Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 9 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Die Wahrheit Nr 9. mit. daß sich die wirtschaftliche Lage in Palästina tut letzten Halbjahr außerordentlich verschlechtert hat; während vom Oktober bis Dezember 1914 per Monat durchschnittlich Frs. 123.724-55 zur Verteilung kamen, stand für diesen Zweck in der Z?it vom Jänner bis Oktober 1915, nur ein durchichuittlicber Monaisbettrag von Frs. 23.443-60 zur Venüaung. Die Einnahmen im Lande selbst sind gering. Die Vernichtung der Ernte durch die Henschreckeil hat sehr lranrtge Folgen gehabt. Die Teuerung von Mehl und Brot sei ganz unerträglich geworden. Der Bericht erzählt, daß es zu den regelmäßigen Erscheinungen gehört, daß die Arbeiter zwei oder drei Tage in der Woche kein Brot haben. Die Nahrung einer Arbeiterküche besteht ans einem Bohnen-oder Linsenbrei, aus Wasser gekocht, ohne Brot oder sonstige Zutaten. Es kommt oft vor. daß Arbeiter ein oder zwei Tage arbeiten, ohne zu essen, oder vor Hunger nicht zur Arbeit gehen können. Die Krankheits- und Sterdlichkeitsziffer ist viel höher als in normalen Zeilen. Von dem Hilfswerk für Palästina werden dort im Lande Darlehen an private Arbeitgeber zur Beschäslignng von Arbeitern und für Notstandsarbeiten. Unterstützungen an Darlehenskassen (zumeist für Handwerker), Unterstützungen an Erwerbsunfähige und Unterstützung an Soldaten und deren Familien verteilt; blos um dem Hunger zu steuern, braucht man unbedingt Mark 15.000.— monatlich. Darum werden nun die deiltschen Inden aufgefordert, sich an die Spitze der Hilfsaktion für Palästina zu stellen. Die Pflicht der deutschen Juden ist es, jetzt der jüdischen Bevölkeruna Palästinas durch eine großzügige Hilfsaktion beiznstehen. Das Hilsswerk für Palästina wendet sich darum an die jüdischeil Gemeinden. Vereine und Institutionen Deutschlands mit der Bitte um Förderung, erwartet aber in erster Linie auch von jedem einzelnen deutschen Juden, daß er das seine dazu beiträgt, um der ungeheueren Not zu steuern und durch die augenblickliche Hilssaktiolt die Möglichkeit eines Zusammenbruches des Geschaffenen und Bestehenden verhüten Helsen. Der Appell wird in Deutschland sicherlich Gehör finden. Geldspenden werden auf das Postscheckkonto Berlin 4192 Hilsswerk für Palästina, Sächsischestraße 8, geleistet. Amerikanische Massenkundgebung. Wir entnehmen der ..Voss. Zeitung" einen sehr interessanten Bericht über eine Massenversammlung der jüdischen Bevölkerung von New-Aork, der folgenden Wortlaut bat: Eine imposante Massenversammlung der jüdischen Bevölkerung von New Jork hat, wie wir dortigen Blättern entnehmen, in der riesigen Carnegie Hall stattgefunden. Sie war zum Zwecke der Einleitung einer Hilfsaktion zugunsten der durch den europäischen Krieg in Notlage geratenen Inden einbernsen, und der Ausruf nannte neben den russischen und russisch-polnischen Inden, detien Hilfe ans Amerika kommen sollte, offiziell auch die Juden tu Galizien, in Prenßisch- Polen, Serbien, Türkei, speziell in Palästina, der Wiege des Judentums. In Wahrheit gestaltete sich das Massenmeeting, in dessen Verlause einer der Rediter packende, erschütternde Schilderungen von derunerhörleu Bedrückung und Mißhandlung der russischen Juden, von der barbarischen Grausamkeit, die sie von den Behörden zu erdulden haben, entwarf, zu einer Kundgebung gegen Rußland und nur gegen Rußland allein. Von einer schlechten Behandlung oder einer drückenden Notlage der Juden ui Oesterreichisch- oder in Preußisch-Poleu, in Serbien oder in der Türkei war mit keinem Wort die Rede. Die Carnegie Hall war bis zur äußersteil Fassungskraft gefüllt, und über 3000 Personen, die gleichfalls gekommen waren, und an der großartigen Kundgebung der Nüchstenklebe teilzunehmen, konnten keinen Einlaß mehr erlangen. Und was sich drinnen in dem großen Saale, der sonst der Psiege der Kunst gewidmet ist. abspielte, erinnerte an die biblischen Erzählungen von der unerschöpflichen