Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1916-03-10 · Heft 8 (10.3.1916) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 8 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063828-3063836--09934-3077227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 8. öffentliche» Schulen ausnahmslos als gesetzliche Ferialtage, während der Sabbat und die jüdischen Feiertage nur für jüdische Schüler als Entschnldigungsgrnnd gelten. Der Schulunterricht wird aber an letztgenannten Tagen auch in Schulen mit jüdischer Schülermujorität weiter erteilt, während er bereits entfällt, wenn drei katholische Schüler einer Klasse an religiösen Uebungen (Beichte. Kommunion) teilnehmeu. Die gegenwärtige Majorität im Wiener Stadtrate konnte sogar ohne wirksamen Einspruch der mosaischen Religions- Vertreter in den k. k. Schulbehörden die Anstellung jüdischer Lehrkräfte in Wien einstellen. so daß diese gegenwärtig tatsächlich im Aussterben begriffen sind. Der Weltkrieg offenbarte nun deutlich genug die Wichtigkeit und Tragweite einer guten öffentlichen allgemeinen Volksschule im Belange der allgemeinen Wehrtüchtigkeit. Er kräftigte die Staatsgewalt wieder in ungeahnter Weise und die im Feuer des Krieges wieder glänzend zutage getretene S t a a t s 1 r e n e der jüdischen und mohammedanischen Staatsbürger und die Allianz mit dem osmanischen Reiche schwächen naturgemäß jede konfessionelle Unduldsamkeit. So ist trotz aller gegenwärtig noch wahrnehmbaren Vorkommnisse nach Kriegsfchlnß doch ein durchgreifender Wandel in der Schulpolitik zu erhoffen, der auf die Wiederherstellung der interkonfessionellen allgemeinen Volksschule hinzeigt. Solange aber die gegenwärtigen Zustände noch fortdauern, so lauge sind die Vertreter der mosaischen Konfession in den k. k. Schulbehörden moralisch doppelt verpflichtet, ans der Hochwacht zu stehen und das jüdische Interesse in den öffentlichen Volsschnlen mit allen gesetzlichen Mitteln zu verteidigen. Die jüdischen Staatsbürger steuern zu diesen Schulen verhältnismäßig mehr als ihrer Zahl entspricht und sie wollen dieselben auch sorglos und ohne Schaden benützen. De« neu gewählten und von der Krone ernannten Vertreter der mosaischen Konfession im niederösterreichischen Landesschulrate geht der Nus großer Arbeitslust voraus. Dies berechtigt zur Hoffnung, daß er keine gesetzliche Handhabe unbeuützt lassen werde, welche die Hebung religiösen Lebens für den mosaischen Volksnachwuchs ermöglichen kann. Das Interesse der jüdischen Lehrerschaft wurde frisch erregt und es soll die Aufgabe des Autors dieser Arbeit sein, in den nächsten Nummern dieses Blattes zu erörtern, wo und wie zu solchem Streben nach dem gegenwärtigen Stande der österreichischen Schulgesetze und Verordnungen der Hebel angesetzt werden könnte und müßte. R. L. Hilfsaktion für die notleidende Mische Kevölkernng in Galizien und Russisch-Voten. In der am 22. Februar d. I. abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Allianz zu Wien wurde unter anderem über die bisherige Hilfsaktion der israelitischen Allianz für die Opfer des Krieges ein ausführlicher Bericht erstattet. Die Fürsorge für die jüdischen Flüchtlinge in Wien, Böhmen, Mähren und in dem übrigen Westösterreich, welche neben der großzügigen Aktion der Negierung helfend eingriff, hat seitens der israelitischen Allianz bis jetzt zirka K 500.000.— an Zuschüssen erfordert; durch die noch fortlaufenden monatlichen Unterstützungen .für die noch bestehenden Flüchtlingslager, die Gemeinden und Hilfskomitees dürften sich die Ausgaben noch um weitere K 100.000.— bis K 150.000.