delegierte in diese Versammlung zn entsenden, aber infolge des plötzlichen Eintrittes des Weltkrieges unterblieb die angeregte Aktion. Schon damals wurden in verschiedenen Generalversammlungen ' der Wiener Tempelvereine Stimmen laut, daß beim Knltnsvorstande ernste Schritte eingeleilet werde» müssen, um eine Besserung der Lage der Rabbiner herbeizuführen. Noch energischer wurde dieser Wunsch in den jüngst stattgehabten Generalversammlungen der Tempelvereine ausgesprochen, jedoch bloß für die Herren Rabbiner, von den Kantoren war wenig oder gar nicht die Rede. Und auch Herr Straßberg, welcher die Wichtigkeit des Kantors ausdrücklich anerkennt und den Wunsch ansspricht, daß derselbe ebenso wie der Rabbiner derart dotiert sein soll, daß er sorgenlos jetzt und in der Zukunft seinem heiligen Berufe nachgehen kann, appelliert ntlr am Schlüsse seiner Ausführungen an den Knltusvorstand, so rasch als möglich die Tempelrabbiuerfrage zu regelrr. Der Kauror ist ihm leider im Verlause seiner Auseinandersetzungen und gerade dort, wo er die praktischen Konsequenzen ans denselben zieht, abhanden gekommen. Wenn ich nun für meine Kollegen öffentlich das Wort ergreife, bedarf es wohl hiezu keiner besonderen Legitimation. Ebensowenig möge es mir als Unbescheidenheit oder Ueberhebung ausgelegt werden, wenn ich bei diesem Anlässe mit berechtigtem Stotze an die unvergänglichen Verdienste erinnere, die sich unser unvergeßlicher Altmeister Salamon Sülzer um den jüdischen Gottesdienst erworben hat. dessen Schöpfung von Wien aus den Weg über die ganze jüdische Welt nahm. Seine Jünger und Nachfolger haben in ernstem Streben an seinem Werke weiter gebahnt; der Gottesdienst an den Wiener Tempeln ist noch immer mustergültig und auch heute sind in fast sämtlichen Gemeinden- und Vereiustempeln begabte, tüchtige, anerkannte und würdige Vertreter des Kantorates in Amt und Sleünug. Kein billig Denkender wird ihnen die Berechtigung versagen, für die Zukunft ihrer Familien Sorge zu tragen und zit beanspruchen, daß ihre Vorstände, die ihre Arbeit und Leistungen beobachten, bei einer bevorstehenden Aktion, zwecks Verbesserung ihrer Lage