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Die Wahrheit · 1916-03-03 · Heft 7 (3.3.1916) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 7 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 7. Die Wahrheit. Seite 7. Allein selbst im kleineren Maßstabe wurde verhältnismäßig wenig getan und auch in geistig-kultureller Beziehung, wo die Geldmittel nicht so sehr in Betracht kommen, vermißte man bisher leider eine entsprechende Aktion. Und doch ist gerade diesbezüglich die Arbeit sehr notwendig. Die Juden in denjenigen Teilen Polens, die unter österreichisch-ungarischer Okkupation sich befinden, sind im Allgemeinen viel ärmer und kulturell rückständiger, als ihre Brüder in den andern Teilen des Landes. Die mangelhaften Verkehrsverhältnisse in diesem Teile Polens haben es mit sich gebracht, daß die dorttgen Inden viel weniger mit der Außenwelt in Berührung gekommen sind als diejenigen von Warschau, Lodz. Czenstochau, Kalisch rc. Das strenge Abiperrnngssystem, welches die russische Verwaltung zu üben pflegte und welches das Passieren der russischen Grenze nach Innen und Außen ungeheuer erschwerte, brachte es besonders mit sich, daß die Inden Polens sehr wenig mit ihren österreichischen Brüdern in Verbindung treten und die Verhältnisse in der Monarchie näher kennen lernen konnten. War es doch nur den reicheren jüdischen Kreisen Rußlands möglich, von Zeit zu Zeit eine Reise ins Ausland zu unternehmen und wurde doch andererseits die Reise österreichischer Juden nach Rußland mit allen nur denkbaren Mitteln erschwert. Auch die jüdischen Zeitungen der Monarchie fanden keinen Einlaß nach Rußland und so bildeten die Inden Polens eine Welt für sich, fremd für ihre ausländischen Brüder, die ihnen ebenfalls fremd blieben. Nltnmehr. da infolge des siegreichen Vordringens der österreichisch-nngarlschen Truppen die Befreiung dieser Brüder vom Zarenjoche — in welcher Form immer — sicher ist, da nunmehr keine Grenzpfühle den Verkehr zwischen den Inden Polens und denjenigen der Monarchie verhindern, ist es unsere höchste Pflicht, uns diesen Brüdern zu nähern, mit ihnen in Verbindung zu treten, ihre Verhältnisse kennen zu lernen und ihnen die nötige Hilfe und Stütze angedeihen zn lassen. Ganz besonders wichtig ist es, dieselben für den österreichischeil Staatsgedanken zu gewinnen und sie für den Eintritt in ein neues, moderiles, politisch-kulturelles Leben vorzubereiten — selbstverständlich, bei völliger Wahrung ihrer Eigenart und bei völliger Schonung ihrer religiösen Ueberzeugnngen und Empfindungen. Bisher wurde leider in dieser Hinsicht sehr wenig getan. Erst in den letzten Wochen hat die „Israelitische Allianz zn Wien" ihren Sekretär Herrn Dr. Kamiuka dorthin delegiert, der das Okkupationsgebiet bereiste, in mehreren Städten lokale Hilfskomitees ins Leben ries und ihnen entsprechende Geldmittel zur Verfügung stellte. Wir ivollen hoffen, daß die leitenden jüdischen Kreise der Moitarchie es bei diesem einzelnen Schritte nicht bewenden lassen werden, sondern daß die diesbezügliche Aktion die entsprechende Ausdehnung nehmen werde. Es ist dies ihre Pflicht gegenüber ihren Brüdern, gegenüber dem ganzen Judentnme und auch gegenüber ihrem Vaterlande. Spectator. Sablmtmelodie». Glosse zum gleichnamigen Feuilleron in der „Oesterr. Wochenschrift". *) Mehr als ein Vierteljahrhundert ist in der Ewigkeit Meer geflossen, seil ich zum Scheidegruß meinen Lieben die Hand reichte und noch klingen lebensfrisch an mein Ohr die wunderlichen Sabbatweiseu meiner Jugend; noch blendet mich der strahlende Lichterglanz, der sich über meine nun zerstörte und verwüstete Heimatstadt am Freitagabend ergoß. Dort, wo bas Judenelend so unsäglich groß war, wo der „Ungläubige" um den Bissen Brod bitter kämpfen mußte, wo er von aller Welt gemartert und gequält und wo die Hunde gegen ihn gehetzt wurden, dort war das Ghetto des Gedemütigten beste Zufluchtsstätte, er rettete sich in das Gotteshaus, um im Gebete und in der Gotteslehre