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Die Wahrheit · 1916-03-03 · Heft 7 (3.3.1916) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 7 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 7. genüg für ein Bestreben, das jüdische Volk zn einem Volke von Narren und Betrügern zu machen. Damit soll aber durchaus nicht gesagt sein, daß die Narren immer die Geführten und die Führer immer die Betrüger sind. O, gewiß nicht! Es gab und giebt eS vielleicht noch den einen oder den anderen Zaddik (Rebben, Wunderrabbi), der selbst überzeugt ist, daß ein Gebet nur dann gottgefällig sei, wenn es mit Tanzen und Springen und Grimasseuschneiden verbunden sei. Vielleicht glaubt wirklich mancher Zaddik, daß er Wunder wirken und in die Zukunft blicken könne. Ein solcher ehrlicher Mann soll einer der Gründer des Chassidismus Schneor (Senior) Salman Liadier gewesen sein, dessen Leben Judäus in einem gut geschriebenen Buche (Der Raw, kulturhistorische Erzählung, Frankfurt a. M., Verlag des Israelit) uns vocführt. Dieser Salman war ein guter Talmudist, was bei den Ehassidim, die das Hauptgewicht auf das Beten und Faxenmachen legen, eine Seltenheit ist, weswegen sie ihn schlechtweg den Raw nennen. Er hat den Schnlchan Aruch in geschickter Weise neu bearbeitet, ein Kunststück aber, das ein ganz simpler Talmudist, Abraham Danzig, Rabbinats-Affessor (Dajan) in Wilna, ebenso fertig gebracht hat (Chajje Adam rc.). ohne daß mau davon viel Wesens gemacht hätte, wie die Chassidim mit diesem Raw! Dieser hat ein Buch geschrieben (Tanja), das nach G r a e tz nicht so blödsinnig ist, wie die übrige chassidäische Literatur. Das dürfte aber noch lange kein Grund sein, diesen Mann als einen Ausbund von Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Weisheit hinzustellen, wie es Judäus getan. Es ist kaum glaublich, aber Judäils stellt diesen Raw als einen idealen Uebermenschen dar, etwa wie der verkörperte Logos dargestellt wurde. Hat dieser mit zwölf Jahren die Gelehrten in Verwunderung versetzt (Luk.- 2), so tili es S a l m a n schon mit zehn Jahren! Sein Scharfsinn übertrifft den der geriebensten Detektivs, so daß Kaiser Paul von Rußland den Wunsch äußert, ihn zum Polizeipräsidenten von Petrsburg zu machen, natürlich wenn er zur russisch-orthodoxen Kirche überginge! Geradezu grotesk wirkt die Schilderung, wie dieser Rabbi in die hohe Politik eingreist und den Sturz — Napoleons herbeiführt! Trotz alledem ist das Buch sehr interessant und unterhaltend, nur muß man sich nicht irreführen lassen und alles für bare Münze, für Geschichte halten, wie es der Verfasser will. Man darf dabei nicht vergessen, daß hier sehr fabuliert wird, und zwar geschickt fabuliert wird, da Judäus nicht nur ein ziemlich guter Schriftsteller ist, sondern leider auch — ein Chossid! Ko« de« jüdischen Uolksschnlen in Koten. Das neueste „ Schulverordn,mgsblatt für Polen" (Nr. 4) bringt außerordentlich interessante Bestimmungen über die Lehrziele und Lehraufgaben der Volksschulen in Polen. Der Unterricht in verschiedenen Gegenständen wird genau geregelt. Der jüdische Religionsunterricht hat nach der Verordnung das religiöse Gefühl zu wecken, die jüdische Tradition lebendig zu erhalten und Liebe zur jüdischen Vergangenheit den Kindern einzuprägeu. Jüdische Eigenart und bisherige Entwicklung des Judentums sind im Religionsunterricht zu berücksichtigen. Die Grundwahrheiten der Religion, die wichtigsten jüdischen Religiousquellen, jüdische Geschichte und jüdische Gebräuche sind mir den Kindern zu betrachten. Es sind demnach zu lehren: Hebräisch, Bibel und nachbiblische Geschichte, Pflichtenlehre. Das Hebräische wird schon auf der Unterstufe unterrichtet. Die Kinder sollen so weit im Lesen geübt werden, daß sie leichte Stücke aus der Bibel, Gebete und Abschnitte daraus übersetzen können. Auch die notwendigsten Kenntnisse der der hebräischen Grammatik werden