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Die Wahrheit · 1916-03-24 · Heft 10 (24.3.1916) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 10 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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in in il.i .. i|in'" Nr. 10. Die Wahrheit Seite 5. erinnert, da schon damals auf mehrere Unstimmigkeiten verwiesen wurde, die in der österreichischen Güterklassisikatiou, resp. im Tarife Teil I B bezüglich der tarifarischen Behandlung dieses Artikels sich zeigten. Während nämlich Mehl, resp. Mehlprodnkte sowie Getreide nach der billigeren Tarifklasse A abgefertigt wird, so genießt das Mazzosmehl die Bevorzugung, daß es die teuerste Fracht nach Klasse I bezahlen muß. In der betreffenden Position M 4 Mahlprodukte heißt es ausdrücklich: Mahlprodukte aus Getreide und Hülsenfrnchten. z. B- Gelreideschrolt, Graupen. Gries, Grütze, Kleie und Mehl, Rollgerste. Zea und dgl. tarifiert nach Klasse A, aber sOstergries, Mazzosgries. Mazzosmehl d. i. zerkleinertes geriebenes Osterbrok Mazzos nach Klasse I. Der Unterschied zwischen Klasse I und Klasse A stellt sich aber ans dem folgenden Auszug der Gebührenberechnnngstabelle der k. k. Staatseisenbahnen wie nachstehend: kg I A 100 146 94 200 272 164 300 398 229 400 518 291 5üO 634 841 600 750 391 700 866 646 800 982 491 so daß sich die Frachtsätze z. B. in den Relationen Wien mit den wichtigeren galizischen Stationen Krakau, Lemberg, Stanislau, Czeruowitz als Frachtgut nachstehend darstellen: kg Relation Eilgut 413 Wien—Krakau 13.85 751 Wien—Lemberg ,24.40 891 Wien—Stanislau 28.82 1015 Wien—Czeruowitz 32.57 Frachtgnr 1 Ä 5.22 4.36 9.28 6.81 10.86 7.79 12.25 8.63 Die Differeliz zwischen Klasse I und Klasse A beträgt also gegen 40 bis 50 Prozent. Es scheint aber gewiß nicht gerechtsertigt, für diesen Mehlartikel, der doch keinen Luxusartikel bildet, eine höher^ Fracht vorznschreiben wie für gewöhnliches Mehl resp. einen Ansnahmstarif nach oben zu konstruieren. Wir kennen wohl Ausnahmstarife nach unten, die also billiger sind, aber nicht Ansnahmstarife nach oben, die teurer wie die regulären sind. Aber auch die tarifarische Behaitdlnng dieses Artikels als Eilgut gibt Veranlassung zu Beschwerden. Der österreichische Tarif kennt bekanntlich zweierlei Arten von Eilgut, gewöhnliches lmd ermäßigtes. Zu den Sätzen der ermäßigten Eilgüter werden Lebensmittel, die zumeist nicht in Wagen sondern nur als Stückgut versandt werden, abgefertigt. Früher wurde für diese Artikel die Fracht nicht zu den ermäßigten sondern zu den gewöhnlichen Eilgutfrachtsätzen berechnet, der sich nahezu um hundert Prozent höher stellt. Durch den Reformtarif vom Jahre 1909 wurde auch für Mazzes der ermäßigte Eilgntfrachtsatz nach Klasse I zugestanden. denn im Tarife Teil I B heißt es ausdrücklich: Gebäck (Schwarz- und Weißgebäck) auch Osterbrok (Mazzes) gehören zu den ermäßigten Eilgütern. Tatsächlich wirb dieser Artikel zumeist nur als Eilgut versandt. Aber die Ausnahme besteht fort, daß Mazzes nicht als Eilgut zu den ermäßigten, sondern zu den höheren Eilgutfrachtsätzen abgefertigl wird. Nun ist es aber gewiß ein larifarisches Unrecht, daß für das Mehl ein höherer Eilgntfrachtsatz gezahlt werden soll, wie für das fertige Produkt (Mazzes). Hierin liegt unseres Erachtens ein mehrfaches tarifarisches Unrecht: 1. daß das Wertsystem, das der österreichischen Güterklassifikation zu Grunde liegt, ans den Kopf gestellt wird, daß ein minderwertiges höher tarifiert als ein höherwertiges. 