Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 12 (14.4.1916)
- Date
- 1916-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, die restlichen Ahonnementsbeiträge. einsenden z« --------------- wollen. ■■■■ - Das Pessachfest. Alljährlich im „Frühlingsmonat", wenn die Natur sich verjüngt und zu neuem Leben erwacht,, feiert Israel sein Befreiungsfest. „Sieh da! Der Winter ist vorüber, der Regen dahin, Blüten werden am Boden sichtbar, die Zeit des Sanges ist da, und die Stimme der Tnrteltanbe wird in unserem Lande vernommen", so bejubeln wir in unseren Bethänsern in dieser „Zeit unserer Befreiung" den fröhlichen Lenz. Jahrtausende schwerer Not und des bitter» Elends liegen hinter nils seit der Zeit, da wir die Sklavenketteu Aegyptens abgestreift hatten und in die Geschichte als freie Ration eingetreten waren, Jahrtausende der äußersten Gefahr, nicht nur in Sklaverei zu geraten, sondern vom Erdboden überhaupt zu verschwinden. „Denn man hat uns preisgegebei,, mich.und mein. Volk, zum Ausrotten, Niedermetzeln und Vernichten", klagt Esther über den beabsichtigten Pogrom« Hamans. Und doch! Auch zur Zeit der schwersten Bedrängnis und der äußeren Knechtung;war Israel in feinem Innern ^frei und weigerte sich, wie einst Mordechai, vor Götzen sein Knie zu beugen, im Bewußtsein, daß man ihn niedrig bebandeln kann, doch nicht ei niedrigen. Daher feierten wir zu allen Zeiten, trotz Bedrückung und Unterjochung, die Zeit unserer historischen Befreiung, als „das Haus Jakob aus uemdzüngiger Nation zog und Juda zu seinem Heiligtume, Israel seine Herrschaft wurde". Das Blntmärchen, wie der Verdacht der Hostienfchändung waren allgemein verbreitet, man zitterte vor Ausschreitungen des verhetzten Pöbels, leise und angstvoll schlichen die Inden ans ihren Tempeln in die festlich geschmückten Kämmerchen, doch hier am Hausaltare war jeder Jude frei und bekundete seine „adelige" Gesinnung. „Wer hungert, komme und esse, wenn wir heuer noch Knechte sind, so werden wir im nächsten Jahre frei sein", rief . der vom äußern Drucke gequälte und abgehetzte Jude, seiner von der Weihe des Augenblickes durchdrungenen, in pielätsvoller Häuslichkeit um ihn gescharten Familie zu, dadurch feierlich demonstrierend, daß der Gott, der Mensche n schuf, keine Knechte wollte. Allein, nicht eine Feier im landläufigen Sinne des Wortes sollen wir veranstalten, nicht maßuud sinnlos uns der Schwelgerei hingeben und das Fest geräuschvoll, ohne inneren Zusammenhang mit der Vergangenheit begehen, wie es in der Regel die Unterdrückten und Geknechteten, nachdem sie ihre Fessel» gesprengt hatten, tun. Denn wiederholt schürft uns die Thora ein: „Bedenke, daß du ein Sklave gewesen bist in Aegypten, und der Herr, dein Gott, Hai dich von dorr erlöst." Auch die Mazzoh. das ..Brot des Elends" genannt, soll in uns die Erinnerung an das Elend der Israeliten in der ägyptischen Knechtschaft erwecken, deren Fesseln ihr Erlöser gesprengt hat: ebenso bienen die bitter» Kränrer zur Erinnerung an die Bitterkeit des Lebens, die unsere Vorfahren in Aegypte»! erfahren, haben. Es wird gegen gewisse großstädtische Juden der Vorwurf erhoben, daß sie protzen- und parvenühaft seien. Tatsächlich aber gehört diese Unsitte zu den vielen Uebeln, die wir mit der europäischen „Kultur" in Kauf nahmen. Denn der gläubige Jude, der mit der Traditio»! nicht gebrochen hat, würde nie diesen Vorwurf sich zuschulden kommen lassen, da er nach dem Gebote der heiligen Schrift stets an seine Vergangeuheit denken muß, um sich nicht zil nberheben und unempfindlich bei der Not seiner Mitmenschen zu bleiben. So wird sogar die Nächstenliebe und die Gleichberechtigung für die Fremden in der Bibel mit der Begründung empfohlen: „Denn Fremde ward ihr im Lande Aegypten." Der Jude soll sich eben immer seine Vergangenheit vor Augen halten und niemals den Faden, der ihn mir derselbeti verknüpft, zerreißen, um nicht nur der jeweiligen Not seiner Brüder, sondern auch der des Fremden gerecht zu werden. In dieser schweren Zeit aber, da Millionen unserer Brüder auf dem Scheidewege stehen und viele der endgültigen Befreiung vom Tyranuenjoche harren, ist es nicht notwendig, daß ihre Brüder im Westen, die unter mehr oder weniger geordneten Berhältnisfen leben, so weit zurückgreifen und am Pesfach sich eist der Knechtschaft in Aegypten zu erinnern, um ihnen hülfreich beizuspringen. Vielmehr brauchen sie nur an ihre eigene Not und ihren Todeskampf erst vor einigen Dezennien .... zu denken, um die Seele der Unterdrückten zu verstehe u. Es muß aber leider konstatiert werden, daß dieses Verständnis besonders manchen Kreisen im Reiche abhanden gekommen ist. Wir reden hier nicht von den äußersten Reformjuden, für die das überlieferte Judentum ein toter Begriff ist und unsere Literatur nur e»ne Quelle für „wissenschaftliche" Arbeuen uud Disserlationen bildet; Reformjuden, die sich ein Judentum kon-