Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 11 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. Die Wahrheit Seite 5 Teilnahme am öffentlichen Gottesdienst erforderlich ist; mst einem Worte: der hebräische Unterricht habe als ausschließliches Ziel seines Str^bens: „Die Befähigung zur verständigen a.k t i v e n T e i l n a h m e am öffentlichen GottesdieNst". Anläßlich meiner Anwesenheit in der Bibelschnle im XX. Bezirk sah ich dieses Ziel vollständig erreicht. Die Kinder, beherrschen die Sabbat- und Scholausch-R'golim- Gebete in solchem Maße, daß sie nicht nur an einem Gottesdienste teilnehmen, sondern einen solchen selbständig abhalten können. EM Der Lehrer der Klasse wendet sich an die. Kinder mit folgenden Worten: Der anwesende Herr Vorsteher der Ge* meinde spricht soeben den Wunsch ans, den Morgengottesdienst am Schwnos zn hören. Wer von Euch möchte der Kantor sein? Es melden sich mehrere Kinder und eines erhält das Ehrenamt. Die anderen Schülerinnen bilden die Gemei nde und nun beginnt? der Gottesdienst, der von Anfang bis zum Ende ganz nach dem Vorbild des öffentlichen abgehalten wird, nur mit dem wohltuenden Unterschiede, daß diese kleine. Gemeinde tadellos alles mitsingt und mitbetet. Da sah ich mit einem Male meinen jahrelangen Traum verwirklicht, mein Ideal eines praktischen Unterrichtes in die Tat umgesetzt. Ich verschaffte mir auch die Ueberzeugung, daß die Mädchen alle gelungenen Texte vorzüglich übersetzten und fast alle Gebete verstanden; wunderbar aber war es, wie die Kinder ohne jede Anregung bei den entsprechenden Stellen mit dem Gesang und dem Gebete richtig entsetzten. Ich fand, daß die Kinder in allen Gebeten sich so vorzüglich auskennen, wie leider kaum viel Erwachsene es vermögen. Von dem Lehrer der Klasse erfuhr ich Näheres über sein neues methodisches Verfahren und seinen Lehrplan. Der arisschließlich auf die Befähigung zur Teilnahme am Gottesdienst gerichtete hebräische Unterricht nach der vorgeschlagenen und seit zwei Jahren in der Bibelschule geprobten Methode soll mit der vierten Volksschulklasse beginnen und sieht in den einzelnen Klassen statt der bis nun üblichen, ansgewählten un zn s a mm en h än g en d e n Gebete, ein l i t h u r g i s ch Ganzes vor — ein zusammengehöriges Pensum — nicht, wie bisher, Seite so und so im Gebetbuch, sondern Mußaf, Ma-ariv usw. Der Lehrplan ist: IV. n. V. Volksschnlklasse: Der Sabbat. I. Bnrgerschnlklasse: Scholausch-R'golim | im II. „ Rosch-Haschono Mannheimer IH. „ Jom-Kippur j Machsor Von der Erreichung des Zieles in der Sabbat- und Jomtof-Lithurgie hatte ich mich im Vorjahre persönlich überzeugt. Nach einem einjährigen Intervall habe ich nun die Bibelschnle (4. März 1916) zum zweitenmale besucht und konstatierte, daß die Kinder von dein vorjährigen Pensum nichts verlernt haben und des ferneren, daß sie den Uebergang zum JoM'Kippur-Machsor mit vorzüglichem Erfolge vollzogen. Ich ließ das Mußaf von Jom-Kippnr mir vorbeten und es grenzt ans Unglaubliche, daß Wiener Kinder das ganze Gebet so beherrschen, daß sie selbst den von ptt?B singen und die unpnnklierten Anmerkungen wie jnKiT pnniB bnp, pn usw. lesen und erklären. Selbstverständlich erscheint es bei diesen Kindern, daß sie die Einteilung des Stoffes genau kennen. Mit einem Worte, sie sind in unseren Gebeten, in den traditionellen und Sulzerschen Melodien so bewandert, daß sie an jedem öffentlichen Gottesdienste mit Verständnis aktiv teilnehmen können. Der Erfolg der neuen Unterrichtsmethode ist ein solcher, daß kleine Uebergangsschwierigkeiten uns nicht abhallen dürfen,^ den jahrzehntelangen Beschwerden über die Fruchtlosigkeit des Unterrichtes endlich ein Ende zn bereiten. R e s n m e e: Die Vorzüge der neuen Lehrmethode faffe ich in folgenden drei Punkten zusammen: 1. Der Unterricht interessiert die Kinder durch die Form des Zusammenhanges zu einem Gottesdienst und namentlich durch den belebenden Synagogengesang. 