— erhöhen. Das Hilfswerk in Galizien wurde seitens der israelitischen Allianz in Gemeinschaft mit dem Verbände der Humanitätsvereine B'nai B'rith und dem galizischen Hilfsvereine sofort nach der Befreiung des Landes in der Weise organisiert, daß für die Unterstützungstätigkeit in Lemberg und in den meisten notleidenden jüdischen Gemeinden Ostgaliziens das in Lemberg konstituierte jüdische Hilfskomitee da§ Zentrum bildet. Bon dort aus werden durch Delegierte dieses Komitees Informationen an Ort und Stelle eingezogen und wird hierüber an das Zentralkomitee in Wien berichtet, welches sodann die erforderlichen Geldmittel insbesondere für die Errichtung von Volksküchen, Waisenkinderheimen und sonstigen Wohlfahrtseinrichtnngen gewährt. Außer dem Lemberger Komitee funktionieren in gleicher Weise für Ostgalizien besondere Hilfskomitees in Brody, Stanislan und Kolomea, für Mittelgalizien in Przemysl, Sämbor, Jaslo, Jaroslau und Gorlice. Die Hilfstätigkeit für Westgalizien wird durch ein Zentralkomitee in Krakau geleitet; für die Bukowina besteht ein Hilfskomitee in Czernowitz. Die Aktion der israelitischen Allianz erstreckt sich aber überdies ans den in österr.-nngar. Verwaltung stehenden Teil von Russisch-Po len, wo an zahlreichen Orten eine drückende Not herrscht. Der Sekretär der israelitischen Allianz berichtete über seinen im Aufträge des Vorstandes im Jänner d. I. erfolgten Besuch der größeren jüdischen Gemeinden und die Organisierung der Hilfsaktion in der Weise, daß in Lublin, Radom, Kielce und Petrikan im Einvernehmen mit den Vorständen der Gemeinden Hanptkomitees eingesetzt wurden, in welchen alle religiösen Richtungen vertreten sind und welchen zahlreiche Lokalkomitees unterstehen. Dieses vielfach gegliederte Hilfswerk hat einen sehr bedeutenden Geldaufwand in Anspruch genommen. Die bisher bewilligten Unterstützungssummen belaufen sich ans zirka eine Million Kronen. Die von der israelitischen Allianz und dem Verbände der Humanitätsvereine B'nai B'rith eingeleiteten Spendensammlungen einschließlich der Sammlung der „Neuen Freien Presse" haben zwar ein sehr ansehnliches Ergebnis geliefert, doch hätte die Aktion sich nicht in solchem Maße entfalten können, wenn nicht unsere amerikanischen Glanbensbrüder uns in besonders hochherziger Weise durch munifizente Zuwendungen, die wir durch das Relief-Komitee in New-Iork erhielten, zu Hilfe gekommen wären. In dem dem Vorstande erstatteten Berichte wurde aber auch weiter darauf hinge'.viesen, daß eine große Anzahl von galizischen Gemeinden noch der Unterstützung harrt, daß ferner die zugesicherten fortlaufenden monatlichen Subventionen noch bedeutende Geldmittel in Anspruch nehmen werden und daß insbesondere auch in allernächster Zeit die Aufgabe an die Allianz herantreteu wird, den durch den Krieg zugrunde gerichteten kleinen Gewerbslenten und Handwerkern znm Zwecke der Wiederaufrichtung ihrer Existenz durch Gewährung von Darlehen, Dotierung von Vorschußkassen bis zu jenem Zeitpunkt Hilfe zu bringen, in welchem die staatliche Aktion eingreifen wird. Mit Rücksicht auf den großen Umfang der sonach noch zu bewältigenden Hilfsarbeit werden sich die noch vorhandenen Bestände in Hinkunft als unzureichend erweisen und es muß daher^nenerlich an die Hochherzigkeit aller Wohltäter appelliert werden, daß sie — und zwar zur Vermeidung einer nachteiligen Zersplitterung der Hilfsaktion — zn Händen der israelitischen Allianz oder einer der ihr angegliederten oben genannten Körperschaften weitere Geldmittel in großem Maße zur Verfügung stellen mögen. Der Zar und seine „lieben Inden". So oft Rußland sich in finanziellen Nöten befand, war die Regierung des Zaren immer freigebig mit Zusagen in der Judenfrage, die aber niemals eingehalten wurden. Und daß es anch jetzt der russischen Regierung mit den durch den geldsttchenden Fiuanzminister Bark abgegebenen Versprechungen über die Verbesserung der Lage der Inden nicht ernst ist, beweist der nachstehende, im „Berliner Tagblatt" veröffentlichte Situationsbericht, der auch von anderer Seite bestätigt wird: Herr Morgan der — ein gern gesehener Gast — in Petersburg beinahe fast heimisch geworden ist, hat der russischen Regierung mitgeteilt, daß die amerikanischen Inden „unter gewissen Voraussetzungen" bereit wären, ihre bisherige finan-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.