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Die Wahrheit · 1916-02-25 · Heft 6 (25.2.1916) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1916
Issue
Heft 6 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit Seite 5. Wie ganz anders dachte, sprach und handelte vor mehr denn sechs Dezennien der damalige Chef des Pariser Hauses Rothschild, der sel. Baron James von Rothschild. Bekanntlich war Kaiser Nikolaus I einer der größten Feinde der Jtlden. Unter seiner Regierung hatten die Inden im russischen Reiche — wenn auch dazumal nicht wie in der modernen Zeit Pogroms so oft an der Tagesordnung waren — auch sehr viel zu leiden und wären die Franzosen in jener Zeit schon mit Rußland alliiert gewesen, wahrlich, es hätte der Baron James von Rothschild sich um keinen Preis der Welt dazu hergegeben, für diese Verbündeten Handlangerarbeit zu verrichten. Als Begründung dieser Behauptung möge folgende Reminiscenz, die der sel. Prediger Dr. Jellinek im Jahre 1865 veröffentlichte, dienen: In der ersten Hälfte des September 1854, rvenige Tage nachdem der Grundstein zum neuen israel. Tempel in Leipzig gelegt worden war, erwartete ich Albert Kohn, der von seiner Reise nach dem Orient znrückkehrte, im Leipzig-Dresdner Bahnhof, um, da er sich nur einige Minuten anfhielt, mit ihm nach Halle zu reisen. Er kam auch, wie er es mir brieflich angezeigt hatte, wir begaben uns nach dem Leipzig-Magdeburger Bahnhofe und während wir mit einander sprachen, langte Baron James von Rothschild an, der in Wien gewesen war. Albert Cohn stellte mich dem Baron vor, der mir einige Worte über die Grundsteinlegungsfeier sagte, von welcher er in den Zeitungen gelesen hatte. Das Signal zur Abfahrt wurde gegeben, und Herr von Rothschild lud uns ein, mit ihm in sein Conpee zu steigen. Ich folgte der Einladung mit der größten Spannung, da es mir' dadurch möglich wurde, eine Stunde mit einem Manne, wie Herr von Rothschild aus Paris, zusammen sein und über verschiedene Punkte sprechen zu können. Was war der Gegenstand der fast emstündigen Konversation? Nichts als j ü d i s ch e Interessen, und der Baron Rothschild war es, der das Wort führte mit einer Wärme und einer Begeisterung für das Judentum und die Juden, die das graue Haar desselben vergessen machte. Sein Auge glänzte in jugendlichem Feuer, seine Züge belebten sich, seine Stimme klang hell und entschieden, sobald er das Recht seiner Glaubensgenossen berührte, und nichts erinnerte in seinem Gespräche an den Mann der Reserve und der diplomatischen Zurückhaltung. Er sprach, wie es ihm ums Herz war, bald in einem wehmütigen Tone, das Los seiner Brüder in Rußland beklagend, und bald scharf und bitter über die starren Vorurteile, mit denen die Inden kämpfen müssen. Er bediente sich auch manchmal eines hebräischen Satzes aus der Bibel, um das Judentum zu verteidigen. Ziemlich lange verweilte er bei dem Gedanken, wie es möglich, ans Kaiser Nikolaus einznwirken, damit der Druck von den Inden in Rußland genommen würde, und in dtesem Teile des Gespräches wurde er fast pathetisch usw." — Wie haben sich doch seit mehr als einem halben Jahrhundert die Zeiten und in ihnen die Menschen, besonders die Glückbegünstigten geändert! Dr. Fr. Die Korrespondenz in hebräischer» Schriftzeichen. Bekanntlich ist der Gebrauch der hebräischen Schrift in brieflichem Verkehre für alle Gebiete der Monarchie, in welchem Briefzensnr stattsindet, unzulässig. Das Komitee zur Aufklärung über o st j ü d i s ch e Fragen", dem sich der Jüdische Nationalverein in Oesterreich, das Zionistische Nationalkomitee für Westösterreich, das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens, das Bnkowinaer Zionistische Landeskomitee, die Exekutive der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei „Poale Zion“ Oesterreichs, „Agudas Isroel“, Landesorganisation für Galizien und der Bukowina und der Verband der galizischen humanitären Vereine in Wien anschlossen, hat nun an das Armee-Oberkommando, * das