übermittelt. Die Kinder lernen auch hebräisch schreiben. Es wird ferner genau bestimmt, welche Gebete die Kinder zunächst zu lernen haben, wobei den religiösen Gebräuchen zu Hause und dem öffentlichen Gottesdienst der Ostjnden Rechnung getragen wird. Die biblische Geschichte wird ebenso schon auf der Unterstufe gelehrt. Die Kinder lernen zunächst in Einzelbildern, später — auf den oberen Stufen — im Zusammenhänge die Biblische Geschichte bis zur Rückkehr vom Babylonischen Exil, die Zeit des zweiten-Tempels, das Wichtigste aus der späteren Zeit des Judemtums, möglichst bis zur Gegenwart. In der nachbiblischen Geschichte sind hauptsächlich die Geistesheroen des Judentums zu berücksichtigen, wie z. B. Hillel, Rabbi Akiba, Maimonides u. a., wie auch das jüdische Märtyrertum des Mittelalters. Auf den Geschichtsunterricht kommt die Verordnung ferner anch noch in § 5 zurück, in dem ausdrücklich gesagt wird, daß die Kinder die wichstigsten Vorgänge aus der Geschichte des eigenen Volkes kennen lernen sollen. Die Verordnung, die in einer mustergültigen Weise den Unterricht in den Volksschulen regelt, ist ein schöner Beweis der Vorsorge, die die deutsche Zivilverwaltnng den Volksschulen der eroberten Gebiete angedeihen läßt. Hilfsaktion für dir Inden in Kalen. Ans Warschau wird gemeldet: Die Beratungen, die der hiesige Delegierte in Berlin gepflogen hat, hatten zum Erfolge, daß der deutsche „Hilfsfond 1915" eine monatliche Unterstützung von 100.000 Mark für Polen bewilligte. Davon fallen 50.000 Mark auf Warschau und 50.000 Mark ans die polnische Provinz. Wie der Delegierte, Herr Farbstein, berichten konnte, hat der Hilfsverein außerdem eine monatliche Unterstützung von 155.000 Mark für die jüdischen Kriegsopfer in Litauen und Kurland bestimmt. Davon fallen auf Wilna 50.000 Mark, ans Lida und Bialystok je 30.000 Mark, auf Grodno, Kowno,.Suwalki und Lomza je 10.000 Mark, auf die Städte zwischen Kowno .und Libau je 5000 Mark. Zn dieser Meldung bemerkt die „Jüd. Korrespondenz" folgendes: Indem wir diesen Bericht registrieren, können wir nicht umhin, zu bemerken, daß die österreichisch-ungarische. Judenschaft in dieser Beziehung, wie in vielen anderen Hinsichten, von den deutschen Inden sehr viel zn lernen hätte. Als die deutschen Truppen große Teile Polens und Litauens okkupierten, haben sich die deutschen Inden sofort ihrer erlösten Brüder angenommen und eine großangelegte Aktion in Werk gesetzt, um ihnen materiell und kulturell zn helfen. Vertreter aller großen jüdischen Organisationen im Deutschen Reiche sind wiederholt nach Warschau gefahren, haben das ganze Okkupationsgebiet bereist, um die Verhältnisse ans eigener Anschauung kennen zu lernen und notwendige Hilfe zu organisieren, deren Ausdruck in der im obigen Berichte erwähnten Summe als monatlicher Unterstützung zn finden ist. Gleichzeitig mit deutschen Truppen hat anch die k. u. k.' Armee andere Teile Polens besetzt, wo ebenfalls große jüdische Volksmassen wohnen, die sich in großer Not befinden und dringend Hilfe benötigen. Seitens der österreichisch-nngarischen Jndenschaft ist jedoch bisher sehr wenig zugunsten dieser ihrer erlösten Brüder geschehen. Man hörte bisher fast gar nichts davon, daß sich die bedeutenderen jüdischen Organisationen m der Monarchie für die Juden Polens irgendwie intensiver interessiert hätten, nicht nur wurde ihnen keine ausgiebige materielle Hilfe zuteil, sondern anch in geistig-kultureller Beziehung kümmerte man sich wenig um ihre Verhältnisse. Wohl haben es die Juden in Deutschland viel, besser und leichter, in dieser Hinsicht eine großangelegte Aktion zn führen. Sie verfügen nicht nur über größere Geldmittel, sonderit haben auch nicht für etwa eine Million galizischer und Bukowinaer Juden zu sorgen, für welche seit Kriegsausbruch ganz bedeutende Summen ausgegeben werden mußten.

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