2. Daß das Rohprodukt (Mehl) eine höhere Fracht bezahlt, wie das fertige Produkt. 3. Daß auch das religiöse Moment, das auch der Tarif sonst nicht unbeachtet läßt, hier ganz unberücksichtigt blieb. So werden z. B.' im Personettverkehr Wallfahrer billiger transportiert wie gewöhnliche Passagiere und selbst im Frachtenverkehr werden z. B. Weihuachtsbänme, Bücher und andere Kultusrequisitionen in größeren Massen zu billigeren Ausnahmetarifen abgefertigt. Bei Mazzes findet aber das Gegenteil statt. Hier wird das religiöse Moment nicht zu einen Erleichternngssondern zu einem Erschwernngsgrnnd gemacht. Wer denkt da nicht an das bekannte Witzwort Heines, der einmal auf die Frage, wie er sich die verschiedenen Konfessionen in Deutschland und ihre Verhältnisse zu einander denke, einfach erwiderte: Die katholische Konfession ist die Religion der christlichen Liebe, die protestantische Konfession ist die Religion der christlichen Freiheit und der R e f o r m, die jüdische Konfession ist die Religion deS jüdischen Unglückes oder ein Unglück überhaupt. Tie Inden bezeichnen in ihrem Ritus den Mazzes als ungesäuertes Brot, als das eigentliche Brot der Armen, da es ohne Salz, ohne Schmalz, ohne Hefe hergestellt wird, also im richtigen Sinn des Wortes das Brot der Armut ist. Dafür müssen sie aber bet der Bahn die Fracht wie für Brot der Reichen zahlen. Die reichen Inden, die es ohnehin mit den ritnellen Vorschriften nicht genau nehmen, genießen diese Mazzes wenig oder gar nicht mehr. Es wird nur von der armen jüdischen Volksschichte genossen. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Man wird freilich sagen: Bei diesem teuren Artikel spiele die Frachtkosten keine Rolle. Das mag allerdings richtig sein. Aber Unrecht bleibt Unrecht, ob es in ökonomischer Beziehung mehr oder weniger empfindlich ist. Der deutsche Tarif kennt tatsächlich einen solchen Unterschied nicht. Der Ansdruck „Mazzes" kommt dort gar nicht vor. Dort wird Mazzes wie Brot als ermäßigtes Eilgut abgefertigt. Die ungarischen Bahnen haben, wenn wir nicht irren, bereits vor einigen Jahren eine Erleichterung in dieier Richtung verfügt. Bei den österreichischen Staalsbahnen besteht aber dieses tarifarische Unrecht noch fort und erscheint gerade jetzt für die galizischen Inden, die infolge des Krieges so hart gelitten, doppelt empfindlich, da dieselben doch zumeist noch streng orthodox leben und während der Osterfeiertage kein anderes Brot als eben den Mazzes genießen. Eine Aufhebung dieser tarifarischen Bestimmung ist daher gegenwärtig doppelt angezeigt. Dr. E—n. Die ftaatsbnrgerttcher» Interessen der Inden im okkupierten Gebiet Rußlands. Eine Abordnung beim Erzherzog Friedrich. Aus dem Kriegspressequarlier wird gemeldet: In den letzten Tagen wurde vom Feldmarschall Erzherzog Friedrich eine Abordnung des österreichischen Zentralkomitees zur Wahrung der staalsbürgerlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung im nördlichen Kriegsgebiel empfangen, die dem Erzherzog mehrere die politischen und kulturellen Interessen der Juden im Okkupationsgebiet betreffende Wünsche unterbreitete. Der Herr Armeeoberkommandaut, der die Abordnung in huldvollster Weise empfing und im Verlaufe der Audienz lebhaftes Interesse auch für alle Einzelheiten der einschlägigen Fragen bekundete, anerkannte in warmen Worten den Patriotismus, den die jüdische Bevölkerung Galiziens und der Bukowina während des Feldzuges bewiesen hat, und unterließ auch nicht, ihrer Leiden wahrend

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