Trost und Auflichtung zn finden. Eine halbe Woche lang zehrte *) Ans technischen Gründen verspätet. man vom Genüsse des verflossenen Sabbats und die andere Hälfte war seinem neuerlichen Empfange gewidmet. Und wie wurde er freudig empfangen! Nicht wie ein Gott, der wöchentlich erscheint, nein, wie ein heißgeliebtes Wesen, das jahrelang in der Fremde zarückgehalten wurde und nun in die Heimat znrückkehrte. Und zum Empfange der Königin Sabbat — schabbos malkeso — fang der Chasan die schönsten seiner alten Weisen, äs psrknnäis klangen mächtig und geheimnisvoll des Bassisten Töne hinein und dazwischen jubelte glockenhell des „Singer!" Geträlle — „honigsüß" — sagten die Leute, daß den frommen Betern die Augen vor Verzückung glänzten. Der Chorgesang glich bald den rauschenden Jubel- und Siegeshymnen am Schilfmeere und bald den todestraurigen Harfenklängen an den Wassern Babels. Wie war alles so voller Harmonie: die brennenden Kerzen in den blankgescheuerten, siebenarmigen Leuchtern, die schimmernden Sabbatpelzmützen der „Anserwählten des Volkes" und der blinkende Silberbecher, der den Kindern herumgereicht wurde. Es lag ungekünstelte Stimmung in allem und jedem . . . Und daheim erst! Die lieblicheit Semirothgesänge bei dampfenden Fisch- und Fleischspeisen und fellerbringendem Tranke! Wer dachte mehr an den draußen tobenden Haß der Jlldenseiude, wer an die drückenden Fesseln des Golusjoches? . . . Wohl wußten wir von der Existenz des gewaltigen Liedersängers Heinrich Heine noch nichts, ahnten nicht, daß er in seinem „Buch der Lieder" den Sabbat mit einer Prinzessin verglich, allein es war uns klar: wir fühlten des Sabbats Gegenwart, wir hörten seine 'dealen Schwingen über uns rauschen, der Sabbar verlieh uns Licht und Glanz inmitten des finsteren Goluslebens . . . Und wer hören wollte, dem sänge ich. wenn auch mit bescheidenen Stimmmitteln vor die herrlichen Weisen der Sabbatsemiroth — Zur mischelo ockalnu und Jo ribbon usw. — meiner Heimat und wenn er ehrlich ist. er müßte gestehen, daß sie schön, ja herzerhebend seien . . . Und es trifft sich wundersam: von meineii Brüdern, die am Tische meines Vaters den Chor zu den Seinirvlh bildeten, ward dreien das Prädikat Over¬ oder Ueberkaulor und auch mich ereilte das gleiche Schicksal... Ich darf auch mit gutem Gewissen von hiliiderlen meiner Amtsgenosieil rühmen, daß auch aus sie die Savbalstimmnng mit all ihren Negunim wunderbar einwirkte, io daß selbst der Beruf des Oberkautors sie nicht auszulöscheu vermochte. Overkanior Armin W i l k o w i t s ch. Eger. Indische Uolkslieder' Eine überaus interessante, vor Kurzem m der „Zeit" veröffentlichte Abhandlniig über „Jüdische Volkslieder", die allerdings in Fachkreisen manche Richtigstellung erfahren dürfte, geben wir im Nachstehenden behufs Anregung einer Diskussion der angeschnittenen Frage wieder: Der Krieg hat das Interesse am Volkstümlichen, an den primitiven Lebensäußerungen einer Raffe wieder einmal im erhöhten Maße wachgernfen. Alte Lieder, bezeichnend für die Art und Weise, wie ein Volk auf eine Epoche reagiert, wurden der Vergessenheit entrissen, zn Vergleichen herangezogen und neu ansgedenlel. Diesen verdienstvollen Versuchen reiht sich ein Werk an. das im Entstehen begriffen ist und Aufmerksamkeit verdient. Es ist eine Sammlniig von jüdischen Volksliedern, die der Boftoner Milsikschriflsteller Henry L. Gideon im Vereine mir seiner Frau Constance Ramsay Gideon und Mrs. Mary Austin in Angriff genommen hat. Henry L. Gideon, der ein gründlicher Kenner des jüdischen Volksgefanges ist und als Autorität auf diesem Gebiete gilt, legt in der Zeitschrift Musical America seine Gedanken über das jüdische Volkslied nieder. Er definiert zunächst den Begriff des jüdischen Volksliedes. Die Juden als Volk betrachtet, habe» kein Volkslied. Sie können natürlich keins haben. Denn der Jude in Deutschland ist längst Deutscher geworden, in England wurde er Engländer,

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