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Die Wahrheit · 1916-03-03 · Heft 7 (3.3.1916) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 7 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 7. in Amerika wandelte er sich vollständig znm Amerikaner nm. Sie haben daher anch die Lieder des betreffenden Landes, das ihnen znr Heimat wurde, adoptiert. Die einzigen wirklichen jüdischen, Volkslieder sind nur bei den russischen Juden anzmrtsfen, die von der Welt abgeschlossen leben und. ganz ans sich selbst angewiesen, die schlichten Motive, die ihr einförmiges und dürftiges Leben ihnen zu bieten imstande ist. in Liedern besingen, die wieder mir unter ihnen selbst verbreitet sind. Trotz des kümmerlichen Daseins, das die Juden in Nußland führen, sind ihre Lieder zum großen Teil heiter und optimistisch. Einen breiten Raum nehmen die Kinderlieder ein, Lieder, wie sie die Mütter den Kindern vorzusingeu pstegen. Das erzieherische Moment tritt in ihnen sehr stark betont hervor. Fast allen diesen Wiegenliedern liegt die Hoffnung zugrunde, daß das Kind lerneifrig nud fromm sein wird. Mandeln und Trauben, danach steht des lieben kleinen Sohnes heißes Begehren. Was aber ist besser als Mandeln und Trauben? Die Thora, Gottes heiliges Wort, das ist das beste Gut auf Erden. „Der Knabe wird daher eifrig die Thora studieren, ein großer Gelehrter werden und immer ein frommer Jude sein." Handelt es sich um ein Mädchen, daun lauten die Lieder natürlich anders. „Geh schlafen, mein kleines Bögeleiu, schließ deine süßen Aeugeleiu! Du mußt wachsen und eine Dame werden. Deine Kleider müssen aus dem feinsten Stoff gemacht sein. Und du mußt ein Kind gebären, genau so klein nnd lieb wie du selbst." Ist der Knabe vier oder fünf Jahre alt geworden, so wird er in den „Cheder" geschickt, in die jüdische Schule, wo er Hebräisch lernt und in das Studium der Thora eingeführt wird. Darauf wird er natürlich von den Liedern der Mutter vorbeitet. „Das kleine Zimmer ist schon warm, die Luft ist still. Der Lehrer sitzt vor den Schülern und bringt ihnen das Abc bei. Komm, Söhnchen, merke gut altf! Lerne deine Aufgaben gut! Ich will dem Knaben, der am besten Hebräisch lesen kann das schönste Spielzeug schenken. Komm nur und hören! Abc, abc!" Die Mädchen kommen nicht in den Cheder. Daher bewegen sich anch die Lieder in einer anderen Tonart. Ihre künftigen Verpflichtungen im Rahmen der Häuslichkeit werden besungen. Eine große Rolle spielt der Bräutigam in den naiven Versen: „Mutter, finde mir einen Mann!" „Dazu hast du noch sehr lange Zeit mein Töchterchen!" Diesen Vorstellungen entspricht es, wenn ein anderes Lied sagt, daß „es besser ist, einen armen, aber guten und fleißigen Mann zu heiraten als einen reichen Nichtsnutz. Die ausgesprochen humoristischen Lieder sind in der Minderzahl. Sie haben die zahlreichen, im Umlauf befindlichen Rabbineranekdoten zum Gegenstände. Besonderes Jntereffe verdienen die Soldatenlieder. Sie handeln von dem traurigen Los des jüdischen Soldaten in der russischen Armee. Er muß ins Feld ziehen für ein Volk und für ein Land, das ihn verachtet. Er darf sich nicht nach der Art der Väter für Zion und den Gott Zions schlagen, sondern muß die geheiligte Tradition verletzen und ein Leben führen, das im Widerspruche mit seiner Religion steht. Und wenn er dann nach den drei Dienstjahren zn seinem Volke znriickkehrt, bedarf es einer langen Läuterung, bis er wieder der fromme rechtschaffene Jude wtrd, der er ehedem war. Das Soldatenleben spielt daher anch in den Liedern, wie sie von den Frauen gesungen werden, eine große Rolle. Anklänge an deutsche Volkslieder sind nicht selten. So findet sich das bekannte „Kommt ein Vöglein geflogen.. anch in den jüdischen Liedern. Dorr singt eine Soldatenbrant: „Ich stehe am Fenster und ein Vöglein fliegt auf mich zu. Was bringt es mir? Einen Brief von meinem Liebsten." Verschiedene Nachrichten. Wie«. Der ehemalige Bürgermeister von Czernowitz, Dr. Salo W e i ß e l b e r g e r, ist vom Kaiser in den Adelsstand erhoben worden. Diese Allerhöchste Auszeichnung! wurde Dr. Weißelberger zuteil, weil er während der Ruffeuinvasion auf seinem schwierigen Posten ausgeharct und als Geisel verschleppt, in Sibirien ein wahres Martyrium erduldet hat. Die Verleihung des Adelsstandes an Dr. Weißelberger ist vom jüdischen Standpnnkte mit besonderer Befriedigung zn begrüßen, weit Dr. Weißelberger durch persönliche Leistungen und durch patriotische Pflichterfüllung unter schwierigsten Verhältnissen sich die hohe Auszeichnung verdient hat. Nicht eine Millionenstiftnng zn wohltätigen Zwecken hat ihm den Adelsstand gebracht. Vielmehr der Umstand, daß er als Zivilperson die schwere Pflicht als Oberhaupt einer Landeshauptstadt dem Feinde gegenüber, ohne Rücksicht auf Todesgefahr, voll