Hilfsbereitschaft des jüdischen Volkes für seine leidenden Stammesgenossen. Die Versammlung war von dem „American Jeivish Relief Commitee" einberufen worden, dem Hilssa itsschnsse der amerikanischen Juden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat. im Laufe des Jahres 1916 fünf Millionen Dollar, also zwanzig Millionen Mark, für die durch deu Krieg ilotleideud gewordenen Juden unter den amerikanischen Glaubensgenossen zu sammeln. Seit dem Kriegsbeginn hat dieser Ausschuß bereits l,500.000 Dollar auf diesem Wege ausgebracht, aber j diese Summe reicht natürlich nicht ans. Noch ehe eine halbe j Stunde nach der Eröffnung der Bersatumlung verstrichen war, konnten vier Spenden von je 100.000 Dollar angekündigt werden. In hellen Scharen strömten die Anwesenden zum Podium, tim dort ihre Liebesgaben niederzulegen. Aus dem Tische des Redners häuften sich Schecks in Höhe von 50 bis 50.000 Dollar, andere schriftliche Zahlungsversprechuugen, Bargeld und Wertsachen. Männer eilten herbei ltnd leerten buchstäblich ihre Taschen auf den Tisch. Einer besaß nur 1 Dollar und 5 Cents; er gab den Dollar her und behielt die 5 Cents, um nach Hause fahren zu. können. Ein anderer,' der 7 Dollar Wochenlohn hat, verpflichtete sich, die Hälfte davon während der ganzen Dauer der Hilfskampagne herzngeben. Dutzende von Frauen zogen ihre Ohrringe, ihre Fingerringe, alle» Geschmeide, das sie trugen, ab und übergaben es dem Ausschüsse, Männer stifteten neben dem Bargelde ihre Taschenuhren und was sie sonst an Wertsachen bei sich hatten. Als die Versammlung geschlossen wurde, tagen l1/i Millionen Dollar, fünf Millionen Mark, in Schecks, Bargeld und Schmucksachen zur Verfügung des Ausschusses. Eine über den lokalen Rahmen hinansgehende Bedeutung erhielt die Versammlung in Carnegie.Hall durch eine Rede, in der Bischof Greer von der protestantisch-episkopalischeu Kirche in New-Iork von der „Schuld des Christentums an die Juden" sprach. Diese Schuld müsse endlich getilgt werden, und zu diesem Zweck forderte der Bischof alle Christen ans, sich an dem Hilsswerke für die notleidenden Jttden nach Kräften zu beteiligen. „Auch die Zivilisativu uud die Humanität," schloß der angesehene Geistliche, „stehen in der Schuld der Inden. Und deshalb appelliere ich an die Humanität des amerikanischen Volkes ohne Unterschied des Glaubens, diese Schuld mit vollen Händen dem Jüdischen Volk in der bitteren Stunde seiner Not zurückznzahlen." Auch der Leiter des Uuterrichtswesens im Staate Aew-Aork, Finlay, der Präsident der Cornell-Universität, Dr. Schurman, und der Kongreßabgeordnete Meyer-London sprachen in der Versammlung; die tiefste Wirkung erzielte Dr. Magnes mit den eingangs erwähnten Berichten aus Rußland über die furchtbare Lage der dortigen Juden. Langsam, in großen Menschenwelleu, zogen die 3500 Männer und Frauen, die feierlichen Töne des patriotischen Hymnus „America" anstimmend, ans dem Riesenranm ins Freie. Das Getto in Korfu. Der südöstliche, von den alten venezianischen Festungswerken begrenzte Teil der Stadt Korfu, schreibt Elsner in seinem interessanten Buche „Bilder ans Neu-Hellas", (siehe „N. Wr. Jonrn." vom 9. d. M.) wird seit dem Beginn des XVII. Jahrhunderts von der dortigen jüdischen Gemeinde bewohnt. Bielstöckige, altertümliche Häuser bilden ein Gewirr eitger, finsterer Gäßchen. Wir stehen hier -aus historischem Boden, inmitten eines Volkes, dessen Geschichte reich ist am wechselvollen Begebenheiten und interessanten Zügen. Ansiedelungen von Juden im übrigen Griechenland sind auf die ältesten Zeiten znrückzusühren, aber den Boden Korfus betraten sie nicht vor dem XU. Jahrhundert. Dafür liegt ein Zeugnis des gelehrten spanischen Rabbiners Benjamin ' aus Tudela vor, der den Orient bereiste, um eine Vorstellung von der Lage seiner dort lebenden Glaubeusbrüder zu gewinnen. Während damals in Arta und Naupaktos je 100, in Euböa und Krissi je 200 Inden wohnten und die Zahl der als die vorzüglichsten Pnrpnrfärber und Seidenwirker