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Die Wahrheit · 1916-04-07 · Heft 11 (7.4.1916) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 11 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 11. ' Wiener Gemeinderabbiner an rhetorischer Begabung, an Würdigkeit und au Wissen überragt. 'Wozu also in die * - Ferne schweifen, wenn das Gute 'jo nahe liegt. Dieser meiner Anregung hätte ich noch hinznzufügen, daß es eine Beruhigung für alle Gemeindemitglieder wäre, wenn die löbliche Kultnsgemeinde so rasch-als möglich die Regelung der Tempelrabbinerfrage in Beratung zöge, damit jeder „chilul haschem bifrässie“ weiter unterbleibe. Jakob S. Straßber g." - * Zur Wiener Olrerrabbinerfrage. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie hatten die Güte in Ihrem geschätzten Blatte über die Oberrabbinerfrage einige ausgezeichnete Artikel zu bringen. Gestatten Sie mir gefl. auch einen kleinen Raum in Ihrem für die allgemeinen Interessen wirkenden Blatte für nachstehende bescheidene Ausführungen. „Jnsolange als „Jüdischkeit" sich im Hanse selbst abspielte, die Kinder im Hause der Eltern Anschauungsunterricht genossen, hat der Rabbiner im Tempel eine kleinere Rolle gespielt. Anders heute. Heute konzentriert sich das ganze jüdische Jeden im Tempel. Die Hanptfnnktionäre, Rabbiner und Kantor, sind dazu berufen, das Elternhaus zu ersetzen, außerdem ist der Tempel ein „Beith tefila jikorei lechol hoa-mim“. Er soll allen Völkern die kultnelle und kulturelle Kraft des Judentums zurufen! Es ist daher oberste Pflicht der israelitischen Kultusgemeinde in jedem öffentlichen Gotteshause, ob dieses die Mnttergemeinde aus den Kultussteuergelderu der Mitglieder, ob es die Mitglieder aus ihrer Privatschatulle selbst erbauten, diese beiden Hauptfunktionäre, Rabbiner und Kantor, beiznstellen und derart zu dotieren, daß sie sorgenlos jetzt und in der Zukunft ihrem heiligen Berufe nachgehen können, umsomehr als dem Rabbiner nicht allein die Seelsorge, sondern noch darüber hinaus die strenge Ueberwachung des Religionsunterrichtes in seinem Amtssprengel obliegen sollte. Das, was ich für alle Tempel wünsche, gilt selbstverständlich für den inneren Stadttempel erst recht! Ich stimme daher mit dem Vorstande der israel. Kultnsgemeinde vollkommen überein, wenn er sich beeilt, trotz der schweren Kriegszeiten die vakante Predigerkanzel in der Inneren Stadt zu besetzen. Auch ist mir vor größeren Gehaltsummen nicht bange, weil ich mir sage, ein Rabbiner muß unabhängig gemacht werden. Warum soll ein Mann von bedeutendem hebräischen und profanen Wissen, der nebstbei ein guter Redner sein muß, nicht den Gehalt eines kleinen Bankdireklors, bei dem es genügt, wenn er an der Börse gut zu operieren versteht, bekommen? Dadurch wird auch sein moralisches Rückgrat gestärkt. Anders verhält es sich mit der Bestellung eines Oberrabbiners. Erstens ist diese Frage viel zu verfrüht. Unser altehrwürdiger, geistreicher Oberrabbiner lebt zu unser aller Freude noch. Zweitens wäre es am Platze, wenn alle' Wiener Gemeiuderabbiner unter Beiziehung des Bertreterkolleginms der israelitischen Kultusgemeinde, welchem Stimmrecht znstehen soll, unter sich den Fähigsten zum Oberrabbiuer wählen, wie der Gemeinderat den Bürgermeister, der Kultusrat den Präsidenten wählt. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß in der ganzen europäischen Welt kein Rabbiner meines Wissens sich derzeit in Funktion befindet, der unsere Methode eines praktischen Religionsunterrichtes an Sffentiichen Schulen. Von Kultusvorsteher S. B r o d, Wien. Seit vielen Jahren häufen sich die Klagen ans jüdischen Kreisen, daß die im Religionsunterrichte erzielten" Resultate keine befriedigende seien und namentlich der hebräische Unterricht nicht zu dem erwünschten Ziele führe, die Jugend zu befähigen, an dem öffentlichen Gottesdienste teilzuuehmen. Nach jahrelangem Studium stehen unsere Killder den gottesdienstlichen^Bräuchen, den innigen Gebeten und herzerhebenden Gesängen fremd gegenüber. Wo aber das Verständnis fehlt, kann es kein Interesse — keine Begeisterung geben. Diese betrübende Tatsache ist es, die mich seit Jahren /zum Nachdenken über eine einfachere, praktischere Lehrmethode veranlaßte, die trotz der so karg zngemessenen Zeit von zwei Wochenstttnden, ein günstigeres Resultat zeitigen würde. Ein glücklicher Zufall führte mich nun in die Gemeinde- Bibelschnle des XX. Bezirkes und da hatte ich Gelegenheit, die ersehnte Methode verwirklicht zu sehen. Nach einer einjährigen Beobachtung der angewandten Methode und der dami't erzielten Resultate sah ich mich veranlaßt, der Unterrichtskommission unserer Gemeinde folgendes Referat zu erstatten: Referat. Ueber Einladung des sel. Bibelschulinspektors Braun besuchte ich im Schuljahre 1914/15 die Gemeindebibelschnle XX. Othmargaffe 46, um daselbst einer Unterrichtsstunde im Hebräischen beizuwohneu. Das von zirka 60 Schülerinnen der ersten und zweiten Bürgerschnlklasse Gehörte überraschte mich umsomehr, als mich seit Jahren der Gedanke an eine einfachere, praktischere und erfolgreichere Methode des hebräischen Unterrichtes, die ein günstigeres Resultat zeitigen würde, als es bisher leider der Fall ist, intensiv beschäftigt. Die dem Religionsunterrichte so karg zngemessene Zeit — zwei Wochenstnnden, wovon die eine von dem Geschichtsunterricht in Anspruch genommen wird — läßt die Aufarbeitung des hebräischen Lehrstoffes nach der bisherigen Methode fast als unmöglich erscheinen. Nun ist aber gerade dieser Umstand der wundeste Punkt in der religiösen Erziehung unserer Jugend, der uns ernste Sorge für die Zukunft derselben bereiten muß. . Unsere Religion verlangt nämlich von jedem Bekenner ein gewisses Maß von Wissen der heiligen Schriften und ihrer Sprache, zu deren Erlernung natürlich ein angemessener Spielraum an Zeit zur Verfügung stehen muß. Dieser Forderung indes ist der sbatms q_uo des gesetzlich festgelegten zweistündigen Religionsunterrichtes entgegengesetzt, ein Faktor, mit dem unbedingt gerechnet werden muß. Das ideale Ziel^ die hebräische Sprache nach dem Vorbild moderner Sprachen, denen ein acht- bis zehnstündiger Unterricht gewidmet ist, in der Schule zu erlernen, muß daher aufgegeben werden und es gilt nunmehr, nur ein solches Maß an Hebräischem in solcher Form, Gestalt und Anordnung der Jugend beizubringen, als unbedingt zur

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