Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1916
- Issue
- Heft 5 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 5. sie die Welt beglücken, und auch Herr Gor emykin nahm in der Duma den Mund voll von Kultur und deutscher Barbarei und wie alle die schönen Schlagworte heißen! Der Grund von Goremykins Rücktritt soll nach Zeitungsmeldungeu in den inneren Schwierigkeiten des Reiches und insbesondere in der Lebensmitteltenernng z» suchen sein. Allein so sehr es paradox klingen mag, so können wir uns doch des Gedankens nicht erwehren, daß auch diese Schwierigkeiten mit der Jndenfrage eng verknüpft sind. Der ritssische Eisenbahnminister erklärte, daß Mangel an Waggons herrsche, demzufolge er die Lebensmittel nicht rasch genug nach den Großstädten befördern könne. Und doch werden Hunderte mit evakruerten Inden gefüllte Wagen von einem Gouverneur zum andern transportiert, da niemand „die Ware" übernehmen mag. So rollen noch jetzt Eisenbahnzüge mit jüdischen Geiseln aus Galizien plan- und ziellos einher, ohne irgend „abgeladen" zu werden. Als aber ein englischer Minister von dieser jedem menschlichen Empftnden hohnsprechenden Behandlung der Inden Kunde erhielt, erklärte er rundweg: „Die Verbündeten respektieren sich gegenseitig und können sich nicht in die inneren Angelegenheiten des andern mischen". Za, warum aber m die inneren Angelegenheiten der Feinde -sich mischen und gegen angebliche Greuel des Türken gegen die Armenier einen geharnischten Protest im Namen der Menschheit in die Welt schlendern? Könnte nicht ein solcher Protest gegen den „hohen" Verbündeten fruchtbringender sein? Ist es aber nicht die verkörperte Schamlosigkeit, daß der Verbündete angesichts seiner eigenen Schandtaten den obigen Protest auch zu zeichnen wagte und eine heuchlerische Maske der Entrüstung anfsetzte? Ja! wie.sagt Hamlet: Man kann lächeln und immer wieder lächeln und dennoch eilt Schurke sein! . - Ueber den Nachfolger Goremykins wissen wir nur, daß . er trotz seiner deutschen Abkunft ein Deutschenhasser ist. So bildet er nun auch ein Glied in der Kette jener Renegaten, an denen wir Juden leider so überreich sind, die Steine nach ihren Stammesbrüdern werfen und sie mit Schmutz zu bedecken suchen, um ihre eigene Herkunft zu verbergen. Daß aber dieser Reaktionär das russische Volk ans seiner Bedrängnis retten wird, glaubt niemand und es ist vorauszusehen, daß beim nächsten Sturm auch dieser „Stürmer" das Hasenpanier ergreifen wird, wie es schon so viele dieser tapfere Kriegshetzer getan haben. Denn die Ratten verlassen zuerst das sinkende Schiff. Das Schicksal des russischen Volkes aber wird auf dem Schlachtfelde entschieden werden, und weilu es dann den Mut und die Energie anfbringen wird, diese seine Blutsauger von sich abzuschütletn, wenn ein Rächer ans den Gebeinen der Gefallenen erstehen wird, dann wird auch sein Blut nicht umsonst geflossen sein. Erst dann wird auch die Sonne besserer Tage den russischen Juden lachen. Chanoch Al—!. Der momentane Stand des Weltkrieges. Seit Mai des abgelaufenen Kriegsjahres haben die -verbündeten mitteleuropäischen Staaten trotz des perfiden Treubruches Italiens nur Erfolge, und zwar sehr erfreuliche und außerordentlich bedentungsaolle Kriegserfolge zil verzeichnen. während ihre Kriegsgegner ununterbrochen schwere Verluste und uneinbringliche Machtschwächungeu erleiden. Mit deni Eintritte Bulgariens in de» mitteleuropäischen Waffenbund begann die größtmögliche Durchkreuzung der Machtpläne Rußlands und Englands und heute befindet sich bereits der weitaus größte Teil des Balkangebietes im