und ganz, erfüllt und zum Schutze der gesamten Bevölkerung ausgeharrt hat. Daß er, als Jude, darauf bedacht war, diese Pflicht allen Nationen der Stadt gegenüber in so aufopferungsvoller Weife zn erfüllen, fei ihm besonders hoch angerechnet. Vien. Se. Majestät der Kaiser hat Herrn Kultusvorsteher Dr. Markus Spitzer znm jüdischen Vertreter im uiederösterreichischen Landesschulrate an Stelle des verstorbenen Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohu ernannt. Herr Dr. Spitzer ist langjähriges Mitglied des Kultnsvorstandes und des Vertreter-Kolegiums. besitzt großes jüdisches und hebräisches Wißen und hat seit jeher ein großes Interesse dem jüdischen Religionsunterrichte gewidmet. Seine Ernennung znm Mitgliede des Landesschulrates wird in allen Kreisen mit großer Befriedigung begrüßt. Wie«. Ein Sohn des bekannten Restaurateurs H e r l i n g e r im II. Bezirk, Ködert in einem bosnischen Jnf.-Reg. ist am südlichen Kriegsschauplätze gefallen. Das Leichenbegängnis des hoffnungsvollen, jungen Mannes fand in Mauten in Tirol statt. Wien. Am 28. Februar fand das Leichenbegängnis des Privatgelehrten Heinrich P l a t s ch e k unter zahlreicher Beteiligung von Gelehrteukreiseu statt. Der Verstorbene war ein Sohn deS weltberühmten Landesrabbiners Abraham Platschet und der Bruder des gegenwärtigeir Laudesrabbiuers Dr. B. Platschet. Der einzige Sohn Wilhelm Plaö'k steht seit Monaten im Kriegsdienste und erschien eine Deputation des Regimentes, im dem er dient, bei der Trauerfeier. In der Grabrede würdigte Herr Rabbiner Dr. S. Funk in beredten Worten die Verdienste der hochangesehenen Familie des Verstorbenen um das Judentum. Die kantoralen Fiiukliouen versah Herr Kantor Roth ans dem XX. Bezirk. Wien „Hilfskommissiou 1915" und Oe.sterreichisches Landeskomitee für Palästina, Wien, IV., Frankenbergergasse 14. Zahlstelle: Bankhaus S. M. v. Rothschild, Wien. I., Renngasse 3, Konto: „Hilfskommission 1915". Infolge emes dringenden telegraphischen Ansuchens unserer politischen Behörde ,n Palästina um Ueberweisnug von 70.000 Frrs., das ist ungefähr 112.000 X zu Mehlaukäufen für notleidende jüdische österr.-ungar. Gemeinden in Jerusalem, Saffed und Liberias sind uns durch gütige Bermirtlnng des hohen k. u. k. Ministerium des Aeußern bisher folgende Spenden zugegangeu: K. u. k. Ministerium des Aeußern, Wien, K 10.000, Baron Louis Rothschild 10.000, Bergrad Max Ritter von Gntmann 6000, Baron Gustav Springer 5000, Baron Siegismund Springer 5000. Dr. Philipp von Gomperz 2000, Direktor Dr. Paul Hammerschlag 1000, Direktor Wilhelm Kux 1000, Kommerzialrat Isidor Manthner 1000, Direktor Ludwig Neurath 1000, Leopold Pollak von Parnegg 1000, Direktor Bernhard Popper 1000, Direktor Emanuel Raumaun 1000, Direktor Alexander Weiner 1000, Direktor Alois Weißhut 1000, Präsident des Giro- und Kaffenvereines Ludwig Wollheim 1000, dieser Betrag,. durch uns um 20.000 X ergänzt ist als erste Rare an das k. u. k. österr.-ungar. Konsulat in Jerusalem überwiesen worden. Im Ganzen beläuft sich die Summe unserer Eingänge bis Ende Februar 1916 auf X 223.145-77. Wie«. Sonntag, den 5. März, präzise 5 Uhr findet im Tempelgebände, XIX., Dollmergasse 3 die ordentliche Generalversammlung des Jüdischen Franen-Wohltätigkeits-Bereiues für den XIX. Bezirk statt. Tagesordnung: 1. Entgegennahme des Rechenschafts- und Kassenberichtes. 2. Erteilung des Absolutormms. 3. Eventuelle Anträge des Vorstandes nnd der Vereinsmitglieder, welche mindestens 4 Tage vorher dem Vorstande bekannt werden. 4. Wahl des Vorstandes. Ansprache Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Fenchtwang. Im Falle die für 5 Uhr einberufene Generolversammlnng nicht beschlußfähig sein sollte, wird unmittelbar darauf eine ziveite Generalversammlung nach § 8 der Statuten mit der gleichen Tagesordnng einberufen. Wie«. Die Generalversammlung des Tempelvereines für den VI. und VII. Bezirk findet Montag, den 6. März, 7 Uhr abends im Tempelgebäude VI., Schmalzhofgasse 3, statt. Graz. L,r. Ehrwürden Herrn Landesrabbiner Univ. Dozent Dr. David Herzog ist vom Kammervorsteher Seiner k. u. k.- Hoheit des Erzherzogs Enge n folgendes Schreiben zngemirtelt worden : Euer Hochwohlgeboren! Seine k. n. k. Hoheit, der hochwürdigst, dnrchlanchligste Herr Generaloberst Erzherzog Eugen haben die von glühender Vaterlandsliebe durchdrungenen Kriegspredigten mit wärmsten Dank entgegengenommen und die Einreihung des Buches in die höchste Pivar-Bibliothek verfügt. Literatur. Die Lieferung 4 und 5 des im Berlage B. Löwit, erscheinenden „Jüdischen Archivs", Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv" hat die Freunde dieser Publikation vielleicht etwas zu lauge auf sich warten lassen. Dafür entschädigt das neue

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