Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 10 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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n r. 10. Die Wahrheit Leite 9. haben (Maim. Hilch. Mechira 13). Ebenso findet dieses Gesetz keine Anwendung, wenn der Verkäufer einer Sache beim Abschlüsse des Geschäftes der Wahrheit gemäß angegeben, was ihm selbst die Sache gekostet habe, so daß der Käufer gewußt hat. daß das von ihm verlangte und gezahlte Plus der Reingewinn des Verkäufers sei, in diesem Falle kann er später weder etwas zurückfo dern, noch auch auf den Kauf bei mehr als einem Sechstel rückgängig machen. Das gilt auch bei dem Verkaufe von Sklaven, Schuldscheinen und Grundstücke-', west deren Wert sich nie ganz genau bestimmen läßt läßt (ibid. 51). Noch viel ftiengere Bestimmungen als in Bezug aus die Uebervorteilung durch die Zahlung eines zu hohen oder zu niedrigen Preises enthält das talmudisch-rabbinische Handelsgesetz in Bezug auf die Uebervorteilung durch Verkauf schlechter oder verfälschter Ware. Jede Täuschung oder Irreführung nach dieser Richtung hin wird aufs strengste verboten und jede Uebertretung aufs schwerste geahndet. II. Lebensmittel fälschung. Nicht blos die Fälschung von Lebensmitteln durch Dinge, die keinen Nährwert haben, oder aar der Gesundheit schädlich sind, ist verboten und unterliegt der gesetzlichen Ahndung, sondern auch das Vermischen eines kleinen Teiles minderguten Getreides, Weines, Mehles, Oeles u. s. w. mit einer Menge von besseren, wenn die Mischung nicht sofort von Jedermann erkannt we.den kann. Weine verschiedener Provenienz dürfen nicht untereinander gemischt werden, noch viel weniger darf Wein mit Wasser gefälscht werde». Ist durch Zufall Wasser in Wein gegossen worden, so hat der Verkäufer die Pflicht, das dem Käufer beim Kaufe zu sagen, und er darf sich nicht nnt der entsprechenden Herabsetzung des Preises allein begnügen. Ueberhaupt hat der Verkäuier einer Ware, welcher Art immer dieselbe sein mag, d'e Pflicht, den Kätlfer auf jeden der Ware anhaftenden Fehler, wenn dieser nicht für Jedermann sicht- oder erkennbar ist, aufmerksam zu machen (ibid. 60, Tun Choschen-Misebpat 228). Das geht soweit, daß es sogar verboten ist, einem Nichtjuden Fleisch von einem nicht rituell geschlachteten Tiere zu verkaufen, wenn er der Meinung ist, daß das von ihm gekaufte Fleisch von einem nach jüdischem Ritus geschlachteten Tiere herrühre. Der Talmud verbietet nämlich nicht bloß solche Täuschungen und Irreführungen, durch welche Jemand, und mag es auch ein Heide sein, einen materiellen Schaden erleidet, sondern auch die Täuschung und Irreführung der Gedanken, Meinungen und Gefühle Anderer (usur lignab daas habrijos). Man darf z. B. Niema-'den in dem Glauben lassen, oder ihm gar glauben machen wollen, daß mau etwas für ihn, oder ihm zu Ehren getan habe, wenn es in Wahrheit nicht in dieser Absicht geschehen ist sChulin 94a). Schm ichckeien, Konvenienz- und Hoslichkeitslügen, mit welchen unser ganzes gesellschaftlichem Leben verfälscht ist, sind nach dem Talmud ebenso unstatthaft, wie die Verfälschung von Lebensmitteln. (Fortsetzung folg-.) Die Culwerlnug des Menschenlebens in den Ländern der Gnlcnlemächle. Als einst in den Lehrhäuseru über die Zeit, wie über die Existenz Jobs die heftigsten Debatten geführt wurden, erhob sich der hochangesehene Amoräer R. Simon b. Lakisch und suchte mit wenigen Worten den Debatten ein Ende zu machen, indem er der Versammlung zuries: „Job hat nie gelebt, nie existiert, das ganze Buch ist nichts anderes, als eine Dichtung, ein Fantasiegebilde". Wahrlich, wenn dieser große Rabbi heute in der großen Zeit des Weltkrieges leben und die Ueberzengung gewinnen würde, daß es jetzt nicht nur einen, sondern zahlreiche Jobs gibt, die obwohl sie mit dem Kriege nicht das geringste gemein haben, ans die grausamste Weise gepeinigt, gemartert, gequält und gefoltert