Machtbereich der treuen zeutraleuropäischen Kriegsgenosseu. Nach zehnmonatlichen verlustreichen Kämpfen mußten Engländer «nd Franzosen die Dardanellen räumen und nun sitzen sie in Saloniki, das sie unter brutaler Vergewaltigung Griechenlands besetzten, worauf sie von den Bulgaren unter sehr emsindlichen Bernsten verhindert wurden, den Serben rechtzeitig Hilfe zu bringen. Die Griechen haben nun alle Ursache, ihre unentschlossene Ansfnhllttlg der Neutralität zu bedauern, denn der Entente, von welcher sie abwechselnd mit Bitten, Drohungen und Vergewaltigungen zum Kriegsbeitritte gedrängt wurden, war eine "wohlwollende Neutralität" zu wenig. Oesterreich-Ungarn ist gegenwärtig damit beschäftigt, Montenegro zu entwaffnen und zu besetzen und gegen die albanische Meeresküste vorzudringen. Die verzweifeltsten, aber ergebnislosen Durchbruchsversuche Rußlands und Italiens an den heldenhaft verteidigten Kriegsfronten können daran nichts ändern, wenn sogar der gewaltige Rnssenzar in eigener Person seine geknechteten Scharen in Blut und Tod vortreibt. Während Deutschland, Oesterreich-Ungarn, das osmanische Reich und Bulgarien in brüderlicher Treue in Harmonie und und wohldurchdachter Organisation zusammeuarbeiteu, herrscht aus der Gegenseite Wut und Enttäuschung gegeneinander und trotz wiederholter Regierungs-. Krön- und Militärberatungen und trotz feierlicher Versicherungen nun lückenloser Eintracht wartet die Welt vergebens ans die nun kommenden gewaltigen Kciegsereignisse. ' Die Durchführung der keineswegs allgemeinen, nur unter dem Drucke der ärgsten Kriegsnot beschlossenen Wehrpflicht in England geht nicht glatt von statten und die neue Blockade Deutschlands, sowie die immer kühner gehandhabte Mißachtung der Rechte der neutralen Staaten dürfte nun gewaltige Widerstände auslösen und obenbveiu resnltatlos verlaufen. Wenn der Krieg noch monatelang fortdauert, daun welcheu Deutschland und die Türkei wohl die Zeit ausnützen und möglichst schnell Eisenbahnen und praktikable Straßen über Kleinasien, Persien bis nach China und über Palästina bis zum Süezkanale Herstellen mtb die Absperrung zur See möglichst wirkungslos zu machen. Auch die übermäßige Ausnützung der englischen Seemacht dürfte bald ihre Grenzen finden. Schon erachtet der große Geschäftsmann Onkel'Sam die großen kriegführenden Mächte als wirtschaftlich ansgeblutet und liefert weitere Kriegsmittel nur für Gold. Die neuen, von den Zentralstaaten mit Energie errichteten Verkehrsanstalten über Land müssen aber die handelsbeflissenen nordamerikanischen Staaten mit Sorge erfüllen, den Handel mit Deutschland. Oesterreich-Ungarn, der Türkei, Bulgarien und Persien für immer einzubnßen. Die Union hat daher bereits ein Interesse daran, den Weltkrieg dem Ende znzilsühreu. Auch die Bestrebungen Japans, die Organisation Chinas ganz in seine Hand zu nehmen, müssen auf Nordamerika ernüchternd wirken. Die ganz energische Erklärung des schwedischen Ministerpäsidenten Hammarsköljd im schwedischen Reichstage, unter allen Umständen die strikteste Neutralität wahren zu wollen, sein klarer Hinweis ani Griechenland, den er mit den Worten kennzeichnete: „Zugeständnisse führen leicht weiter und weiter von der wirklichen Neutralität fort" und die provozierte Schlußerklärung des Ministers: „Die Regierung wünscht die Erhaltung der Neutralität wärmsteus, aber es muß damit gerechnet werden, daß dies trotz aller Anstrengungen u» m ö glich werden könnte," deutet wohl darauf hin, daß eine Einigung unter allen neutralen Staaten in dem Sinne stattgefunden habe, von England keine Vergewaltigungen ferner zu dulden.