2. Die Schwierigkeit und Eintönigkeit der Lese Übung wird leicht überwunden, da der Synagogengesang nltr eine angenehmere F o r m der Lese- Übung ist, die ein rasches Lesen unnötig macht. 3. Die Kinder verlassen die Schule nicht wie bisher mit der Kenntnis von einem Stückchen Schmone-Eßre oder der Uebersetzuug ans Seite Nr. so und so — ein Wisse n, das für den Gottesdienst vollkommen zwecklos ist — vielmehr kennen die Kinder im Siddur und Machsor sich gut ans, haben die erhebenden Gesänge sich angeeignet und werden dann gerne als Erwachsene ins Gotteshaus kommen, wenn sie wissen, daß sie dort nicht fremd sind und daselbst jene heiligen Melodien wieder hören, die sie als,Kinder in der Schule erlernt und geübt haben. Dadurch bringen wir die Kinder ins Gotteshaus. Damit ist aber das Hauptziel, das uns allen feil Jahren vorschwebt: unsere Jugend so zn erziehen, daß sie mit Verständnis, mit wahrem Interesse an unserem Kultus, unserem Gottesdienste teilnehme, vollständig erreicht! Ans diesen Gründen trete ich für die Eins n h r h n g dieser Lehrmethode an den Volks- und Bürgerschulen entschieden ein, ersuche um ehebaldige Abhaltung der beschlossenen Lehrprobe und nm Beratung der für das kommende Schuljahr notwendigen Uebergangsdestimmungen. Unberührt hievon bleibt der Lehrplan in bezug auf den Pentateuch im Urtext aufrecht. Auf Grund dieses Referates hat der Vorstand der israelitischen Knlrusgemeinde eine Prüfung der betreffenden Mädchengruppen augeordnet. Zn dieser, am Sonntag, den 26. März 1916 in der Religionsschnle abgehaltenett, inter- __ essauten und überaus glänzend gelungenen Prüfung hatten sich u. a. eingefunden, die Herren: Präsident Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Dr. Leopold Kohn, Landesschulrat Dr. Markus Spitzer, die Vertreter Salo Cohn, kaiserlicher Rat Kauders, Kommerzialrat Simon, die Knltusvorsteher Dr. Engel und Hoffmann. Obmannftellvertreter Beck. Seminarprofessor Dr. Kraus, die Inspektoren Prof. Kanitz. Rabbiner Dr. Fenchtwang. Dr. Taglicht, Dr. Rosenmann, die Sekretäre kaiserl. Rat Dr. Lieben, Dr. Adler, Emil Engel, die Amtsleiter Rudolf und Jakob Kraus. Schriftliche Zustimmungsschreiben hatten gesandt die Herren: Se. Ehrwürden Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Ziegler ans Karlsbad, Vorsteher Dr. Münz, kaiserlicher Rat Alina, kaiserlicher Rat Lichteustadt, Direktor Mantner und Direktor- Fischer u. a. m. Die Prüfung der 50 Mädchen aus der zweiten und dritten Bürgerschulklasse erstreckte sich auf alle Gebiete der Liturgie, des Sabbates, der Scholausch-R'golim Rosch-Haschono und Jom-Kipnr.- Auf Wunsch der anwesenden Herren wurden ganze Gebetgruppen oder einzelne Gebete vollständig nach dem Vorbilde der öffentlichen Gottesdienste vorgetragen und alle dazugehörigen Synagogengesänge in herzerhebender Weise von den Kindern gesungen. Der Erfolg war ein geradezu frappierender. Es brauchte bloß ein Gebet genannt zn werden und sofort hatten die Kinder im Gebetbuche es aufgeschlagen und schon erklang die dazugehörige Melodie in solch exakter und tadelloser Form, daß es ein wahrer Kunstgenuß genannt werden kann. Da gab es kein Gebet, keine Melodie, keinen Synagogenbranch. den die Mädchen nicht gekannt hätten — sie beherrschten in gleicher Weise den Siddur und das Machsor, Einstimmig und begeistert von dem eben Gehörten w.urden dem Initiator dieser praktischen Lehrmechode, Herrn Oehler, und seinen fleißigen Schülerinnen ungeteiltes Lob gespendet, dem insbesondere