Kriegsüberwachungsamt und das Handelsministerium Eingaben gerichtet, in denen um „Aufhebung des die jüdische Bevölkerung in so hohem Maße schädigenden Verbotes der Korrespondenz in hebräischen Schriftzeichen" angesucht wird. Die Gesuchsteller machen daraus aufmerksam, daß das Armee-Oberkommando selbst zu Beginn des Krieges in den in Betracht kommenden Gebieten einen Aufruf in jiddischer Sprache und in hebräischer Schrift verbreiten ließ und heben die Tatsachen hervor, daß sich der größte Teil der östlichen Jndenheit im Umgauge, zur Korrspondenz und im Lesen der jiddischen, ein Teil zur Korrespondenz und Lektüre auch der hebräischen Sprache, jedenfalls aber der hebräischen Schriftzeichen bediene. Daher bedeute der Verbot der Korrespondenz in hebräischer Schrift eine Behinderung des privaten, hauptsächlich den Bedürfnissen des Familienlebens entsprechenden Briefwechsels — eine Behinderung, die doppelt schmerzlich von den jüdischen Soldaten im Felde empfunden wird" — „eine Behinderung des brieflichen Geschäftsverkehres" und „eine Unterbindung der geschäftlichen und redaktionellen Tätigkeit von Zeitungen und Verlagen". Es wäre zu wünschen, daß die Eingaben Erfolg haben. Die Oftjnden nub die Nationalitätenfrage. Zn der gegenwärtig so vielseitig behandelten Frage der Ostjuden veröffentlicht eine ukrainische Zeitung folgende höchst beachtenswerte Mitteilungen: Die Inden osteuropäischer Länder bilden überall besondere, sehr scharf abgegrenzte Gruppen, mit) ist deren Assimilierung mit anderen, nichtjüdlschen Elementen trotz jahrhundertelangen Zusammenlebens nirgends eingetreten. Der Jude läßt sich nach den bisherigen Beobachtungen nirgends, ganz vereinzelte Fälle ausgenommen, assimilieren, und dies ist im europäischen Osten um so mehr der Fall als die osteuropäischen Inden einen besonderen, deutsch-jüdischen Dialekt sprechen. . . Sehr wichtig für die richtige Auffassung der osteuropäischen Judenfrage und deren Lösung ist ferner die räumliche Siedelnng und Verteilung des jüdischen Elements. Hier möchten wir vor allem ans das ukrainische Territorium insbesondere eingehen und einige interessante statistische Daten anführen. Im großen und ganzen wohnen mi ukrainischen Gebiete ungefähr drei Millionen Juden, aber besonders fällt die große Zahl der Juden in Galizien. Bukowina und den Gouvernements der rechtsseitigen Ukraina in die Wagschale. Auf diesem gewaltigen Gebiete, vom Sauflusse angefangen bis zum Dnipostrome, macht die jüdische Minderheit etwas über 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ans, ein Prozentsatz, der um so wichtiger ist. als die Verteilung des jüdischen Elements auf dem ganzen hier in Betracht kommenden Gebiete überall gleichmäßig ist. . . . Den richtigen Maßstab für die Beurteilung der Wichtigkeit des jüdischen Elements in der Gestaltung der nationalpolitischen Verhältnisse der Ostländer werden wir erst daun gewinnet!, wenn wir die Zusammeukuppelung der Judenschaft in den Städten und Städchen dieser Länder in Augenschein nehmen. Diesbezüglich schwingen sich die Juden zu der Bedeutung eines in nationaler Hinsicht ausichlaggebenden Faktors ans, da es ans dem in Rede stehenden Gebiete auch ganz ansehnliche Städte gibt, wo die Jtlden eine absolute, manchmal sogar ganz enorme Majorität darstellen. Der letztere Umstand nun ist für die Beurteilung der Nationalitätenfrage im Osten und im ethnographisch nkraiuischen Gebiete insbesondere von geradezu entscheidender Wichtigkeit. Auf dem Lande wohnen im ukrainischen Gebiete fast ausschließlich Ukrainer; nationalfremde Minoritäten, die sich auf einzelne Kolonistenfamilien reduzieren, kommen hier gar nicht in Betracht — dagegen sind die Städte in der Ukraina zwar national sehr gemischt, aber eben die Zuiammenkuppelung des jüdischen Elements in denselben bringt es mit sich, daß daß wir in der Nkrama bloß zwei Kategorien von Städten und Städtchen haben — die mit (rein) ukrainischer absoluter

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