Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 12 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 12. fintiert haben, das mit dem geschichtlichen nicht die geringsten. | Berührungspunkte hat, ' und bas sich nur in der „Auer- > kennung" unserer uralten Ethik äußert. Diese Juden sind! jedes Solidaritätsempfindens mit den anderen „Glaubensgenossen" bar und in ihrem gesteigerten „deutschuatioualen" Dünkel lächeln sie selbstbewußt, wenn in der Tagespresse unter dem Strich die Ostjuden beispielsweise zur Kitzelung der Lachmuskeln herhalten müssen, ohne zu wissen, daß der Feitilletontst darunter die Juden schlechthin mißverstanden wissen will. Mit diesen Juden ist. wie gesagt, nicht zu rechten; sie müssen von anderer Seite — ans ihren Träumen geweckt werden. Bedauerlicher ist es aber, daß dieser Mangel an Solidarität auch in gewisse Kreise der deutschen Orthodoxie Eingang fand und schnell um sich greift. Dieses beweist ein jüngst in einem orthodoxen Organ erschienener Artikel, der an Ueberhebuug und Eigendünkel nichts zu wünschen übrig läßt. Darin wird in Selbstverherrlichuug ausgeführt, daß die deutsche Orthodoxie sich selbst aufgibt, „wenn sie sich e inreden läßt, daß ihre sittliche Kraft und ihr Pflichtbewnßtsein, ihre Thoratreue und ihre Charakterfestigkeit — hinter dem größeren theoretischen Wissen und der sittlichen Hochstnfe eine, gelehrten Oberschicht des Ostens zurückstehen müssen". Nachdem der Artikelschreiber noch mit Extase ansruft: -„Hatten wir nicht einen Samson Rafael Hirsch, der bahnbrechend für Deutschland und die Welt gewirkt" und auf die Notwendigkeit hiuweist, die Frömmigkeit mit den Kenntnissen und Lebensäußerlichkeiten der Zeit in Einklang zu bringen, schließt er. wie folgt: „Erfahrungen, die wir bei der ,M a s s e' des Ostens machen, sollten uns die Gewissensfrage sehr nahe bringen, ob wir . . . dadurch ben östlichen Brüdern, wenn wir überhaupt als Kinder ganz verschiedener Kulturen, als Helfer berufen sind, nicht Größeres leisten, wenn wir in ittteusiver und intensiverer Arbeit hier fortfahreu und das Problem der Ostjuden dadurch lösen, daß wir unser eigenes seinem Ziele näher bringen", und so weiter mit Grazie. Einer solchen argen Verkennung der Sachlage und ein solcher Mißachtung des wahren Gehaltes der Normen unserer Religion von dieser Seite finb wir noch nicht begegnet. Ist hier nicht angesichts des Notschreies und der Blutströme das Gebot der heiligen Schrift am Platze: Stehe nicht müssig beim Blute deines Nächsten? Ist es nicht Pflicht eines gesetzestrenen Juden jede „jüdische Seele" dent Judentum zu erhalten und tritt nicht in dieser Uebergangsperiode an die deutsche Orthodoxie die Pflicht gebieterisch heran, mit allen ihnen zn Gebote stehenden Mitteln für die Erhaltung der Frömmigkeit unter den Ostjnden Sorge zn tragen? Der Verfasser des genannten Aussatzes wird sicherlich an den Sederabeuden den „Moraur" bis zur Berstung der Tränendrüsen schlucken. Von der Bedeutung des Moraurs aber, sich an die erfahrene Bitterkeit des Lebens zu erinnern, der Mazzoh, „das Brot der Not", und der „Charauses" als Erintterung an die schweren Arbeiten des Lebens, wird er sich nicht träumen lassen. So sinkt alles Erhabene und Heilige zur leeren Zeremonie herab! Wir aber sind überzeugt, daß das jüdische Empfitlden niemals eine künstliche Scheidewand zwischen den „Eigenen" und den „Andren" wird errichten lassen, und wir wollen hoffen, daß unsere Brüder in den kommenden Feiertagen, der Bedeutung des Festes eingedenk, der Unglücklichen im Osten und insbesondere auch in -P a l ä si i u a sich erinnern werden. Möge jeder Jude bestrebt sein, nach Möglichkeit die Not dieser Aermsten zu lindern! Chan och Al—k. Au die Raddiner nud-Erenude der Thora. Die Klage, welch? ich hier erheben und den Wunsch, den ich hier aussprechen will, wird man als nicht aktuell bezeichnen. Gewiß! Die Klage , über die krasse Vernachlässigung des Bibel- und Talmudstudiums unter der modernen jüdischen Jugend, über bitul tliora, und der Wunsch, die « Thora wieder zur Geltung zu bringen,- sind in der „Zeit s des Drangs und Bluts" nicht zeitgemäß. Sagten doch! schon unsere Weisen: „Im en kemach en tkora“ (Wenn feilt Brot da ist, so ist ancst keine Lehre da). Gegenwärtige Verhältnisse sind nicht darnach angetan, sich des Studiums der Thora zu befleißigen oder über Negeneriernngen und Reformen nachzndenken. Und doch hat der Rabbi Jochanen ben Sakkai, dessen Spuren noch heute in unvergänglichem Goldglanz des Genies leuchten, gerade in Tagen der größten ^Not, als noch die dichten Rauchwolken ans den Trümmern Jerusalems emporstiegen und das in seinen edelsten Teilen verstümmelte jüdische Volk aus tausend Wunden blutete, die Hochschule zu Jabneh gegründet. Der edle Rabbi rettete nicht den goldenen Leuchter, nicht den goldenen Tisch oder andere kostbare Gefäße aus dem Tempelschatz, sondern 'die goldenen Geistesschätze. Von Jabneh aus strömte das geistige Licht in die fernsten Länder, von dort ans wurden die religiösen Satzungen verkündet, dort wurde der Grundstein zu jenem großen weitverzweigten System des Talmudismus gelegt, welcher viele Jahrhunderte zn seiner Vollendung erforderte. Die Frage der Regenerierung des Thorastndinms^ hört souacki gar nie auf aktuell zu sein. Da man Zukunfts- Pläne üben materielle und soziale Fragen macht, so sei es auch erlaubt, betreffs geistiger Fragen gedankenerweckend zu wirken. Sagten doch unsere Weisen auch: „Im en thora en kemach“ (Wenn keine Lehre da ist, so ist auch kein Brot da). Die Anwesenheit vieler bedeutender Rabbiner und bürgerlicher Talmide chachomim, Juden mit herzerfüllter ' Liebe zum Gotteßbnche, der Thora, in Wien und in, öeit nahen Ortschaften und die Muße, deren sie sich, wenn 'auch . unfreiwillig, erfreuen, bieten nun die beste Gelegenheit zn einer Versammlung, einem Rabbinerkougresse, einem Waad, behufs Beratung über die N e n b e l e b u u g der b i b l i s ch - t a l m n d i s ch e n Unterrichtsmethode. Sämtliche bisher gemachten Versuche seitens löblicher Vereine sind Palliativmittel. Es sollen Mittel und Wege geschaffen, werden, vermöge deren Juden erzogen würden, wie wir solche einst in Spanien und Portugal und in änderen Ländern hatten: Hidalgos und Talmide chachomim, Staatsmänner und Oberhäupter von Talmudschulen, Schatzmeister am Hofe der Könige und hohe Talmndgelehrte, Aerzte und Weisen. Die jetzt bestehenden diametralen Gegensätze sollen sozusagen amalgamiert werden: der talmudgelehrte, kulturfremde Jude mit dem kulturellen talmndfremden Juden. Es soll ein Parallelogramm der Kräfte geschaffen werden, dessen Diagonale der moderne Jude sein soll. Es genüge nicht, den jüdischen Kindern das hebräische Lesen oder ein paar Bibelstellen im Original oder in der Uebersetzung beiznbringen, sondern es soll so unterrichtet ^verden, daß es ins Fleisch und Blut übergehen soll. Möge die jüdische Jugend der köstlichen Schätze teilhaftig werden, welche Bibel und Talmud bergen; möge sie erfahren daß jene Werke mehr Weisheiten und Schönheitswerte enthaltein als die Homers, Virgils, Horaz und wie alle die Glücklichen heißen mögen, die sich bei der studierenden jüdischen Jugend einer außerordentlichen Beliebtheit erfreuen; möge, sie die jüdischen Bücher nicht nur zeremoniell lesen, sondern studieren und bis ins hohe Alter lieben lernen. Die Ignoranz in der alt- oder neujüdischen Literatur unter der jüdischen Jugend ist horrend groß und kann nicht mehr größer werden ... Das Interesse dafür ist gänzlich verschwunden oder — wenn ein Entschuldigungsgrnnd angegeben wird — von anderen Interessen verdrängt. Die Jugend hat andere Ideale als die Kenntnis der biblischen Wissenschaften, liest eher die Veden und Edden als Bidet und Talmud. Mit dem Jutereffe für Bibel und Talmud schwindet auch notwendig das Interesse für das Judentum. Dieses.Interesse soll auf verschiedene Weise geschaffen werden — ja sogar schlo lischmo, nicht l’ars pour l’ars.; das lischmo wird von selbst kommen. Die Thora soll auch zum „kemach“, zum Brotberuf werden: das Thorastudium