werden, indem sie plötzlich überfallen, fortgeschleppt, in öde Wüsteneien, in unwirlbare, versumpfte und verseuchte Gegenden verschickt werden, wo sie oft elendiglich zugrunde gehen, würde er, der Rabbi, zweifellos eingestehen, daß er sich geirrt habe. Er würde umiomehr zu diesem Geständnis sich veranlaßt sehen, als der biblische Job bezüglich seines Martyriums von den modernen Jobs weit übertroffen wurde. Der Satan, der den Job in seine Gewalt bekam, hatte wohl seines Amtes gewaltet, indem er alle möglichen Folterqualen ersvuuen. um ihm den Lebenskampf so schwer als möglich machen zu kölliien. dabei aber haue er jedoch nicht vergessen, den göttlichen Auftrag „das Leben di-ses Märtyrers nicht zu gefährden" zu beachten und zu berücksichtigen. Die modernen Dämone der Entente aber lassen ihre Opfer buchstäblich zu Tode martern, quälen und foltern. 'Nach Beenbignng dieses verwünschen Krieges, den die englischen Dämone mnlwillig heransbeschwvren haben, wird man erst erfahren, wie viele Hunderte, vielleicht aar lausende u n s ch n l d i g e Menschen — von den moskowitlschen Pogroms, die!i'. Rußland auch in Friedenszeilen oft an der Tngesordiiling zu sein pflegen, abgesehen — die in Gesangenschasr gerieten, oder als Geißel fortgeschleppc wurden, auf fremdem, kaliein frostigem Boden zugrunde gegangen sind, ohne daß es ihnen vergönnt war, von ihren Familien für immer Abschied nehmen zu können, so daß die armen verlassenen Kinder häudei.ingend ausrusen werden: „Ach, tocr sind Warfen geworden, haben keinen Vater mehr, der uns io liebevoll behandelt, für unsere Pflege und Erziehung die größten Opfer gebracht, und unsere Mütter gleichen betrübten Witwen"; man wird ferner erfahren, daß nicht nur zahlreiche würdige Laien, sondern aiich Fromme, gottbegeisterl gelehrte Rabbinen, die gewiß nichts mit dem Kriege zu tun Hallen, besonders in Rußland hingeschtachter wurden. Ja, man wird darin erst erfahren, wie äußerst gering bewertet das Menschenleben von den Diploulaten der Entente wurde, denn sonst hätten sie es doch nicht gewagt, die Welt in Brand zu stecken lind so viele hnnderltansende Menschen nutzloserweiie medermähen zu lassen. Fragt mau nach dem Grunde dieser sonderbaren Er-! scheinnng. so läßt sich diese Frage auf die leichteste Weise j beantworten. Neid, Mißgunst, Ehrgeiz. Ländergier, Herrsch-! und Habsucht sind die Folgen des Materialismus. Schon ui grauer Vorzeit hat Kohelet bitter geklagt, „daß er unter 1000 Menschen einen wackeren, aber unter allen diesen (Frauen) nicht ein wackeres Weib gefnnden" und die Ursache dieser Verwilderung sei, so sagte er weiter: „Gott hat die Menschen einfach geschaffen, sie aber, die Menschen suchen viele Künsteleien" d. h. mit anderen Worten au die Stelle der Einfachheit, Bescheidenheit nnd Genügsamkeit ist die unbezähmbare Geniißnnd Habsucht getreten, dadurch haben sich die Menschen dem Materialismus in die Arme geivorfeu und den Jdealismns mit Enlrüstnng von sich gewiesen. Menschen deren ganzes Denken. Sinnen und Arbeiten dahin gerichtet ist, in den Besitz großer Reichkümer zu gelangen. Schätze ans Schätze zu hänfen, um ans großem Fuße leben, der Genußsucht sröhnen nnd alle Bedürfnisse befriedigen zu können, kennen kein Gefühl. Wer das Gold abgöttisch verehrt und das Eriverben des Goldes Gottesdienst nennt, der schreckt vor keiner Tat zurück, so es gilt feine Herrschsucht nnd Habgier zu befriedigen, in seinen Angen wird das Menschenleben ebensowenig beachtet, wie des Tieres. Wie sagt nur Kohelet? „Das Leben des Menschen wird nicht mehr als das des Viehes bevorzugt", ki hakkol howel, wenn das Streben der Machthaber ausschließlich dahin gerichtet, in den Besitz nichtiger, flüchtiger, vergänglicher und wechselvoller Güter der Erde zu gelangen. Russische Autokratie, englische Habsucht und französische Rachgier nnd italienischer Treubruch haben den gegenwärtig noch wütenden Krieg entfacht, der nicht verdient, ein Welt-